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New-York-Kolumne (XLII):Beerdigung im Central Park

Unser Kolumnist in New York muss sich von seiner Lederjacke trennen, die ihn sein halbes Leben lang begleitet hat. Doch so ein Teil kann man nicht einfach wegschmeißen.

Die Lederjacke habe ich in Kiel gekauft und in Edinburgh erstmals flicken lassen. Sie hatte damals einen kleinen Riss am Ärmel. In Belfast ließ ich ein neues Innenfutter einziehen. In München kamen jedes Jahr zwei, drei neue Flicken dazu. In London war die Jacke so porös geworden, dass sie zur besten Freundin eines Schneiders in Belsize Park wurde, weil sie ihm ein regelmäßiges Einkommen bescherte.

Alle drei, vier Wochen riss das Leder irgendwo, und alle drei, vier Wochen nähte der Schneider neue Flicken drauf. Die Jacke wurde dicker und dicker, und mit jedem neuen Flicken wurde es mir unmöglicher, mich von ihr zu trennen.

"Du wirst diese Jacke noch tragen, wenn wir längst nicht mehr zusammen sind", sagte K. einmal.

"Wir werden immer zusammen sein", sagte ich.

"Genau das meine ich", sagte sie.

Ich trug die Lederjacke tatsächlich fast immer, außer, es war zu naheliegend. Wenn ich zum Beispiel Interviews mit Rock- oder Popmusikern führe, was nicht oft, aber doch gelegentlich vorkommt, trage ich grundsätzlich einen Anzug. Als ich Jimmy Page traf, den Gitarristen der Band Led Zeppelin, trug ich einen grauen Dreiteiler, dazu ein hellblaues Hemd mit dunkelblauer Krawatte und ein Einstecktuch. Es ist wichtig, dass das Einstecktuch nicht die Farbe und schon gar nicht das Muster der Krawatte hat. Es muss das Motiv der Krawatte aufnehmen, aber es darf es auf keinen Fall kopieren. Als Musiker verstand Page das sofort.

Phil Collins traf ich in einem hellen Sommeranzug mit fast unsichtbarem Karomuster. Weißes Hemd. Gefährlich dünne Krawatte in Grün. Collins wollte als erstes wissen, wo man exakt diesen Anzug bekommt.

Zum Gespräch mit Art Garfunkel erschien ich in einem Nadelstreifenanzug von Paul Smith. Das Innenfutter hat Smith komplett psychedelisch gestaltet. Garfunkel fiel das umgehend auf. Er liebte es.

Man kann eine Lederjacke, die so lange mit einem gereist ist, nicht einfach wegschmeißen. Man muss ihr ein würdiges Ende bereiten. Also zog ich sie in dieser Woche ein letztes Mal an und spazierte, nein: Ich schritt von meiner bescheidenen Bleibe in Hell's Kitchen rüber zum Central Park. Die Ärmel waren unflickbar verloren, im Rücken klafften zwei faustgroße Löcher. Sie war tot. Wir kamen über den Columbus Circle in den Park, das ist die beste Route, vorbei an den Rikschafahrern, vorbei an allem. Am Eingang der Prachtallee The Mall, die von Ulmen und Statuen gesäumt wird, hielten wir inne. Ich blickte nach Südosten, wo K. in 7082 Kilometern Entfernung in Afrika arbeitet, und ich nickte ihr zu.

Dann zog ich die Jacke ein letztes Mal aus und bettete sie am Denkmal des größten Lederjackendichters, der jemals lebte. Ich bettete sie zu Füßen von Robert Burns.

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