Neu am Markt:Das etwas andere Wohn-Magazin

Die neue Zeitschrift "Apartamento" zeigt, wie die Twentysomethings von heute wirklich wohnen.

Antje Wewer

Ein Sommersamstag in Barcelona. Nacho Alegre serviert auf seinem Balkon kaltes Bier und Kirschen. Über seinem Kopf hängt die Wäsche, an der Wand schlängelt sich Efeu, man sitzt auf einem schick angeschrammelten Flohmarktstuhl.

Neu am Markt: Die Besitzer der abgebildeten Wohnungen sind über die ganze Welt verstreut, und doch erkennt man auf vielen Motiven sich, sein eigenes Leben wieder: Sei es im schrabbeligen Parkett, in den nie beschrifteten Ordnern im Regal oder im Stuhl, der vielleicht vom dänischen Designpapst Yngve Ekström stammt, vielleicht aber auch einfach nur von Ebay.

Die Besitzer der abgebildeten Wohnungen sind über die ganze Welt verstreut, und doch erkennt man auf vielen Motiven sich, sein eigenes Leben wieder: Sei es im schrabbeligen Parkett, in den nie beschrifteten Ordnern im Regal oder im Stuhl, der vielleicht vom dänischen Designpapst Yngve Ekström stammt, vielleicht aber auch einfach nur von Ebay.

(Foto: Foto: apartamento)

Alegre ist ein typischer Mittzwanziger, der sich in einer Weltmetropole mit Jobs in der Medienbranche über Wasser hält. Zusammen mit einem Freund, dem Graphiker Omar Sosa, gibt Alegre seit kurzem ein Magazin heraus. Es heißt Apartamento, auf dem Cover ist ein durchgesessenes Sofa zu sehen, neben dem ein Stapel Magazine liegt. Innen sieht man lauter Wohnungen von Menschen, die in New York, London oder Oakland leben: nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Diese Bilder sind nicht inszeniert, sie wirken intim, so, als sei ein befreundeter Fotograf überraschend vorbeigekommen, habe den Bewohner aus dem Bild geschoben oder auch nicht und dann kurz abgedrückt. Was übrigens daran liegt, dass die Bilder auch genau so entstanden sind. Denn zu zeigen, wie Menschen ihres Alters wirklich wohnen: Das ist das Anliegen von Apartamento. Und damit schließen die beiden Spanier gerade eine Lücke im Zeitungsmarkt.

"Wir Spanier", sagt der 26-jährige Alegre, "ziehen erst spät von zu Hause aus, und wenn wir es tun, haben wir keine Ahnung, wie wir uns einrichten sollen. Ich besorgte mir damals ein Dutzend Wohnmagazine und war nach der Lektüre tief betrübt. Was ich sah, hatte so gar nichts mit mir zu tun. Die Wohnungen waren entweder zu spießig, zu luxuriös oder viel zu aufgeräumt."

Vor Alegre liegt die erste Ausgabe seines Magazins, das übrigens in englischer Sprache erscheint und von der New York Times bereits als das erste "post-materialistische Interior Magazine" gelobt wurde. Es ist etwas kleiner als ein Micky-Maus-Heft und 150 Seiten dick. Das Papier ist stumpf. Auf den ersten Seiten ist die Pariser Wohnung von Elein Fleiss zu sehen, Gründerin des Modemagazins Purple. Auf einem der Bilder sitzt sie vor ihrem IMac.

Offenbar hat Fleiss ein Faible für japanische Holzpuppen, Liz Taylor und Katzen. Vielleicht kann sie auch einfach nichts wegwerfen. Auf jeden Fall fühlt man sich beim Betrachten ihrer liebevoll arrangierten Devotionalien-Schreine, der schicken Duftkerzen und alten Polaroids sonderbar heimisch, und auch an jemanden erinnert, nämlich - an sich selbst.

Genau das unterscheidet Apartamento von den anderen Wohn-Magazinen. Blättert man durch die britische World of Interiors, die italienische Vogue Casa oder die deutsche AD bleibt einem immer wieder vor Ehrfurcht die Luft weg, weil die gezeigten Wohnungen oder Häuser entweder architektonische Wunder oder unglaublich perfekt eingerichtet sind. Bei den Besitzern der gepflegten Hacienda in Argentinien oder dem modernen Townhouse in Istanbul liegen keine Socken neben dem Sofa, da stehen keine verwelkten Blumen auf dem Tisch und in ihrer Welt existiert auch kein hässlicher Kabelsalat.

Leben diese Leute tatsächlich in perfekten Paralleluniversen? Nein, denn: "Alles was überflüssig ist, wird aus dem Bild geräumt. Es geht immer um Reduzierung, um die Konzentration auf das Wesentliche", sagt der Fotograf Oliver Mark. Er fotografiert meist Porträts, aber auch immer wieder Wohnungen für Magazine wie AD.

