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New-York-Kolumne (XXXI):Haarputzen fürs Karma

Unser Kolumnist in New York hat Regeln für seine Reisen durch die USA: Die Angebote örtlicher Friseure und Schuhputzer wahrzunehmen. Die machen was mit ihm.

Wenn ich in Amerika auf Reisen bin, gibt es zwei Regeln. Regel Nummer eins: Ich gehe zu einem örtlichen Friseur, ganz gleich, wie der Laden aussieht und ob ich wirklich einen Haarschnitt brauche. Ich bin sicher, dass es exzellente Friseure in den USA gibt, es gibt hier ja prinzipiell alles in herausragend und in mies. Mit nahezu unfehlbarem Gespür finde ich jedoch die miesen Friseure, und ich glaube, im Ernst, dass das gut für mein Karma ist.

Reiseregel Nummer zwei: Immer, wenn ich einen Schuhputzer sehe, lasse ich mir die Schuhe putzen. Implizit führt Regel Nummer zwei natürlich zu Regel Nummer drei, die da lautet, dass ich nicht in Turnschuhen reisen kann, weil ich dann nicht zum Schuhputzer könnte. Zum Schuhputzer zu gehen, gehört aber zu den tollsten Dingen, die man auf Reisen tun kann, das ist sogar noch einen Tick besser fürs Karma, als zum Friseur zu gehen.

In Montgomery, Alabama, putzte mir ein Mann die Schuhe, der neben einer Bürste und einem vom Schmutz bretthart gewordenen Poliertuch ausschließlich Spucke und Wasser benutzte. Das sei ein Rezept seiner Mutter, sagte er. In Las Vegas, Nevada, putzte mir eine Frau die Schuhe, die acht verschiedene Cremes und Polituren auftrug. Ich gab ihr ein monströses Trinkgeld, denn wenn man in Las Vegas mit frisch geputzten Schuhen am Blackjack-Tisch sitzt und dafür ein monströses Trinkgeld rübergeschoben hat, kann man nicht verlieren. Alte Regel.

Der Friseur heißt Robert, und er zittert. Aber er bietet einen besonderen Service

In Las Cruces, New Mexico, zog mir der Schuhputzer neue Schnürsenkel in die Schuhe und sagte: Geht aufs Haus. In Flagstaff, Arizona, bot mir der Schuhputzer ein Glas Whiskey an (es war zehn Uhr morgens, ich lehnte ab). In Austin, Texas, kam ich am Stand eines Schuhputzers vorbei, der Musik von The Grateful Dead in einer Lautstärke spielte, die vermutlich in Houston, ebenfalls Texas, zu Beschwerden führte. Die Schlange am Stand war so lang, dass ich schweren Herzens in ungeputzten Schuhen weiterlief.

Hier in Hell's Kitchen heißt mein Friseur Robert, und ich habe immer noch nicht herausgefunden, ob er beim Schneiden zittert, weil er noch nicht genug getrunken hat oder schon zu viel. In dieser Woche war es so schlimm, dass ich sofort wieder gehen wollte. Aber dann schaute Robert auf meine Schuhe, und er sah, dass ich als einziger Bewohner von Hell's Kitchen Lederschuhe trage. "Wir haben einen neuen Service", sagte er, "zum Haarschnitt gibt's das Schuhputzen dazu."

Ich setzte mich in den Frisierstuhl, Robert übergab meine Schuhe an einen Kollegen und begann, zitternd zu schneiden. Als er fertig war, das Ergebnis wie immer verheerend, brachte sein Kollege die blank gewienerten Schuhe. Robert war irrsinnig stolz. Ich bedankte mich, gab ein monströses Trinkgeld und trat aus dem Laden auf die 9th Avenue, von Kopf bis Fuß exakt der Mann, der ich sein wollte.

Hell's Kitchen Ankommen in Hell's Kitchen

New York-Kolumne

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SZ-Korrespondent Christian Zaschke lebt in Manhattan. Manchmal muss er seinen Lieblingsort verlassen. Dann vermisst er Hell's Kitchen und wundert sich selbst darüber.   Von Christian Zaschke