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Nervengift Botox:Hilfreiches Gift

Botox lassen sich nur neureiche Frauen gegen Falten spritzen? Falsch. Das Nervengift ist besser als sein Ruf - und hilft auch bei ernsten Krankheiten.

Eine kleine Spritze und schon sind alle Falten verschwunden. Botulinumtoxin - so die korrekte Bezeichnung für Botox - hat keinen besonders guten Ruf: Es ist als Mittelchen der Reichen und Möchtegern-Schönen verschrien. Dabei wird häufig übersehen, dass das Gift auch heilsam sein kann. Bei einigen Krankheiten ist es sogar das einzige Mittel, das Linderung verschafft.

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Wer Botulinumtoxin lediglich als Anti-Falten-Mittelchen sieht, verkennt die Möglichkeiten des Nervengifts.

(Foto: Foto: ddp)

Ende der siebziger Jahre wurde in Amerika zum ersten Mal mit dieser biologischen Substanz geforscht, damals wollte man das Schielen verringern. Danach nutzten Mediziner es, um Menschen mit Schiefhals oder Spastiken zu helfen - lange bevor Botulinumtoxin dann in den neunziger Jahren als Anti-Falten-Mittel populär wurde.

Denn gelangt Botulinumtoxin in einen Muskel, nehmen die Nervenenden den Stoff auf und verhindern die Ausschüttung weiterer Botenstoffe. So wird die Reizübertragung auf den Muskel gehemmt - er ist gelähmt. Für mindestens drei Monate kann die betroffene Muskelfaser dann nicht mehr aktiviert werden und bleibt in ihrem entspannten Zustand.

Das kann bei verschiedenen Krankheiten hilfreich sein: Bei einer Verkrampfung des Gesichts beispielsweise oder bei einem Schiefhals. Durch die Behandlung mit Botulinumtoxin werden die dauerhaft angespannten Muskeln gelockert. Das Verfahren hilft auch bei krampfhaftem Augenzwinkern oder einer Armspastik nach einem Schlaganfall. Die Kosten für die Behandlung übernimmt die Krankenkasse.

Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Hyperhidrose, das übermäßige Schwitzen. Hier hemmt Botulinumtoxin die Reizübertragung zu den Schweißdrüsen - und verschafft dem Patienten so bis zu einem Jahr trockene Achseln. Wenn es sich tatsächlich um krankhaftes, permanentes Schwitzen handelt, übernehmen auch hier die Krankenkassen die Kosten von rund 400 Euro.

In der Zukunft sollen noch mehr medizinische Anwendungsgebiete hinzukommen. "Auch bei Blasenüberaktivität und chronischen Kopfschmerzen wird Botulinumtoxin Verwendung finden", sagt Professor Wolfgang Jost, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Botulinumtoxin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Denn auch hier verspricht Muskelentspannung Hilfe.

Der giftigste Stoff, den die Natur produziert

Das Nervengift Botulinumtoxin entsteht beim Verwesungsprozess. "Sie finden es beispielsweise in verdorbenem Essen wie Bohnen oder Schinken", sagt Jost. Bevor die Substanz allerdings abgefüllt und später Patienten unter die Haut gespritzt wird, muss es aufbereitet und vielfach verdünnt werden - ein kleines Fläschchen enthält nur ein milliardstel Gramm des Gifts.

Das ist auch gut so, denn Botulinumtoxin ist der giftigste Stoff, den die Natur produziert. "Ein Gramm reicht aus, um eine Großstadt zu vergiften, ein Teelöffel für Deutschland und ein Esslöffel für Europa", sagt Jost. Selbstverständlich müsste man es den Menschen dazu injizieren - dennoch zeigt das Gedankenspiel, wie gefährlich die Substanz eigentlich ist, die sich so viele freiwillig unter die Haut spritzen lassen.

Nur die Hälfte aller Botulinumtoxin-Anwendungen hat medizinische Gründe. Genauso häufig wird es im kosmetischen Bereich eingesetzt. Die Frauen - und auch die Männer - die es sich zur Verringerung von Stirnfalten und Krähenfüßen spritzen lassen, sind "nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt", so Jost. Die meisten seien zwischen 30 und 50 Jahren alt. Bei den 2000 Patienten, die er im Jahr behandelt, gehe es aber fast ausschließlich um medizinische Gründe. Am häufigsten spritzt er gegen das Augenzwinkern und den Schiefhals.

Die Risiken halten sich dabei in Grenzen. "Wie bei allen Dingen kommt es auf die richtige Dosis an", sagt Jost. Bei einer fachgerechten Anwendung drohe keine Gefahr. Trotzdem gibt es immer wieder Gerüchte, Menschen seien daran gestorben. "Diese Fälle gibt es zwar, aber der tödliche Ausgang steht nicht in direktem Zusammenhang mit Botulinumtoxin", sagt Ulrich Hagemann, Leiter der Abteilung Arzneimittelsicherheit des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Modeerscheinung Botox-Party

Dennoch warnt er davor, Botulinumtoxin zu verharmlosen. "Selbst, wenn es richtig angewendet wird, drohen ungewollte Nebenwirkungen." So kann das Gift beispielsweise benachbarte Muskelpartien lähmen - was besonders im Hals- und Kopfbereich schlimme Konsequenzen hätte, wo es die Schluck- oder Atemmuskulatur beeinträchtigen würde.

Umso wichtiger ist es, genau darauf zu achten, wer das Mittel injiziert. "Auf keinen Fall sollte man sich in einem dubiosen Hinterzimmer irgendeine Spritze setzen lassen", sagt Jost. Einen Anhaltspunkt für die Verlässlichkeit bietet eine Liste auf der Internetseite des Arbeitskreises Botulinumtoxin, auf der die Ärzte stehen, die ein Behandlungs-Zertifikat erworben haben. Obwohl in Deutschland eigentlich nur Ärzte das Nervengift verabreichen dürfen, hört Jost von seinen Patienten immer wieder, dass auch Kosmetikerinnen oder ungeschulte Personen die Behandlung anbieten.

Eine Erklärung, warum Botulinumtoxin in den Medien hauptsächlich mit der Faltenreduzierung in Verbindung gebracht wird, hat der Mediziner auch parat: "Es ist natürlich spannender, über die Schönen und Reichen zu berichten, als über einen armen Kerl, der halbseitig gelähmt ist." Aber Modeerscheinungen wie "Botox-Partys", bei denen Freundinnen beisammen sitzen, trinken, quatschen und sich nebenbei ein paar Anti-Falten-Spritzen setzen lassen, seien unbedeutende Randerscheinungen. "Das findet hauptsächlich in den Medien statt", sagt Jost. "Denn seien wir mal ehrlich: Wer will sich schon nach zwei Glas Sekt von einem Laien spritzen lassen, nur um hinterher auszusehen, als sei er in ein Wespennest gelaufen?" Trotzdem ist er fast schon dankbar für das starke Interesse an ästhetischen Behandlungen, "denn gäbe es die nicht, hätte die medizinische Forschung weniger Geld zur Verfügung".

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