Es geht, wie er erklärt, dabei nicht darum, die Realität zu zeigen, sondern darum, Sehnsüchte zu wecken. Die deutsche Ausgabe der AD hat voriges Jahr ihren zehnten Geburtstag gefeiert, das Magazin wird jeden Monat 170 000 Mal verkauft, Tendenz steigend. Der durchschnittliche Leser ist 44,5 Jahre alt, erfüllt sich gerne luxuriöse Wünsche, und wenn er selbst keinen Geschmack hat, besitzt er das nötige Geld, um einrichten zu lassen.

Die Macher von Apartemento dagegen haben ihr gesamtes Geld in den Druck des Magazins gesteckt. Die erste Auflage von 5000 Exemplaren ist bereits vergriffen. Über ihren typischen Leser gibt es noch keine Media-Daten, trotzdem lässt er sich ziemlich genau umreißen. Er ist ein Twenty - oder Thirtysomething, arbeitet irgendwas in der Kreativbranche, hat nicht viel Geld fürs Wohnen übrig und will trotzdem um jeden Preis individuell sein.

Interessanterweise mündet dieser Wunsch bei vielen in ähnlichen Produkten, wie einem Eames-Stuhl, der auf Ebay ersteigert wird (diese Generationen gehen nicht wie ihre Eltern in Möbelhäuser, dafür auf Flohmärkte), einem Teakbeistelltisch aus Dänemark, Kissen mit graphischen Mustern, einer Akari Light Sculpture, also einer japanischen Papierlampe (oder auch dem Fake von Ikea) und einem stabilen, aber günstigen Bett von Muji oder Manufactum.

Auch ein immer wiederkehrendes Element: Stapel von Magazinen, Büchern, Platten und Souvenirs aus der ganzen Welt. Im Gegensatz zu ihren Eltern will diese Generation nicht ankommen, deswegen sehen ihre Wohnungen auch so aus, als könnte ruckzuck alles zusammengepackt oder umgestellt werden.

Weniges ist fest angebracht, das meiste steht oder liegt irgendwie herum. In ihrer Individualität sind sich die "Somethings" so einig, dass man einen Fotograf aus London problemlos in die Wohnung eines Berliner Graphikers umpflanzen könnte. Und umgekehrt. Das allerwichtigste Wohnelement ist der Laptop. Im Netz gibt es mehr Wohn-Blogs als Interior-Magazine. Auch auf www.theselby.com zeigen, Apartamento nicht unähnlich, sympathische Großstadtmenschen ihre unaufgeräumten Wohnungen.

Warum sie das eigentlich tun - sich von wildfremden Menschen ins Bett schauen lassen? "Voyeurismus ist nicht mehr verpönt", sagt der andere Apartamento-Macher, Omar Sosa. "Diese Generationen wollen nicht so spießig wie ihre Eltern sein, sie zelebrieren das Prinzip ,Open Doors‘ und sie würden ihr Apartment jederzeit einem sympathischen Fremden überlassen."

Sosa verdient sein Geld tagsüber als Graphiker im renommierten Designbüro von Albert Foch und hat Apartamento des Nachts gelayoutet. In seinem wie in Nacho Alegres Arbeitszimmer stapeln sich die Magazine unter dem Schreibtisch, beide sitzen in T-Shirt, Jeans und Flip-Flops auf ihren Plastikstühlen von Eames. "Wir haben Apartamento im virtuellen Raum kreiert, es gibt gar keine wirkliche Redaktion. Mit unseren Contributors skypen wir und tauschen per Mail die Bilder aus."

Die Macher profitieren von ihren kreativen Kontakten in L.A., New York, Berlin oder London. Der hippe Regisseur ("Thumbsucker") Mike Mills hat einer befreundeten Fotografin zum Beispiel sein sehr eklektisches Haus in Silverlake, L.A. gezeigt. Da gibt es eine wilde Kollektion von Holzstühlen, einen Weihnachtsbaum, an dem Mohrrüben hängen und einen grandiosen Text von ihm selbst, über sein perfektes Wochenende.

Alles zusammen ergibt einen intimen Blick in Mills’ Seele. In der nächsten Ausgabe wollten Alegre und Sosa die Wohnung der ebenfalls überhippen Schriftstellerin Miranda July zeigen. Gute Idee. Zwar wohnt sie mit besagtem Mike Mills zusammen, aber es geht schließlich nicht um die Möbel, sondern um das Leben darin, und das ist heute so und morgen anders. Und bis dahin gibt es bestimmt auch eine neue Tannenbaum-Deko.

© SZ vom 02.08.2008
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