New York wird seniorenfreundlich Welcome, reiche Rentner!

Längere Ampelphasen, Speisekarten in Großdruck: New York hat die Kaufkraft der Senioren entdeckt und will ein besserer Ort für alte Menschen werden.

Von Violetta Simon

Die alte Dame mit dem Rollator will den Broadway überqueren - an sich ein aussichtsloses Unterfangen für jemanden, der im Durchschnitt nur einen Meter pro Sekunde bewältigen kann. Doch seit New York City die Ampelschaltung an der Ecke 72. Straße verlängert hat, bleiben ihr dafür 29 Sekunden - vier mehr -, und so schafft sie es sicher auf die andere Straßenseite.

Rüstig und reich: Eine Stadt für Rentner lebenswert zu machen, ist eine lobenswerte Idee - solange alle davon profitieren. Oder geht es am Ende mal wieder nur um Gewinn?

(Foto: dpa)

Wie die New York Times berichtet, will die Stadt ihren älteren Bürgern entgegenkommen, damit auch sie sich in der pulsierenden, lebhaften Metropole wohl fühlen. Die Stadtplaner hätten erkannt, dass New York sich ein bisschen Mühe geben könnte, ein besserer, freundlicherer Ort zu werden, um dort zu altern.

So viel Nächstenliebe ist lobenswert, doch vor allem soll sie sich auszahlen: In rund 20 Jahren wird es ebenso viele Rentner geben wie Schulkinder, etwa ein Drittel der Bevölkerung wird dann über 50 sein - und deren Wirtschaftskraft ist nicht zu unterschätzen. "New York ist sicherer geworden, und wir verfügen über solch einen Reichtum an Parks und kulturellen Angeboten, dass wir uns mittlerweile zu einem Rentnerziel etabliert haben", sagt die stellvertretende Bürgermeisterin Linda Gibbs und bringt es auf den Punkt: Die Rentner kämen nicht nur mit ihrem Geist und ihrem Körper: "Sie kommen mit ihrem Geldbeutel."

Um diese zahlungskräftige Klientel nicht nur zu halten, sondern aus den übrigen Staaten der USA anzulocken, hat sich das schnelllebige New York auf die Fahne geschrieben, etwas langsamer zu treten und den Senioren den Weg zu ebnen. Die Maßnahme entspricht damit einer demographischen Entwicklung, die längst international thematisiert wird. UN-Experten prognostizieren "eine grauere Bevölkerung" - eine Generation von Senioren, die eine neue Identität entwickelt. "Die älteren Menschen der Zukunft sind nicht mehr die älteren von heute", sagte der Technische Direktor des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA), Werner Haug in New York.

Wie aus dem Bericht der New York Times hervorgeht, wünschten sich ältere Menschen weniger komfortable Altersheime oder Bingo-Spielstätten. Was sie wollen, ist vor allem eine Gegend mit netten Nachbarn, in der sie ohne Risiko Straßen überqueren könnten. Außerdem ein paar kleine Läden, in denen sie auch mal ein Glas Wasser bekämen oder die Toilette benutzen dürften.

Und so hat die Stadt in den vergangenen sieben Monaten gelbe Schulbusse in den Straßenverkehr geschickt, die anstelle der Kinder eine Schar Senioren auf Einkaufstour zu ihren Lebensmittelgeschäften befördern. Sie gestattet Künstlern, in verschiedenen Altersheimen Kunstunterricht zu erteilen. Auch sollen künftig in Läden oder auf Bürgersteigen Sitzstangen montiert werden, auf denen sich alte Menschen ausruhen können.

Langfristig will man eine Kooperation zwischen Stadt und Wirtschaft erreichen, die möglichst viele Geschäftszweige zum Mitmachen animiert, zum Beispiel mit Aufklebern, die signalisieren, dass ein Laden seniorenfreundlich ist. Oder aber mit zusätzlichen Bänken, besserer Beleuchtung, Speisekarten mit größerer Schrift oder einer Happy Hour für Rentner.

Ideen für Elitesenioren

Von all diesen Maßnahmen dürften in erster Linie jene profitieren, die über das nötige Kapital verfügen, um die entsprechenden Angebote auch zu nutzen. Für ältere Menschen, die ihr Leben lang in New York gearbeitet haben und nun in weniger attraktiven Randbezirken leben, wird sich die Situation nicht automatisch wesentlich verbessern.

Nach Angaben der New York Times befürchten Kritiker eine übereilte Durchsetzung diverser Ideen - während traditionelle Dienstleistungen wie Altersheime oder Buslinien in Zeiten der wirtschaftlichen Notlage weiter zurückgefahren würden. "Wenn wir von altersfreundlich sprechen, soll es nicht nur um Babyboomer gehen, die sich aus ihren Anwaltskanzleien zur Ruhe setzen", sagte der Präsident der Gesellschaft für soziale Dienste David Jones.

Dass Seniorenheime nach wie vor ein Imageproblem haben, findet auch Stadträtin Gale Brewer. Gerade deshalb sei es wichtig, etwas für alle zu schaffen, etwas, von dem jeder profitiert. "Wovon jeder etwas hat, ist eine Bank. Oder ein Lebensmittelladen, in dem es Rabatt für Menschen über 65 gibt", sagt Brewer.

Oder eben Ampeln, die auch alten Menschen genügend Zeit lassen, in einer Stadt, die niemals schläft, auf die andere Seite der Straße zu kommen.