Süddeutsche Zeitung

Ökologische Mode:Wie ich lernte, nachhaltig zu shoppen

Unsere Autorin hatte einen vollen Kleiderschrank, nichts anzuziehen und ein schlechtes Gewissen. Also ging sie ins Netz - und in Öko-Boutiquen.

118 Kleidungsstücke besitzt eine deutsche Frau im Schnitt (Socken und Unterwäsche nicht mitgerechnet) - fast die Hälfte davon trägt sie einer Umfrage von Greenpeace zufolge selten oder nie. Ich habe nicht nachgezählt, das Ergebnis wäre sicher peinlich. Was ich zufällig weiß, weil ich gestern beim Zusammenlegen nachgezählt habe: Ich besitze 22 ärmellose Oberteile. So viel braucht kein Mensch!

Zu meiner Verteidigung: Viele davon sind alt, manche lang, manche kurz, sie haben verschiedene Farben, Träger, Ausschnitte. Allerdings trage ich tatsächlich nur eine Handvoll der Tops regelmäßig. Andere kommen so selten dran, dass mich ihre Existenz beim Aufräumen überrascht.

Ist doch egal, könnte man nun einwenden. Die Deutschen können es sich offensichtlich leisten, Geld für Klamotten auszugeben, die sie nicht brauchen. Wen stört das schon?

Die Antwort ist unangenehm. Unser textiler Überfluss geht auf Kosten der Menschen, die die (Billig-)Kleidung unter teilweise haarsträubenden Bedingungen produzieren. Und er geht zu Lasten der Umwelt. Die Herstellung von Textilien verbraucht Unmengen an Ressourcen - für eine einzige Jeans werden im Schnitt 7000 Liter Wasser verbraucht. Dafür werden Chemikalien in die Natur gespült. Und das alles nur, damit die Teile dreimal getragen, im Schrank vergessen und fünf Jahre später in die Altkleidersammlung gebracht werden? Denn aussortieren und spenden, das machen die meisten Deutschen sehr regelmäßig.

Spenden ist gut, weniger kaufen ist besser

Kirsten Brodde, Textilexpertin der Umweltorganisation Greenpeace, lobt das nur ein bisschen. "Kleidung zu spenden oder zu recyclen, ist natürlich besser, als sie in den Hausmüll zu werfen", sagt sie. Doch Kleiderkammern und Sozialkaufhäuser kommen mit dem Weitergeben der Ware überhaupt nicht hinterher, so viel wird gespendet. Auf die Frage, was wir besser machen können, zitiert Brodde die britische Designerin Vivienne Westwood: "Buy less, choose well and make it last."

Wenig kaufen, also im Zweifel gar nichts, weil man ja nichts wirklich braucht - Spaß macht das keinen. Bloggerin Anika hat ausprobiert, wie es sich anfühlt, ein Jahr gar nichts zu kaufen. Doch viele Menschen, Frauen insbesondere (sie haben der Umfrage zufolge fast 50 Teile mehr im Schrank als Männer), mögen Mode. Wir wollen gut aussehen und Trends mitmachen, dafür braucht es regelmäßig neue Teile. Wie geht das, ohne die Umwelt über Gebühr zu belasten?

Tauschen und Leihen

Es geht ganz leicht. Schließlich haben viele den Kleiderschrank voller Kram, den sie nie anziehen. Vielleicht ist aber das Top, das ich nie trage, genau das Richtige für meine beste Freundin? Die Snowboardjacke passt vielleicht der Kollegin? Ich mache eh schon lange keinen Wintersport mehr.

Im privaten Kreis lässt sich mehr tauschen, leihen, weitergeben, als ich je gedacht hätte - und der Aufwand ist gering. Stil und Größe meiner Freundinnen kenne ich zumindest ungefähr, meistens weiß ich, wem ich was anbieten kann. Eine kurze WhatsApp - "Guck mal, passt mir nicht mehr, war ein Fehlkauf - magst du das haben?" - und das Teil hat eine neue Besitzerin, die es sogar anzieht. Für manche ist Previously Loved (zu deutsch: früher mal geliebt) schon ein neuer Trend - hört sich ja auch schicker an als "gebraucht" oder gar "Wühltisch" und "Flohmarkt".

