Obdachlose in Berlin:"Erhöhte Sauberkeit und Ordnung"

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Etwa in Frankfurt am Main: Früher sei das dortige Bahnhofsviertel durch die Trinkerszene, Sexarbeiter und -arbeiterinnen, Drogenkonsumenten und Wohnungslose geprägt gewesen. "Inzwischen gibt es eine Art Korridor vom Bahnhof bis zur Zeil, das ist die Frankfurter Fußgängerzone." Dort wurden zum Beispiel kleine Dächer auf die Stromkästen montiert, an denen sich früher die Trinkerszene traf. "Nun können die Leute dort ihre Flaschen nicht mehr abstellen." An manchen Stellen seien Wasserdüsen in die Fassaden eingelassen, "da kann sich niemand mehr hinsetzen oder -legen." Ähnliche Düsen gebe es auch in Hamburg. Das offizielle Argument für solche Maßnahmen sei stets: "Erhöhte Sauberkeit und Ordnung".

In Berlin habe sich die Situation von Obdachlosen ebenfalls verändert, sagt Ortrud Wohlwend von der Berliner Stadtmission. "In den Jahren nach der Wende gab es hier viele leere Häuser und Brachen", sagt sie, "da konnten wohnungslose Menschen gut Unterschlupf finden." Das sei heute nicht mehr der Fall. Trotzdem kommen immer mehr Obdachlose in die Hauptstadt, die meisten von ihnen aus Osteuropa. Entsetzen löste vergangenes Jahr ein "Elendscamp" wohnungsloser Menschen im Tiergarten aus. Dort überfiel ein Tschetschene eine Frau und tötete sie. Der zuständige Bezirk Mitte räumte das Camp, als "letztes Mittel", nachdem alle Bemühungen gescheitert seien, die Bewohner über Sozialarbeit zu erreichen.

Doch das grundlegende Problem blieb. "Die Leute sind ja nicht auf einmal weg. Sie müssen sich dann einen anderen Unterschlupf suchen", sagt Wohlwend.

Dennoch findet sie den Umgang mit Obdachlosigkeit in Berlin an vielen Stellen gelungen. "Wir haben ein dichtes Netz der Hilfe", sagt sie. Sie lobt zum Beispiel die Zusammenarbeit mit der Polizei und mit den Berliner Verkehrsbetrieben, der BVG. Zudem engagierten sich viele Berliner ehrenamtlich in der Obdachlosenhilfe.

Im Winter Mitleid - im Sommer Geringschätzung

Forscherin Sandra Wolf beobachtet ein ambivalentes Verhältnis der Öffentlichkeit zu Obdachlosen. "Einerseits finden es viele Menschen bedauernswert, dass es in einem reichen Land wie Deutschland Obdachlosigkeit gibt", sagt sie. Auf der anderen Seite seien viele Deutsche der Meinung: "Wer obdachlos ist, ist selber schuld." Und so schwanke die Öffentlichkeit zwischen Mitleid und Geringschätzung. Im Winter treibe viele Menschen die Sorge um, dass die Obdachlosen erfrieren könnten, sie forderten mehr Unterstützung. Anders im Sommer: "Da werden zum Beispiel Parks vermehrt von Obdachlosen genutzt, von deren Anblick man sich beim Spazierengehen oder Grillen gestört fühlt." Und der Ruf nach Ordnung werde wieder lauter.

Ortrud Wohlwend kann verstehen, dass Menschen sich gestört fühlen, wenn Obdachlose in die U-Bahn einsteigen und stinken. "Sprechen Sie die Leute an", rät sie, "sagen Sie ihnen, wo die nächste Ambulanz ist." Denn häufig sei Verwahrlosung ein Zeichen von Hilfsbedürftigkeit. Sie versteht es auch, wenn sich Parkbesucher ärgern, dass ein Wohnungsloser seinen Müll hinterlassen hat - und warnt vor Verallgemeinerungen: "Das sind Verhaltensweisen, die nicht nur Obdachlose zeigen."

Eines ist ihr wichtig: "Obdachlose müssen sich genauso wie Menschen mit Wohnung an bestimmte Regeln des Miteinanders halten." Auf dem Gelände der Stadtmission etwa herrsche Alkoholverbot. "Ich finde es richtig, dass wir sagen: Das geht hier nicht", sagt sie. Also Worte statt Stacheln.

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