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Naturschutz:Föhr will plastikfrei werden

Wind am Strand

Die Insel Föhr will mit gutem Beispiel vorangehen und plastikfrei werden, aber das ist gar nicht so einfach, denn der Kunststoff ist überall.

(Foto: dpa)

Kunststoffmüll verschmutzt die Meere. Tiere verwechseln ihn mit Nahrung und verhungern mit vollem Magen. Nun versucht eine deutsche Insel, ein Zeichen dagegen zu setzen.

Friedrich Riewerts weiß noch, wie er als Junge immer auf Zeichen aus der anderen Welt hoffte. Föhr, seine Heimatinsel, war für ihn damals wie ein einsamer Planet, der in den Weiten der Nordsee schwebte, weit weg vom großen Rest des Menschen-Universums. Und manchmal trugen die Wellen Gegenstände von dort an den Strand. Eine Flasche oder eine Dose, auf der etwas in einer fremden Sprache stand. "Da war man ganz stolz", sagt Riewerts.

Und heute?

Friedrich Riewerts ist Greenkeeper am Golfplatz von Wyk, außerdem Bürgermeister der Gemeinde Nieblum. Er freut sich nicht mehr, wenn die Wellen etwas aus der Welt hinter dem Horizont zur Insel tragen. Denn sie belassen es längst nicht mehr bei einzelnen Dosen. Vor allem bei Sturm bringen sie massenweise Flaschen, Tüten, Kunststofftaue und anderen bunten Unrat. "Man findet einfach immer mehr Plastik", sagt Friedrich Riewerts. Er würde das gerne ändern. Deshalb ist seine Gemeinde auch dabei bei dem Versuch auf Föhr, dem Rest der Welt einen bewussteren Umgang mit Kunststoffen vorzuleben.

Modellprojekt: Plastikfreie Insel

Inseln sind kleine Zentralen des Umweltbewusstseins. Die Menschen dort haben einen besonderen Bezug zur Natur, weil sie mittendrin leben in einer fast unverstellten Landschaft, umgeben von Wasser und Wind. Alles, was nicht natürlich ist, stört hier sofort die Harmonie des Ortes. Insofern ist es kein Wunder, dass das Modellprojekt "Plastikfrei wird Trend" in diesem Jahr auf Föhr begonnen hat, betrieben vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND).

Es soll dazu beitragen, dass weniger Plastik im Meer landet. Naturschützer, Fischer, Tourismus-Experten, Einzelhändler und Wissenschaftler verbinden sich dabei zu einem Ideen-Netzwerk, das an Alternativen zu Kunststoff-Produkten und Mehrweg-Lösungen arbeitet. Die erste Projektphase hat auf der Hallig Hooge begonnen. Und eben auf Föhr, der zweitgrößten deutschen Nordseeinsel.

Die Insel als Labor eines biologisch abbaubaren Fortschritts - heißt das, dass man auf Föhr schon ein Stück von einer besseren Welt sehen kann?

Ankunft auf Föhr. Linker Hand glitzert das Meer, die Strandpromenade liegt im sanften Licht des angebrochenen Tages. Und schon fällt der Blick auf die Terrasse einer Gaststätte mit Plastikstühlen und -tischen. Ein Kind kurvt heran, sein Roller hat ein Trittbrett aus Plastik. Und vor einem Laden steht ein Arsenal an Plastikbällen, Plastikmatratzen, Plastikschaufeln.

Plastik ist der umgangssprachliche Begriff für Kunststoffe. Und Kunststoffe sind ein Wunder des Industriezeitalters. Man stellt sie her, indem man einfach gebaute Kohlenstoffverbindungen, die man etwa aus Erdöl oder Erdgas gewinnt, mittels chemischer Reaktion zu großen, gleichförmigen Molekülen ausbaut. Der Mensch hat die Kunststoffe nach dem Zweiten Weltkrieg zusehends verfeinert. Sie sind ein Traum für fast jede Industrie: leicht, billig, beliebig verformbar, stabil. Weil sie Flüssigkeiten abweisen, eignen sie sich ideal als Verpackung und Hygiene-Hilfsmittel. Sie tragen sogar zum Umweltschutz bei. Windkraftanlagen zum Beispiel könnte man ohne Kunststoffe nicht bauen.

Meerestiere verwechseln Plastik mit Nahrung und verhungern

Eine Welt ganz ohne Plastik wäre keine bessere Welt. Trotzdem gibt es ein Problem. Kunststoffe fügen sich nicht in den natürlichen Kreislauf von Entstehung und Verwesung. Wenn man Plastik ins Meer wirft, zerfällt es nicht. Meeressäuger, Fische und Vögel verwechseln es mit Nahrung und verhungern mit vollem Magen.

Winzige Plastikteilchen schweben im Wasser, werden von Fischen aufgenommen und kommen so auch auf den Speiseplan der Menschen. Die sogenannten Dollyropes, Plastikfäden, die jedes Fischernetz als Scheuerschutz trägt, gehen im Meer beim Fischen verloren: Vögel wie der Basstölpel bekommen sie auf der Fischjagd in den Schnabel, bauen ihre Nester damit und verheddern sich teilweise tödlich darin.

Und Tante Renate kennt eine schreckliche Geschichte von den Störchen. Tante Renate heißt in Wirklichkeit Renate Sieck, unter ihrem Pseudonym hat sie einige Kinderbücher veröffentlicht. Sie ist ein Föhrer Unikum, 73 Jahre alt, energisch und herzlich. Früher war sie Kindergärtnerin, eine Grüne der ersten Stunde, sie hat einen Naturkindergarten sowie den Föhrer Sperrgut-Basar gegründet. Und sie hat geholfen, die Störche auf der Insel wieder anzusiedeln. Jedes Jahr machen Renate Sieck und die anderen Storchen-Helfer die Nester sauber und entdecken dabei Plastik. "Reste von Tüten sind da drin und bedecken den Boden", sagt Renate Sieck, "wenn es regnet, ist das wie eine Wanne, in der die Jungen ertrinken. Schlimm ist das."