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Neue Konfektionsgrößen:Small ist das neue Medium

Die Deutschen sind in die Länge und Breite gegangen. Neue Kleidermaße sollen nun Abhilfe schaffen. Werbewirksamer Nebeneffekt: Wir passen in kleinere Größen.

Drama in der Umkleidekabine: Endlich passt eine Jeans an der Taille, dafür schlottert sie an der Hüfte. Die vermeintlich pummelige Taille ist dabei nur indirekt das Problem - sie entspricht mittlerweile sogar der Norm. Das hat die größte Vermessung in der Geschichte der Deutschen ergeben. Bei mehr als 13.000 Männern, Frauen und Kindern im Alter zwischen sechs und 87 Jahren wurden im Rahmen der "Size Germany"-Studie mit modernster 3-D-Scannertechnologie Arm- und Beinlänge sowie Hüft- und Brustumfang penibel registriert.

Neue Konfektionsgrößen

Die Deutschen haben in Länge und Breite zugenommen. Der Scanner erfasst die neuen Maße millimetergenau.

(Foto: Foto: sizegermany.de)

Das Ergebnis: Deutsche Frauen sind im Durchschnitt um einen Zentimeter gewachsen, haben an der Taille um 4,1 und an der Hüfte um 1,8 Zentimeter zugelegt. Der Brustumfang ist immerhin um rund 2,3 Zentimeter gewachsen. Bei den Männern hat sich noch mehr getan: Gegenüber der letzten Messung im Jahr 1980 wuchs der Brustumfang um 7,3 Zentimeter, der Taillenumfang um 4,4 und der Hüftumfang um 3,6 Zentimeter. Die Körpergröße hat durchschnittlich um 3,2 Zentimeter zugenommen.

Den Grund für das körperliche Wachstum sieht Martin Rupp vom Forschungszentrum Hohenstein im zunehmenden Wohlstand und der besseren medizinischen Versorgung. Und: Je mehr Fett die Menschen essen, desto mehr wachsen sie in die Breite. "Die Kleidungshersteller werden in verschiedenen Bereichen umdenken und ihre Produkte an die neuen Maße anpassen müssen. Beispielsweise werden Hosen länger und breiter werden", erklärt "Size Germany"-Projektleiter Rupp.

Die Hose muss sich der Figur anpassen, nicht umgekehrt

Das eigentliche Ärgernis beim Kleiderkauf ist also nicht der Hüftspeck, sondern die Tatsache, dass die Industrie ihre Produktion bislang nicht an unsere neuen Ausmaße angepasst hat. "Beim Kleiderkauf treten besonders bei jungen Männern Passformprobleme auf, die Textilindustrie produziert anhand überholter Maßtabellen mittlerweile am Markt vorbei", erklärt Projektleiter Rainer Trieb von der Firma Human Solutions, die auf das Bodyscanning-Verfahren spezialisiert ist. So liegt in den Regalen noch heute Kleidung, die zwar der Großeltern-Generation passen würde - nicht aber ihren Enkeln.

Das soll sich nun ändern, und zwar nicht nur in Deutschland. Langfristig ist europaweit die Einführung eines einheitlichen europäischen Größensystems für Textilien geplant. Der Kunde muss dann nicht mehr herumrechnen, ob eine deutsche Größe 38 einer italienischen 42 oder einer englischen 10 entspricht. In Frankreich, Spanien und Schweden sind die Vermessungen bereits seit 2008 abgeschlossen.

"Größe und Breite sind für fast alle industriellen Segmente von Bedeutung", sagt Rupp. "Sämtliche Möbelstücke vom einfachen Stuhl bis hin zum OP-Tisch müssen angepasst werden." Neben der Bekleidungsindustrie seien vor allem Autohersteller an den Zahlen interessiert.

Schmeichelgrößen für die Kunden

Ziel sei es, die Bezeichnungen der Größen beizubehalten. Lediglich die Maße werden sich ändern. So wird Größe 36 in zwei Jahren nicht mehr mit der heutigen Größe 36 identisch sein. "Bei der Taille wird der Schnitt um einen Zentimeter vergrößert, bei der Hüfte um einen verringert", erklärt Rupp.

"Ein denkbarer, wünschenswerter Nebeneffekt wäre, dass der Kleidungskauf durch die angepassten Größen stressfreier und angenehmer wird. Leute, die Shopping früher gehasst haben, würden wieder mehr Spaß am Kleidungskauf bekommen." Das könne auch daran liegen, dass sich Frauen und Männer mit den nach oben angepassten Größen schlanker fühlen. Diese Erkenntnis nutzen viele Hersteller wie H&M bereits marketingstrategisch - und bieten sogenannte Schmeichelgrößen an. Wer also eigentlich Konfektionsgröße "medium" braucht, passt plötzlich in "small" - das animiert zum Kauf.

Der Einführung neuer Extremgrößen wie etwa die in den USA seit längerem verbreitete "zero", die der deutschen Größe 32 und damit den Maßen einer Zwölfjährigen entspricht, erteilt Rupp eine Absage. "Diese Größe wird es in Deutschland auch künftig nicht geben."

Bis die neuen Kleidergrößen die Läden erreicht haben, wird es übrigens noch etwas dauern: Die ersten konkreten Veränderungen sollen sich in einem Jahr bemerkbar machen.

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