Familien-NewsletterWer war in der NSDAP? Und warum?

Lesezeit: 1 Min.

Collage: Felix Hunger; SZ Photo/Scherl

Unsere Autorin hat sich in den vergangenen Wochen beruflich intensiv mit der Mitgliederkartei der NSDAP beschäftigt. Und erfuhr so auch ein Detail über ein Familienmitglied, dass sie stutzig machte.

Ein Familien-Newsletter von Marie-Louise Timcke

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Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

war jemand aus Ihrer Familie Mitglied der NSDAP? Und wussten Sie das schon, oder haben Sie es erst durch die kürzliche Veröffentlichung der Mitgliederkartei erfahren?

In den letzten Wochen habe ich intensiv mit dieser Kartei gearbeitet. Die Dokumente auf den Servern des US-Nationalarchivs lassen sich nur mühsam durchforsten, deshalb haben wir sie heruntergeladen, aufbereitet und für jeden leicht durchsuchbar gemacht, aktuell auch ohne Abo. Und wir haben die Informationen, die auf den Karten zu jeder Mitgliedschaft festgehalten wurden, in den historischen Kontext eingeordnet und erklärt. Mit einem SZ-Abo können Sie in personalisierten Texten nachlesen, was wir aus der NSDAP-Mitgliedskartei über Ihre Verwandten rekonstruieren konnten.

Die Arbeit an diesem Projekt war herausfordernd – nicht nur technisch, auch emotional. Denn es gab auch einen Text, der mich persönlich betraf. Ein Verwandter, den ich kenne, seit ich denken kann. Ich wusste, dass dieses Familienmitglied in der NSDAP war. Die schlichte Mitgliedskarte hatte ich bereits Wochen vorher in der Datenbank gefunden: ein Name, eine Nummer, ein paar Datumsangaben. Mehr nicht.

Doch die Einordnung in den historischen Kontext wirft ein neues Licht auf diese Mitgliedschaft. Der Eintritt erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Deportation von Juden bereits sichtbar war. Offiziell herrschte Aufnahmestopp in der Partei, trotzdem wurde mein Verwandter Mitglied. Der Antrag wurde nur zwei Tage nach dem 17. Geburtstag gestellt, also so ziemlich, sobald es möglich war. Und das alles zu einer Zeit, in der die ersten Kriegsniederlagen bereits eingefahren waren, in der das Bild der unbesiegbaren Wehrmacht längst erste Risse zeigte.

Dieser Kontext hat meinen Blick auf die Mitgliedskarte verändert. Warum ist mein Familienmitglied wirklich eingetreten? Aus Überzeugung? Aus sozialem Druck, aus beruflichem Zwang? Weil es alle taten – oder weil er es wollte? Ich werde es nicht erfahren. Ich kann leider nicht mehr fragen.

Wie ist es bei Ihnen? Haben Sie jemanden in den Daten gefunden? Haben Sie mit Ihrer Familie darüber gesprochen – und wenn ja, wie wurde das aufgenommen? Ich freue mich, wenn Sie mir schreiben.

Ein schönes Wochenende wünscht

Marie-Louise Timcke

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