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Neues Wohnen:Es ist eingerichtet

Fertig möblierte Zimmer sind so begehrt wie nie - und eine ganze Industrie ist mittlerweile damit beschäftigt, sie authentisch aussehen zu lassen.

Neulich auf einer Housewarming-Party. Auf der Suche nach dem Bad stolpert man durch eine typische Berliner Altbauwohnung. Flügeltüren, abgezogene Dielen, die Zimmer könnte man nach dem jeweils einzigen Möbelstück benennen, das darin steht. Das Stahlrohrtisch-Zimmer, das Bücherregal-Zimmer, das Eames-Chair-Zimmer. Der Gastgeber zeigt auf eine von vielen Türen und sagt entschuldigend, zwei Leute mit einem kleinen Kind, "da braucht man schon 220 Quadratmeter". Partygespräche, wie man sie nur in Berlin führt, Stadt der hohen Stuckdecken und niedrigen Mieten. Egal. Das hier ist die Wohnung aller Träume. Groß, weiß und vor allem leer.

Doch die perfekte leere Wohnung ist gerade dabei, ein Auslaufmodell zu werden. Neuerdings wollen die Leute nicht unbedingt Zimmer, die aussehen wie in einer Kunstgalerie. Sondern man wohnt gerne möbliert. Besser gesagt: vormöbliert. Mit den Tischen, Stühlen, Betten, Lampen und Vorhängen, die schon in der Wohnung waren oder die jemand für einen dort hingestellt hat.

Auf den Immobilienportalen im Netz kann man das beobachten: Die Wohnungen sind nicht mehr nur so mit Weitwinkel fotografiert, dass man Fenster und das Abendlicht auf dem Parkettboden sieht. Sondern es stehen Sofalandschaften herum, an den Wänden hängen Bilder, und die Schlafzimmer sehen aus, als hätte gerade jemand eine Tagesdecke über das Bett gebreitet. Wenn Hollywoodstars ihre Villen an andere Hollywoodstars verkaufen, lassen sie schon immer gerne ihr Zeug darin, vom begehbaren Schrank bis zur Bestuhlung des Heimkinos. Nur Angelina Jolie und Brad Pitt haben die Möbel für ihr 35-Zimmer-Château in Frankreich noch selbst mitgebracht.

In der neuen Küche hängt der Notizblock für die Einkaufsliste schon an der Wand

Torstraße, Berlin-Mitte. Hier hat die Immobilienfirma Fantastic Frank ihren Sitz, die Wohnungen möbliert und verkauft. Fantastic Frank kommt aus Schweden, 2013 habe man Berlin entdeckt und wolle von hier aus weiter expandieren, sagt Markus Pöllinger. Der Makler hat in Berlin für eine Wohnbaugesellschaft gearbeitet und hatte mit Immobilien zu tun, die zu DDR-Zeiten enteignet wurden. Jetzt sitzt er für Fantastic Frank in einem Büro, das selbst aussieht wie eine eingerichtete Wohnung. Graues Sofa, Wuschelteppich, auf dem Couchtisch liegen Bildbände über die Wohnungen von Fantastic Frank. Pöllinger zeigt Terrassen mit Pflanzen und Deckchairs, Zimmer mit gedeckten Tischen, in einer neuen Küche hängt selbst der Schreibblock für die Einkaufsliste schon an der Wand. Die Leute würden zu ihm sagen: Die Wohnung ist toll, und die Möbel kaufen wir so, wie sie hier stehen.

Möbliertes Apartment - das klingt ungefähr so wie das Wort "Junggeselle". Und genau für den waren die fertig eingerichteten Wohnungen ja früher gedacht. Für Männer in der ungeordneten Übergangszeit ihres Lebens, zwischen Hotel Mama und eigenem Hausstand. Geschichten von Leuten, die in möblierten Zimmern wohnen, spielen meistens vor hundert Jahren, und es kommen darin verwitwete Vermieterinnen und Herrenbesuch vor, der selbstverständlich verboten war. In einem Roman von Georges Simenon klärt Kommissar Maigret einen Mord nur auf, weil er in ein möbliertes Zimmer zieht. Er hat mit Hochstaplern, Dieben und Prostituierten zu tun, ein Umfeld, das man als "möblierter Herr", wie es in dem Buch heißt, zum Zimmerpreis offenbar dazu bekommt. Und das soll das nächste große Ding beim Wohnen sein?

Ja, glaubt man bei Fantastic Frank. Die Kunden kommen aus dem Ausland oder suchen nach einem Zweitwohnsitz. "Leute zwischen 28 und 50, viel unterwegs, die sind froh, wenn alles fertig ist", sagt Makler Markus Pöllinger. Für Pendler und Geschäftsleute ist das möblierte Wohnen schon länger ein Thema. Sogenannte Smartments, möblierte Apartments für ein paar Wochen, entstehen gerade überall in Deutschland. Doch man richte auch ganz normale Wohnungen ein, sagt Pöllinger. Die Maisonette am Berliner Stadtrand genauso wie die Zwei-Zimmerwohnung im Erdgeschoss, die vier Jahre lang keinen Käufer fand.

