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Dating:Warum Männer Hunde als Köder nutzen

Portrait of young man sitting with his dog on park bench taking selfie with smartphone model release

Der Hundetrick scheint im digitalen Raum genauso gut zu funktionieren wie im analogen. Aber warum?

(Foto: William Perugini/Imago)

Mit einem Hund an der Seite wirkt man "sozial und symphatisch". Das funktioniert so gut, dass sich inzwischen Menschen auf Datingportalen als Hundebesitzer ausgeben, die gar keine sind.

"Das Apportieren von erlegtem Feder- und Wasserwild zählt zu ihren Hauptaufgaben", heißt es in einer Rassebeschreibung über den Labrador Retriever. Bevor diese allseits beliebte Hunderasse eine weltweite Karriere als Rettungs,- Lawinen-, Such-, Begleit- und Kuschelhund hinlegte, wurde der Labrador in Neufundland von Jägern und Fischern als Nutzhund eingesetzt, vor allem im Wasser. Die intelligenten und robusten Tiere halfen beim Einholen von Netzen und apportierten Enten. Dass sich Labradore anscheinend auch ziemlich gut zum Angeln von Frauen im Internet eignen, ist jedoch ein relativ neues Phänomen.

Nach Ghosting (Kommunikationsabbruch ohne Ankündigung), Benching (Warmhalten eines potenziellen Partners auf der Ersatzbank) und Orbiting (Umschwirren eines Partners mit Likes) rufen Frauenzeitschriften und Flirtportale seit Kurzem einen neuen Trend aus: Dogfishing. Damit ist gemeint, dass Männer in Dating-Apps wie Tinder, Badoo und Bumble mit Hunden posieren, am besten mit beliebten Rassen wie dem Labrador, um mehr Matches zu bekommen und somit die Chancen für ein analoges Treffen zu erhöhen. Den Bewerbern geht es dabei nicht nur ums gemeinsame Gassigehen - sie wollen auch gestreichelt werden. Doch oft stellt sich heraus, dass der Köter nur ein Köder war - und das vermeintlich tierliebe Herrchen gar kein Haustier besitzt.

"Wer einen Hund hält, hat einen entscheidenden Vorteil", sagt Horst Wenzel, Geschäftsführer der Kölner "Flirt University", einer Onlineplattform rund um Liebe und Beziehung, die Flirtkurse und Coaching anbietet. Folgenden Tipp für den "perfekten Tinder-Chat" kann man an seiner Universität lernen: "Fotografiere dich mit deinem Haustier." Denn es gebe nichts, was einen besseren ersten Eindruck bei einer Frau mache, "als wenn du auf deinem Profilbild deinen kleinen Hund auf dem Schoß hast oder deine ältere Katzendame auf dir herumtollt". Der Missbrauch von Leihtieren sei jedoch fies, findet Wenzel, denn wenn die Wahrheit rauskomme, sei das keine gute Basis für eine Beziehung: "Lügen haben kurze Dackelbeine!" Aber es funktioniert: Glaubt man einer Studie zu diesem Thema, für die 1000 Tierhalter und Nichttierhalter befragt wurden, finden 88 Prozent der Deutschen, dass Hundebesitzer kommunikativer und offener sind als Nichthundebesitzer.

"Jemand, der ein Tier hat, ist vermutlich sozial und sympathisch"

"Für mich haben Männer mit Hund absolut Pluspunkte", sagt Anja Striegel, die auf Tinder eher Männer aussucht, die auf dem Foto mit einem Hund kuscheln. "Ich denke mir dann: Der hat nichts gegen Hunde und ist wahrscheinlich auch nicht allergisch gegen Tierhaare", meint Striegel, für die solche Soft Skills fundamental wichtig sind, wenn sie jemanden kennenlernen möchte - denn sie ist Inhaberin der Hundezucht "Lakeview Labradors" in Traubing am Starnberger See und leitet Hundetrainings, ist also ständig von Hunden umgeben. Außerdem lasse ein Hundefoto Rückschlüsse auf den Charakter des Herrchens zu, findet sie: "Jemand, der ein Tier hat, ist vermutlich sozial und sympathisch."

Ein Flirt-Bewerbungsfoto mit Hund signalisiert: Da trägt jemand Verantwortung, ist fürsorglich und liebesfähig. Wenn sich ein Mann für zehn bis 15 Jahre an eine Englische Bulldogge oder einen Mops bindet, ist er dann eventuell fähig, selbst "Bleib" zu machen und eine Familie zu gründen? Das kann natürlich ein Trugschluss sein, falls es sich auf dem Foto um einen Leih-Mops handelt, der als Flirtmagnet herhalten muss. Besonders beliebt auf Tinder sind Fotos mit nacktem Oberkörper und Wuschelhund: Diese Kombination signalisiert, dass da ein fitter, naturverbundener Mann am Start ist.

