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Öko-Mode:Mehr als Wollsocken und Latzhosen

Öko-Mode wird immer trendiger, und doch hat sie immer noch ein Imageproblem. Hinzu kommen Probleme mit Bio-Baumwolle.

Die Unterwäsche fällt größtenteils in die Kategorie Liebestöter, ansonsten kommt das, was die blutjungen Models beiderlei Geschlechts vorführen, sehr flott daher. Keine Haute Couture, aber trendige Mode für Alltag und Freizeit. Die "Lohas" am Rande des Laufstegs sind angetan und applaudieren.

Loha ist eine Abkürzung für "Lifestyle of Health and Substainability", was Menschen bezeichnet, die einen auf Gesundheit und Nachhaltigkeit ausgelegten Lebensstil pflegen. Mit anderen Worten: Konsumenten mit überdurchschnittlichem Einkommen, die nicht Geiz geil finden, sondern auf Qualität, sowie ökologisch und ethisch einwandfreie Herkunft dessen achten, die sie einkaufen. Sie bilden die Zielgruppe der gesamten Biobranche, also auch jener Öko-Mode, wie sie auf dem Laufsteg in Halle 8 bei der zu Ende gegangenen weltgrößten Ökomesse Biofach auf dem Nürnberger Messegelände vorgeführt wurde.

Experten halten bis zu 18 Prozent der Deutschen für Lohas, Tendenz steigend. Ihre Kaufkraft schätzen Ökonomen auf bis zu 200 Milliarden Euro. Doch nur ein winziger Bruchteil des Geldes wird für Bio-Textilien ausgegeben. "Es ist noch eine winzige Marktnische", sagt die Unternehmensberaterin Jana Kern, die sich auf das Thema Nachhaltigkeit in der Modebranche spezialisiert hat. Nicht einmal ein Prozent der weltweit gepflückten Baumwolle wurde nach ökologischen Kriterien angebaut.

Junge Modemacher setzen auf Öko

Der Umsatz mit Bekleidung und Heimtextilien aus biologisch angebauten Naturfasern liegt in diesem Jahr bei voraussichtlich 5,3 Milliarden Dollar. Immerhin: 2007 waren es nur 1,9 Milliarden Dollar. "Der Markt wächst schnell und er professionalisiert sich", sagt Kern. Vor allem bei jungen Modemachern ist Öko voll im Trend.

Auch etablierte Handelsketten bauen ihr Angebot immer weiter aus. Wal-Mart, C&A sowie der Sportartikelhersteller Nike sind inzwischen die drei größten Anbieter. C&A verkauft in Europa mittlerweile 18 Millionen entsprechender Einzelstücke. Und trotzdem ist Öko-Mode im Handel für den Endverbraucher in Läden und Werbung kaum sichtbar, erst recht nicht auf den ersten Blick.

Vielleicht hat das damit zu tun, dass Hersteller und Händler sich und ihren Zulieferern selbst nicht trauen. Skandale, wie jener zu Jahresbeginn um genetisch veränderte Baumwolle aus Indien, die als Bioware deklariert und vermutlich auch über große Handelsketten verkauft wurde, verschrecken Käufer. Vor allem die sensiblen Lohas, die konsequent sind in ihrem Streben nach perfekter ökologischer Reinheit beim Einkauf.

Vielleicht hat Öko-Mode auch ein Imageproblem. Viele Konsumenten denken dabei an selbstgestrickte Pullover aus kratziger Wolle und sackähnliche Latzhosen aus den Jahren ganz zu Beginn der Biowelle. Das, was auf dem Nürnberger Biofach-Laufsteg gezeigt wurde, hatte zwar mit alledem überhaupt nichts mehr zu tun, setzte aber auch nicht unbedingt neue modische Trends. "Die Kunst ist es, die Coolness der Mode mit den Ökogrundsätzen zusammenzubringen", sagt Christoph Dahn, geschäftsführender Gesellschafter des Öko-Moden-Großhändlers GTB.

Ist die Bio-Party schon zu Ende?

Momentan allerdings weise auch der Trend in eine falsche Richtung. Angesagt seien vielfach vor allem billige Kleidung, die man schnell wieder wegwirft, beklagt Dahn. Öko-Textilien sind aber im Schnitt 30 Prozent teurer als herkömmliche Ware. "Umso mehr müssen Hersteller und Händler kommunizieren, worin der Mehrwert liegt", sagt Dahn.

Aber auch auf Rohstoffseite ist der Markt schwierig. Reihum beklagten Erzeuger organisch erzeugter Baumwolle bei der Biofach, dass die Modefirmen ihnen keine langfristigen Abnahmegarantien geben wollen. Weshalb viele Baumwollbauer davor zurückschrecken würden, auf Bio umzustellen. Auch spekulationsbedingt zeigt der Markt erste Verwerfungen. War Bio-Baumwolle lange ein knappes Gut, gibt es nun erstmals ein Überangebot. Ist die Bio-Party womöglich schon zu Ende? Das war in allen Marktsegmenten die am heißesten diskutierte Frage bei der diesjährigen Biofach.

Nach Jahren des zweistelligen Wachstums stagnierte 2009 der Ökomarkt in Deutschland erstmals. Manche Öko-Lobbyisten wollen den Zahlen neutraler Marktforscher nicht glauben und machten ihre eigenen, für sie in der Regel positiven Rechnungen auf. Andere sehen ihre Branche insgesamt vor einer Zeitenwende. Wachstum, sagen sie, komme nicht mehr von selbst, es müsse strategisch entwickelt werden. Denn die bloße Existenz der Lohas sorgt noch lange nicht für gute Geschäfte.

© SZ vom 23.02.2010/bre

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