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Hell's Kitchen (XXIX):Kopfschüttelnd in der Bar

SZ-Korrespondent Christian Zaschke lebt in Manhattan. Diesmal trifft er sich mit einem Freund, der als Fremdenführer keinen guten Tag hatte und ein paar Drinks braucht. In einer Bar geht der Ärger richtig los.

Kürzlich saßen mein Freund V., der Fremdenführer, und ich im Nancy Whiskey, einer Bar in Lower Manhattan, die, wie der Name zart andeutet, mit einer soliden Auswahl an gebrannten Getränken aufwartet. V. geht, soweit ich das überblicke, nicht oft ins Nancy Whiskey, vielleicht gar seltener als ich. Öfter geht er ins Rudy's, eine exzellente Schrottbar bei mir um die Ecke in Hell's Kitchen, von der aus verschiedenen Gründen nicht verraten werden kann, wo sie genau liegt. Oder er geht in die White Horse Tavern ganz unten in Manhattan (es gibt noch eine zweite im West Village), weil er von dort rasch an der Fähre nach Staten Island ist, die ihn allabendlich nach Hause trägt. Aus V.s Sicht ist der größte Nachteil am sonst rundheraus großartigen Rudy's, dass sie dort kein Guinness zapfen, er aber über die Jahrzehnte seinen Stoffwechsel geduldig so modifiziert hat, dass dieser ohne Guinness eher holprig läuft.

V. bestellte Pfannkuchen mit Blaubeeren

An diesem Abend hatte ich V. nach dem Ende seiner Tour am World Trade Center getroffen, und es war offenbar eine anstrengende Gruppe gewesen, denn er sagte: "Wir gehen sofort rüber ins Square Diner und essen was. Keine Diskussion." Die Köche und Bedienungen des Square Diner sind Mexikaner, Spezialität des Hauses ist trotzdem das griechische Hühnchen-Gyros mit Pommes. V. bestellte Pfannkuchen mit Blaubeeren, woraus ich schloss, dass seine Gruppe wirklich sehr anstrengend gewesen sein musste.

Nach dem Essen lotste er mich wortlos ins Nancy Whiskey. Wenn er eine sehr anstrengende Tour hinter sich hat, redet V. zunächst nur spärlich. Unterbrochen wird sein Schweigen eigentlich nur, wenn er einen lange wartenden Gedanken endlich bis ans Ende durchgedacht hat. Nach rund 30 Minuten im Nancy Whisky, das erste Guinness ging zur Neige, sagte er: "In der Kniekehle kratzt mich der Klettverschluss meiner Bandage." Ich nickte.

Neben uns ließ sich ein Mann namens Dave nieder, der sich ungefragt vorstellte und begann, ohne Unterlass zu reden. V. ging das ersichtlich auf die Nerven, und obwohl er eigentlich schon mehr als genug geredet hatte, sprach er Dave direkt an. Er bat ihn höflich, doch bitte seine gottverdammte Fresse zu halten. Dave sagte: "Wusstet ihr, dass Hitler persönlich gegen den Mord an den Juden war?" V. sah ihn an. Er hatte erkennbar keinen guten Tag hinter sich, und jetzt saß ein Nazi-Arschloch neben ihm.

Er winkte die Barfrau heran. Er zeigte auf Dave und schüttelte den Kopf. Mehr tat er nicht. Sie verwies Dave der Bar. Ich hatte immer geahnt, dass V. ein Mann von Einfluss ist, aber das überraschte mich doch. Er bestellte per Handzeichen das zweite Guinness. Ich sagte: "Das hast du da gerade gemacht?" Er nahm einen großen Schluck, man sah, wie das Leben in ihn zurückkehrte. Er grinste. "Ja", sagte er, "das habe ich da gerade gemacht."

New-York-Kolumne

Hell's Kitchen