Ökologisch korrekte Ernährung Ernüchterung, Gemüseallergien und ein Ausweg

Hinter den Glastüren des Kühlregals präsentieren sich zahlreiche Wurst- und Käsevariationen in homöopathischen Dosen, alles üppig in Kunststoff verpackt: winzige 80-Gramm-Portionen Schinken und Salami, 100 Gramm, also vier bis fünf Scheiben Schnittkäse, Tofu-Bratlinge im Zweierpack. Und dafür all das Plastik? Dann vielleicht doch lieber 200 Gramm Aufschnitt im Papier aus regionaler Herstellung vom Metzger gegenüber (Antworten auf die Frage "Theke oder Kühlregal?" lesen Sie hier).

Viele Bioprodukte kommen aus dem Ausland. Bei Paprika, beispielsweise, beträgt der Importanteil mehr als 80 Prozent.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Verbringe eine weitere Viertelstunde damit, eine Verkäuferin mit sämtlichen Gemüsesorten zu konfrontieren und sie mit der Frage "Ist das jetzt wirklich bio oder nur nach EU-Richtlinie?" in den Wahnsinn zu treiben. Mit umso mehr Genugtuung registriert sie kurz darauf meinen fassungslosen Blick auf die Summe am unteren Ende des Kassenbons, der sich mir mit unerbittlichem Rattern entgegenschlängelt. Aber so leicht gebe ich nicht auf - ein reines Gewissen ist eben nicht für lau zu haben.

Fragen

Ernüchtert, aber nicht desillusioniert packe ich zu Hause meine Beute aus - und mit ihr eine Reihe an Gewissensfragen: Wie sinnvoll ist der Kauf von ökologisch produzierten Wurst- und Käseprodukten, wenn sie nur in Verbindung mit Verpackungsmüll zu haben sind? Tue ich der Umwelt einen Gefallen, wenn ich auf Fleisch und Wurst verzichte? Wie bio kann Gemüse aus Marokko oder Israel sein? Und warum wird es von so weit her nach Deutschland gekarrt?

Wäre es nicht besser, wenn das Zeug aus deutschen Gewächshäusern käme? Oder man sich einfach nach der Jahreszeit richtet und sich saisonal ernährt? Gibt es eigentlich "gutes" und "böses" Bio? Und wovon, bitteschön, soll ich so ein ökologisch korrektes Leben überhaupt bezahlen? (Die Antworten auf diese und weitere Fragen lesen Sie im Interview.)

Das Telefon läutet und stellt mich vor die nächste Entscheidung: Darf ich eine Einladung zum Essen in ein ökologisches Wirtshaus annehmen, wenn ich dazu in ein Auto einsteigen muss? Ich finde: nein. Und sage ab.

Bedenken

Träume, dass mein Sohn ist in den Hungerstreik getreten ist, weil er in der Schule den Begriff "Gemüseallergie" aufgeschnappt hat. Mein Mann hat sich an unseren Kühlschrank gekettet, um das letzte Brathuhn aus Käfighaltung zu bewachen, während der Tierschutzverein die Küche besetzt und das Kind zwingt, Rohkost zu essen. Im Innenhof pflanzen Männer vom städtischen Gartenbauamt Tomatenstauden, die in Sekundenschnelle wachsen und in unser Schlafzimmer wuchern. Es klingelt an der Tür. Als ich öffne, ergießt sich eine Lawine aus Plastikverpackungen über mich.

Ich erwache schweißgebadet. Irgendwie war mein Leben bis vor einer Woche noch ganz in Ordnung. Inzwischen habe ich zunehmend den Eindruck, dass ich nicht nur eine Belastung für die Umwelt bin, sondern auch für meine Familie. Wenn ich sie in das "Ökorrekt"-Projekt eingliedern will, sollte ich versuchen, sie als Verbündete zu gewinnen. Zum Beispiel durch gemeinsames Pizzabacken: Mit einer Backmischung von Demeter und jeder Menge Bio-Gemüse hantieren wir gemeinsam in der Küche. Und plötzlich kein Wort mehr von wegen Gemüseallergie. Na also. Geht doch.

Fazit

Wir können unser schlechtes Gewissen nicht vor dem Bio-Laden abstellen. Und uns keine weiße Weste mit Produkten aus der Region kaufen. Um sich ökologisch unbedenklich zu ernähren, gehört manchmal mehr, als ein Stadtmensch ohne Gemüsebeet leisten kann. Doch der goldene Mittelweg ist immerhin ein Anfang. Wir bleiben dran.

Die Recherche zu Landwirtschaft und Ernährung: Kein Fressen ohne Moral

"Erst das Fressen, dann die Moral - wie sollen wir uns (künftig) ernähren?" Das wollten unsere Leser in der vierten Runde unseres Projekts Die Recherche wissen. Mit einer Reihe von Beiträgen beantworten wir diese Frage.

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