Natur:Das blaue Wunder

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Horseshoe Crabs
(Foto: Timothy Fadek/Redux/laif)

Sie haben die Dinos überlebt und zur Corona-Impfung beigetragen. Sie haben blaues Blut, werden bis zu 60 Zentimeter groß und bis zu fünf Kilogramm schwer. Doch jetzt wird es eng für die zähen Pfeilschwanzkrebse.

Von Chiara Wackermann

Was ist in diesen Flaschen?

Sieht aus wie eine hippe Limo, Geschmacksrichtung Blaubeere oder Schlumpf vielleicht. Ist aber Blut. Blaues Blut, das Pfeilschwanzkrabben abgezapft wird. Obwohl die manchmal auch als Königskrabben bezeichnet werden, haben sie natürlich kein adeliges Blut. Die ungewöhnliche Farbe kommt vom Hämocyanin, das für den Transport von Sauerstoff zuständig ist. Den brauchen die Krebse genau wie wir zum Überleben. Blaues Blut haben auch Tintenfische, Schnecken, Spinnen und Skorpione - die müssen allerdings nicht zum Aderlass.

Warum werden sie angezapft?

Wenn die Pfeilschwanzkrebse paarungsreif sind, kommen sie nahe an die Küsten. Dort werden sie aus dem Wasser gefischt und zur Blutabnahme in so ein Labor gebracht wie oben auf dem Bild. Bis zu einer Million Tieren wird pro Jahr ein Drittel ihres Bluts abgenommen. Dazu muss man ihr Herz anpieksen. Das Blut der Pfeilschwanzkrebse hat nämlich nicht nur eine tolle Farbe, sondern ist auch wertvoll für die Medizin.

Was passiert mit dem Blut?

Das blaue Blut enthält ein Eiweiß, das gerinnt, wenn es auf Bakterien trifft. So kann es den Körper vor Krankheitserregern schützen. Menschen nutzen das zur Entwicklung von Arzneimitteln. Sie überprüfen mit dem Blut zum Beispiel, ob sich Bakterien in Impfstoffen oder Infusionen befinden. Wenn Klümpchen entstehen, wissen sie, dass der Stoff überarbeitet werden muss.

Geht das nicht auch anders?

Doch. Das Protein Factor C, das entscheidend für die Bakterienerkennung ist, kann inzwischen künstlich im Labor nachgebildet werden. So können Impfstoffe auch ohne Pfeilschwanzkrebsblut entwickelt werden - denn die sind mittlerweile stark bedroht.

Was sind das für Wunderkrebse?

Pfeilschwanzkrebse sind gar nicht wirklich Krebse, sondern gehören zur Familie der Spinnentiere. Man kann darüber streiten, ob diese Tiere nun einen pfeilförmigen Schwanz haben oder nicht. Sie sehen eher aus wie Pferdehufe, weshalb man sie auch Hufkrebs nennt. Was die bis zu 60 Zentimeter großen Tiere allerdings wirklich haben, sind zehn Augen, ihr blaues Blut und eine sehr lange Vergangenheit.

Sind die so alt wie Dinosaurier?

Sogar etwas älter: Vor 235 Millionen Jahren lebten vermutlich die ersten richtigen Dinosaurier. Die Familie der heutigen Pfeilschwanzkrebse tauchte zum ersten Mal vor etwa 240 Millionen Jahren auf, Verwandte sogar noch früher.

Wieso sind sie in Gefahr?

Die Krebse haben die Dinos überlebt, aber nun drohen sie am Menschen zu scheitern: Inzwischen gibt es nur noch vier Arten von Pfeilschwanzkrebsen, die alle zur selben Familie gehören. Seit 2016 gelten sie als gefährdete Tierart. Viele Tiere sterben bei der Blutabnahme. Und obwohl sie nach der Prozedur wieder ausgesetzt werden, finden viele Weibchen nicht mehr zu dem Küstenabschnitt, wo sie ihre Eier ablegen können. Und auch sonst ist der Mensch die größte Gefahr für die Pfeilschwanzkrebse. Fischer nutzen sie zum Beispiel als Köder, andere legen sie als Delikatesse auf den Grill.

Gibt's die auch hier?

Ganz früher schon, aber vor 197 Millionen Jahren sind sie bei uns ausgestorben. 2021 wurde ein versteinertes Tier in der Nähe von Bayreuth gefunden, vermutlich plätscherte dort mal ein tropischer Fluss. Heute leben die Krebse nur noch an den Küsten Südostasiens und an der Atlantikküste Nordamerikas, wo sie am Meeresboden leben und Muscheln und Aas futtern.

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