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Notorische Zuspätkommer:Unpünktlichkeit als Machtdemonstration

Roland Kopp-Wichmann

Der Psychologe Roland Kopp-Wichmann, Führungskräftetrainer und Coach aus Heidelberg.

Sind es wirklich immer die wichtigen Leute, die andere warten lassen?

Nicht zwangsläufig. Es gibt auch Mitarbeiter, die meinen, durch Unpünktlichkeit Macht demonstrieren zu müssen. Doch bevorzugt machen das Personen in Führungspositionen. Unter anderem, weil sich keiner traut, zu sagen: So geht das nicht! Der Chef glaubt, dass er sich das rausnehmen kann.

Stimmt ja auch. Und meistens können Konferenzen noch nicht einmal ohne ihn anfangen.

Ein wichtiger Punkt. Das sehen Sie auch bei Konzerten. Manche Musiker sitzen eine Stunde nach Konzertbeginn in der Garderobe mit ihren Kumpels und lachen sich eins. Sie wissen in dem Moment genau: Die 5000 Menschen laufen schon nicht weg. Wenn der Einkaufsleiter sagt: Wir treffen uns um zehn Uhr und der Vertriebsmitarbeiter erfährt vor Ort von dessen Sekretärin, dass der andere sich um eine halbe Stunde verspätet, muss er eben warten. Weil der Auftrag sonst weg ist. Und das, obwohl der Einkaufsleiter vielleicht gerade einfach nur sein zweites Frühstück einnehmen möchte - eine Machtdemonstration.

Gibt es denn keine Möglichkeit, so jemandem beizukommen?

Vielleicht durch dieses Interview (lacht). Nein, im Ernst: Das ändert sich nur, wenn jemand diese Mechanismen bei sich selbst als negative Eigenschaft erkennt. Als Außenstehender kann man das nicht ändern. Derjenige muss sich selbst fragen: Warum komme ich immer zu spät? Und dann verstehen: Aha, ich rebelliere gegen eine Vorgabe. Beim nächsten Mal erkennt er diesen Mechanismus vielleicht rechtzeitig und ändert sein Verhalten.

Doch wenn der Druck groß genug ist, wird plötzlich nicht mehr rebelliert: Zum Flugzeug schaffen es selbst die Unpünktlichen.

Erstaunlich, nicht wahr? Natürlich könnte man entsprechend drakonische Strafen vereinbaren: Wer nicht pünktlich zum Raclette-Essen bei Freunden erscheint, kriegt keinen Stuhl oder nur noch den Nachtisch. Oder wer sich zum Meeting verspätet, zahlt 100 Euro in die Kaffeekasse. Das würde vielleicht helfen, ist aber im Alltag oder Berufsleben nur schwer umzusetzen. Es gibt eben Abhängigkeiten, denen wir uns schlecht entziehen können.

Aber man könnte ja - wenn es sich nicht gerade um den Chef handelt - den Zuspätkommer ignorieren und schon mal ohne ihn anfangen: einfach reingehen ins Kino oder zu essen beginnen.

Tun Sie das ruhig. Das ändert zwar nichts an der Unpünktlichkeit des notorischen Zuspätkommers. Aber zumindest fühlen sich die Pünktlichen dann besser.

© Süddeutsche.de/feko
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