Ein schwarzer Labrador Retriever: Einer Untersuchung von "Elitepartner" zufolge wirken Hundebesitzer am attraktivsten, wenn sie einen Labrador oder Golden Retriever an der Leine führen.

(Foto: Fred Levy/AP)

Hundebesitzer leben tatsächlich länger und sind gesünder, wie eine andere Studie ergab. Für ihre Untersuchung werteten Forscher der Universität Uppsala und der US-Universität Stanford mehrere Datenquellen von 3,4 Millionen Schweden zwischen 40 und 80 Jahren aus, darunter auch zwei Register über Hundehalter. Die Ergebnisse wurden im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht: Wer mit einem Hund zusammenlebt, stirbt seltener an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Besonders auffällig war dieser Zusammenhang bei Singles. Eine andere Studie geht zudem davon aus, dass Hundehalter experimentierfreudiger, kreativer und begeisterungsfähiger sind.

Nicht alle Hunde sind gleich sexy als Accessoire

Ein sympathischer, gut erzogener und nicht stinkender Hund mit ebensolchem Mann scheint also wirklich ein Wow-Faktor zu sein. "Hunde sind ein toller Kontakt-Generator", sagt Horst Wenzel von der Flirt-University, "das war aber ohne Dating-Apps auch schon so." Allerdings eignen sich nicht alle Rassen zum Anbandeln. Wenn man einer Untersuchung von "Elitepartner" glauben darf, wirken Hundebesitzer am attraktivsten, wenn sie einen Labrador oder Golden Retriever an der Leine führen. Nur jede zehnte Frau kann sich dagegen für ein Pudel-Herrchen erwärmen. Am wenigsten anziehend wirken Besitzer von Zwerg-Pinschern und Kampfhunden wie Pitbull, Rottweiler und Bullterrier aufs andere Geschlecht.

Es sind hauptsächlich Männer, die mit Hunden posieren. Aber auch manche Frauen präsentieren sich in Dating-Apps mit ihrem Haustier. "Hier ist die Intention jedoch eine andere", sagt Flirt-Unternehmer Wenzel, "anstatt beim Betrachter den Beschützerinstinkt und den ,Ohhhh, süß'-Effekt hervorzurufen, wollen Frauen dem Zukünftigen zeigen, dass bei ihnen tatsächlich ein Hund oder eine Katze im Haushalt lebt." Frauen wüssten, "wie sie ihren Körper und ihr Gesicht perfekt in Szene setzen", sagt Wenzel. Schon eine kleine Veränderung der Beinstellung trage dazu bei, dass die Beine auf dem Bild plötzlich viel länger wirkten. Den meisten Männern hingegen falle es sehr schwer, vorteilhafte Fotos von sich selbst zu knipsen - vielleicht erklärt das den Einsatz von Hilfshunden.

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Mit dem richtigen Hund spielen offenbar sogar Elemente wie Aussehen und Status eine geringere Rolle. So gaben in einer Umfrage des Forschungskreises "Heimtiere in der Gesellschaft" 77 Prozent der befragten Hundebesitzer an, dass sie durch ihren Hund häufiger angesprochen würden, rund die Hälfte schätzt den Hund als Flirt-Faktor wichtiger ein als gutes Aussehen. Jeder zehnte Mann und jede 20. Frau sagte, dass sich nach dem ersten Beschnuppern aus einem Gassi-Kontakt eine feste Beziehung entwickelt habe. Wenzel berichtet von Paaren, die sich mithilfe von Hundefotos nähergekommen und dann zusammengeblieben sind.

Es gibt Rechtsanwälte, die Unterhalt für Scheidungshunde einklagen

Gut und schön, aber kann man all diese hübschen Erkenntnisse über die Hund-Mensch-Relation einfach auf die Beziehung zwischen Mann und Frau übertragen? Ist ein Herrchen, das seinem begriffsstutzigen Golden Retriever "Platz" beibringt, automatisch ein guter Partner? Nicht unbedingt. Genauso häufig wie die hundebedingten Flirterfolge sind Hunde als Trennungsgrund, es gibt Rechtsanwälte, die gegen gutes Honorar Unterhalt für Scheidungshunde einklagen.

Vielleicht sind die Hunde-Lovestorys ein Mythos, der immer wieder befeuert wird von Dating-Apps, kommerziellen Partneragenturen und der Heimtierindustrie - unterfüttert von Geschichten wie der von Katharina von der Leyen. In ihrem Buch "Dogs in the City" erzählt die Autorin und Hundefreundin, wie ihr Mops Theo das Bein an einem Mann hob. Eigentlich ein dicker Hund! Doch der Typ lachte und sagte: "Ich bin nicht böse. Nur ein bisschen angepisst." Kann man sich eine romantischere Anmache vorstellen?

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