Inzwischen beschäftigt sich eine ganze Industrie damit. "Home Staging" nennt sich das Prinzip und kommt aus den USA, wo die meisten Häuser beim Verkauf noch bewohnt sind. Angeblich kam eine amerikanische Maklerin vor 30 Jahren auf die Idee, inzwischen gibt es sogar eine "Deutsche Gesellschaft für Home Staging und Re-Design", die sich dem Möblieren von Kauf-Wohnungen verschrieben hat. Angeblich verkaufen sich eingerichtete Wohnungen besser und schneller.

Anruf bei Elisabeth Fabian. Sie arbeitet als Homestagerin im Westerwald und hat für ihren Job ein ganzes Depot angelegt. Für das Möblieren gebe es praktische Gründe, sagt Fabian. Man könne sich Räume nun mal besser vorstellen, wenn sie nicht leer sind. Fabian überlegt vorher, zu wem die Wohnung passen könnte. Dann beginnt sie zu putzen, auf- und umzuräumen - ein bisschen wie die Tatortreiniger aus der NDR-Comedyserie. Nur, dass Fabian nicht Spuren eines Lebens verwischt, sondern neue legt. Sie stellt Tische und Bänke auf, Betten und Lampen, "Licht, Licht, Licht, das ist das Wichtigste".

Wenn es nach Markus Pöllinger von Fantastic Frank geht, soll man nicht nur eine fertige Wohnung im Instant-Stil sehen - sie soll auch so wirken, als sei sie noch bewohnt. "Wir arrangieren ungemachte Betten, neben denen noch der Tee dampft, und sagen: Der oder diejenige ist gerade aufgestanden, und so könntest du auch leben." In einer Wohnung von Fantastic Frank liegt ein hingeworfener Joggingschuh, in einer anderen wurde eine Umzugsparty inszeniert, mit wackeligem Tapetentisch in der Designerküche und Stühlen, die wirken wie eingesammelt. Ein junger Schwede kaufte die Wohnung.

Früher kaufte man eine komplette Einrichtung für das Wohnzimmer. Heute soll es genial zusammengewürfelt aussehen - und immer unfertig wirken.

(Foto: Fantastic Frank)

Sind möblierte Apartments eine Kampfansage an Snobs - oder ein Leben in Kulissen?

Früher waren neue Wohnungen Freiflächen, die man mit den eigenen Vorstellungen füllte. Heute hat man keinen Hausstand mehr und zieht außerdem ständig um. Und wie man ideal wohnt, sieht man auf Pinterest oder Blogs wie "Freunde von Freunden", in denen Kreative ihre Wohnungen zeigen dürfen. Die haben alle diesen bestimmten Mix aus Alt und Neu, Rohem und Edlem. Ob man das nun selbst nachahmt oder die Leute von Fantastic Frank es für einen tun, ist fast egal.

Interessant ist, dass Wohnen nichts ist, das man für sich tut. Es muss vorzeigbar sein, die Kunst der geschmackvollen Einrichtung ist ein Statussymbol geworden, die Frage, wie man sein Wohnzimmer kuratiert, eine wichtige. Klar, dass es da verlockend ist, ein Apartment zu kaufen, das schon so aussieht wie mit viel Mühe selbst eingerichtet. Ready to Instagram, sozusagen.

Die Homestager von Fantastic Frank sind junge Leute aus aller Welt, die sich mit Kunst beschäftigen, Sachen auf Flohmärkten zusammensuchen oder besondere Designer ausfindig machen. Die das Berliner Leben, das sie führen, dann für Leute arrangieren, die sich eine Immobilie für ein paar Hunderttausend Euro kaufen können. Viele arbeiten mit Designern zusammen, für die das möblierte Apartment eine Möglichkeit ist, ihre Arbeiten zu zeigen. Die Tische und Stühle der skandinavischen Firma Muuto etwa, die in ihrer Schlichtheit etwas von Schulmöbeln haben.

Die Bilder der Wohnungen verbreiten sich dann wiederum über Instagram oder Designblogs und werden dadurch stilbildend - es geht aber wohlgemerkt immer noch um Immobilienanzeigen. Das Magazin Architectural Digest schrieb einmal, solche Arrangements seien das Gegenteil der "Statuskulissen", in denen "selbst ernannte Gralshüter eines erkalteten Purismus nur einen Eames-Chair dulden". Das belebte Apartment als Kampfansage an die Snobs? Wohnen als Theaterbesuch in der Kulisse der eigenen vier Wände?

Die französische Künstlerin Sophie Calle hat sich einmal als Dienstmädchen in ein Hotel eingeschlichen und die Zimmer, die sie eigentlich aufräumen sollte, fotografiert. Ihre Bilder sind Dokumente des gelebten Lebens, mit hingeworfenen Handtüchern, abgestreiften Kleidern, der Ahnung, dass gerade noch jemand im Raum war. Für den Thrill, in einem gelebten Leben herumzuspionieren, muss man sich heute nicht mehr in fremde Zimmer einschleichen. Es genügt, zu einer Wohnungsbesichtigung zu gehen.