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Naturschutz:Entwickler arbeiten bereits an Alternativen zum Plastik

Den Verschluss der Glasflasche, aus der Angela Ottmann, die Projektmanagerin von "Plastikfrei wird Trend", gerade getrunken hat, dichtet ein Gummi-Ring ab. Und als ob sie Gedanken lesen könnte, sagt sie: "Naturkautschuk. Es ist kein Plastik an dieser Flasche." Nicht alles, was wie Kunststoff aussieht, ist auch Kunststoff. Materialentwickler arbeiten an Alternativen, zum Beispiel an Dollyropes aus biologisch abbaubaren Fasern. Trotzdem: Diese Revolution, an der Ottmann und ihre BUND-Kollegen arbeiten, ist beschwerlich.

Laut BUND verbrauchen die Deutschen im Jahr 11,7 Millionen Tonnen Kunststoff, das ist Europarekord. Plastik ist zur Gewohnheit geworden, und mit Gewohnheiten bricht man nicht so leicht. "Die Mühlen mahlen langsam", sagt Angela Ottmann. Mit der Hilfe von Gemeinden und Sponsoren hat der BUND Strandmüllboxen aufgestellt, in die Spaziergänger angespülten Plastikmüll werfen können. Das ist immerhin ein kleiner Erfolg. Aber wie überzeugt man den Einzelhandel, auf Plastiktüten oder Coffee-to-go-Kultur zu verzichten?

Einmal im Monat gibt es einen plastikarmen Montag

Es gibt auf Föhr einmal im Monat den plastikarmen Montag, an dem der BUND vor einem Laden Lobbyarbeit betreibt. Einzelne Geschäfte haben Pfandsysteme für Stoffbeutel eingeführt oder Plastik- durch Papiertüten ersetzt. In der Strandbar Pitschis zeigt Inhaber Peter Schaper sein Einweggeschirr aus kompostierbarer Maisstärke. Und in der Wyker Fußgängerzone hat das Architekten-Ehepaar Friederike und Sven Grotheer mit Freunden den Hofladen "Speisekammer" eröffnet. Er bietet Lebensmittel aus Föhr und Nordfriesland, Stoffbeutel sowie Verpackungen aus Glas und Papier. Sogar die Strohhalme für die Mehrweg-Becher sind aus Pappe.

Aber selbst die "Speisekammer" mit ihrem Öko-Sortiment kommt nicht ganz ohne Plastik aus. Die Süßigkeiten aus der Föhrer Bonbon-Kocherei sind in Kunststofftütchen verpackt. "Papier zieht zu viel Flüssigkeit", erklärt Sven Grotheer. Und im normalen Föhrer Einkaufsalltag ist Plastik sehr gegenwärtig. Vor allem in den drei großen Wyker Supermärkten. Folien, eingeschweißtes Obst und Kunststoff-Behältnisse glänzen im Neonlicht. Plastikfrei ist hier nicht wirklich Trend.

Seit 1990 gab es auf Föhr jahrelang den sogenannten Dosenschwur. Auf der Insel konnte man damals keine Getränkedosen kaufen. Alle Händler machten mit. Medien berichteten, der Schwur schärfte Föhrs Image als grüne Insel. Das war gut für den Fremdenverkehr. Und so etwas Ähnliches erhoffen sich die Plastik-Bekämpfer jetzt auch. "So eine Kampagne bringt einen Mehrwert, nicht nur Kosten", sagt Angela Ottmann, "das zu vermitteln, ist immer noch ein bisschen unser Problem."

EU-Vorschriften behindern das Verzichten auf Plastik

Das liegt nicht nur daran, dass Unternehmen und Kunden zu bequem für einen plastikarmen Alltag wären. Es gibt auch gesetzliche Hindernisse. Die Hygiene-Bestimmungen der EU lassen es zum Beispiel gar nicht zu, mit der eigenen Box zum Fleischer zu gehen und sich unverpackte Filets hineinlegen zu lassen. Und selbst erfolgreiche Kampagnen besitzen nicht unendliche Strahlkraft. 2003 kam das Dosenpfand. Der Dosenschwur ist längst Geschichte.

"Dass wir die Welt nicht retten können von dieser kleinen Insel aus, ist mir klar", sagt der Bürgermeister Riewerts. Er sitzt an seinem Schreibtisch im Nieblumer Dörpshus, der so voll mit Plastik ist wie jeder andere Schreibtisch auch. Computer, Telefon, Kabelummantelungen - alles aus Kunststoff. Keiner kann sich mehr vorstellen, wie eine Welt ohne Plastik sein könnte. Wer wo was ins Meer kippt, können die Föhrer nicht beeinflussen. Und die Gleichgültigkeit mancher Menschen ist groß; Riewerts hat im Urlaub am Mittelmeer gesehen, wie Strandarbeiter den Plastikmüll einfach mit Traktoren im Sand unterpflügten, sodass er nicht mehr zu sehen war.

Kann schon sein, dass Plastikmüllboxen und Pappstrohhalme stumpfe Waffen sind gegen die Plastikmüll-Massen der Konsumgesellschaft. Trotzdem findet Friedrich Riewerts die Kampagne nicht vergeblich. Er glaubt an die Kraft der winzigen Schritte. "Man kann nur durch Aufmerksammachen auf das Verhalten der Leute einwirken." Sie sollen von Föhr lernen, dass die Wellen zu viel Plastik tragen.

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