Süddeutsche Zeitung

Niederlande:Der große Frust über die Flitsbezorgers

In Städten wie Rotterdam oder Amsterdam werden Fahrrad-Lieferdienste so ausgebremst wie wohl nirgendwo sonst in Europa. Es gibt sogar Boykottaufrufe - ausgerechnet in den fahrradverliebten Niederlanden.

Von Thomas Kirchner, München

Gorillas, Getir, Flink und Zapp: Kurierdienste, die innerhalb von zehn Minuten per E-Bike nach Hause liefern, was das Herz begehrt, haben sich auch in den Niederlanden breitgemacht. Und passen sie da nicht besonders gut hin, in dieses fahrradverliebte Flachland, das sich noch dazu gerne als start-up nation präsentiert, offen für alles Neue, das der Kapitalismus so zu bieten hat?

In Wahrheit bekommen die flitsbezorgers (Blitzkuriere), wie sie genannt werden, ausgerechnet in den Niederlanden so viele Steine in den Weg gelegt wie wohl nirgendwo sonst in Europa. Den Anfang machte Amsterdam, das den Unternehmen schon im Januar untersagte, neue Verteilzentren in innerstädtischen Wohngebieten oder Einkaufsstraßen zu eröffnen. Anwohner hatten sich beschwert: über Lastwagen auf dem Trottoir, die ständig neue Ware brächten; über Kuriere, die den Verkehr störten mit ihren Elektro-Rennern oder abends vor dem Lager abhingen und Lärm machten. Manche fühlten sich eingeschüchtert von den schwarz gekleideten Fahrern, es kam zu Streitereien, rohe Eier flogen.

Rotterdam und andere Städte folgten schnell dem Amsterdamer Vorbild. Das gefährdet das Geschäftsmodell der Dienste, die die Lager schließlich dort brauchen, wo viele Menschen leben, nicht am Stadtrand. Nun gibt es allein in Amsterdam schon Dutzende davon, aber die Unternehmen wollen - oder müssen - eben expandieren. Anfang Mai reagierte die Branche mit einem freiwilligen Verhaltenskodex: möglichst keine Lager in Einkaufsstraßen mehr, ein "Minimum" an Vorratshaltung, nachhaltige Verpackungen, Ruheräume und andere Verbesserungen für die Fahrer - und nur noch Tempo 25 in der Stadt.

Die Kommunen ließen sich davon nicht beirren. Amsterdam hat gerade neue Richtlinien erlassen, die einer weiteren Ausbreitung der Dienste definitiv Grenzen setzen und sogar bestehende Standorte bedrohen. Für jedes neue Lager müssen die Unternehmen künftig eine Änderung des Flächennutzungsplans beantragen. Die Stadt beurteilt dann, ob das "wünschenswert" ist. Was es nur wäre, wenn die Filiale "keinen negativen Einfluss auf die Lebensqualität (leefbaarheid) des Viertels" hätte.

"Sei kein verwöhnter, dekadenter Trottel und kauf nicht bei den Blitzkurieren"

Dieser Ansatz, den auch die Justiz bisher stützt, spiegelt die öffentliche Diskussion über die flitsbezorgers: In den Niederlanden geht es weniger als etwa in Deutschland um die schwierigen Arbeitsbedingungen für die Kuriere. Im Mittelpunkt steht eher die Frage, wie sich dieses New-Economy-Phänomen auf das Leben in der Stadt und die Gesellschaft insgesamt auswirkt. Das Land ist dichtbesiedelt, man muss achtgeben aufeinander, den knappen gemeinsamen Platz behüten.

Die Zeitungen sind voller kulturpessimistischer Betrachtungen: Was macht das mit uns, fragen sie, wenn jeder Wunsch nach Bier, Chips oder Eiscreme im Nu befriedigt wird? Wenn die Leute nicht mehr einkaufen, einander kaum noch begegnen im öffentlichen Raum? Wenn unsere Viertel von immer mehr dark stores durchsetzt werden, wie die von außen nicht einsehbaren Lager heißen (ein Anblick, der den gardinenaversen Niederländern instinktiv missfällt)? Ein Volkskrant-Kolumnist ruft zum Konsumstreik auf: "Sei kein verwöhnter, dekadenter Trottel und kauf nicht bei den Blitzkurieren, die die Stadt kaputt machen!"

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