Second Hand ist ökologisch

Gebraucht kaufen

Ich habe, als ich schwanger war, damit angefangen, Dinge aus zweiter Hand zu kaufen. Die wenigsten Frauen haben das Geld (oder die Lust), sich für die kurzen Phasen der Schwangerschaft und Stillzeit neu einzukleiden. Hier wie auch bei Kinderkleidung ist secondhand ganz normal. Babyflohmärkte sind stets gut besucht ( hier steht, wo in Ihrer Nähe der nächste stattfindet) und über Apps wie Mamikreisel oder das Second-Hand-Portal Ebay kommt man online an gebrauchte Schwangerschafts-, Baby- und Kinderkleidung.

So kam ich auf den Geschmack. Inzwischen macht mir das Stöbern und Ersteigern so viel Spaß, dass ich den Großteil meiner Kleidung so erstehe. Mein Zalando heißt Ebay - mit Filter nach "Auktion" und "Gebraucht", schließlich gibt es auf der Plattform auch Neuware zu kaufen. Das ist dann allerdings kein bisschen ökologischer, als die Kleidung bei anderen Online-Händlern zu kaufen. Eine andere beliebte Second-Hand-Plattform ist Kleiderkreisel.

Das Angebot an gebrauchten Stücken ist riesig, die Preise sind niedrig, nur ein Rückgaberecht gibt es nicht. Das Risiko, das etwas nicht passt oder gefällt, lässt sich aber minimieren, indem man sich selbst und die Kleidung ausmisst und nach Marken und Schnitten sucht, die man bereits kennt. Zum Beispiel bei der durchgescheuerten Lieblingsjeans, die einfach nur durch ein identisches Teil ersetzen werden soll: Einfach nach Modell und Größe suchen - wetten, dass innerhalb kürzester Zeit jemand die Wunschjeans einstellt?

Noch besser funktioniert Second-Hand-Shoppen nach meiner Erfahrung bei Designerstücken, festlichen oder ungewöhnlichen Teilen. Ein Abendkleid aus petrolfarbener Seide tragen wir auf einer Hochzeit, vielleicht noch auf dem nächsten Fest und dem übernächsten. Doch dann ist es vier Jahre alt und wir wollen ein neues. Das fast ungetragene Kleid kann zur Nächsten wandern.

Ist gebraucht das gleiche wie ökologisch? Natürlich nicht. Gebrauchte Teile sind nicht zwingend aus Bio-Baumwolle, nicht nachhaltig produziert und auch nicht unbedingt fair hergestellt. Gebrauchte Mode ist deswegen gut für die Umwelt, weil es sie bereits gibt. Sie hat ihren ökologischen Fußabdruck, so groß er auch gewesen sein mag, bereits hinterlassen. Kaufe ich ein neues Stück, kurbele ich die Produktion und damit den Verbrauch von Ressourcen an - selbst wenn ich Öko-Mode wähle. Trotzdem, manchmal will ich etwas Neues haben.

Bei Öko-Labels kaufen

Es gibt inzwischen eine wachsende Zahl Öko-Labels, die zudem fair und nachhaltig produzieren. Eine Auflistung gibt es zum Beispiel hier und hier. Der erste Laden, den ich besuche, ist schwer zu finden, ziemlich hipster, hat kaum Auswahl und schickt den Kassenzettel per E-Mail wegen der Umwelt. Ich kaufe erst mal nur einen Slip. Für 34,95 Euro. Er wird zum Lieblingsteil.

Im zweiten Geschäft gibt es hauptsächlich Grobstrick in gedeckten Farben und ich will fast schon aufgeben, als ich ein absolut traumhaftes Kleid entdecke. Teuer? Ja. Doch durch mein Second-Hand-Shopping habe ich so viel Geld gespart, dass ein neues Kleid nun 130 Euro kosten darf.

"Machen Sie einfach den ersten Schritt", sagt Greenpeace-Expertin Brodde. Sie rät, beim nächsten Einkauf zur Bio-Kollektion zu greifen oder mal ein schickes Einzelteil bei einem Öko-Label zu bestellen. "Nehmen Sie sich auf keinen Fall vor, gleich den gesamten Kleiderschrank umzurüsten", rät Brodde. "Das frustriert nur." Wer sich mit dem Thema beschäftige, werde mit der Zeit von selbst immer ehrgeiziger. Das ist zumindest ihre Erfahrung. Und meine.

Drei Tipps zum Nachmachen:

  • Bei Labels einkaufen, die nachhaltig und fair produzieren. Kosten: hoch. Aufwand: mittel. Spaßfaktor: hoch.
  • Leihen, tauschen, reparieren und gebraucht kaufen. Kosten: gering. Aufwand: hoch. Spaßfaktor: mittel.
  • Etwas gar nicht kaufen. Kosten: keine. Aufwand: keiner. Spaß: leider auch keiner.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2768893
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/jana/jobr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.