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Nanga Parbat:Ein Berg, der voller Tragödien ist

Der Nanga Parbat im westlichen Himalaya übt auf Alpinisten seit seiner Entdeckung vor über 150 Jahren eine enorme Faszination aus - und hat schon zahlreiche Opfer gefordert.

Achim Zons

Es dürfte nicht ganz von der Hand zu weisen sein, dass auch Nichtbergsteiger manchmal zu erhellenden Erkenntnissen gelangen können. In dem Hollywoodfilm "Im Auftrag des Drachen" zum Beispiel soll Clint Eastwood für eine CIA-ähnliche Organisation einen gefährlichen Mann eliminieren, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Eiger-Nordwand sein Glück suchen will.

Gewaltig, bedrohlich, monumental: Der Achttausender Nanga Parbat im Westen des Himalaya

(Foto: Foto: Reuters)

Und Eastwood sagt: "Ich habe zweimal versucht, sie zu durchsteigen, und sie hat zweimal versucht, mich umzubringen. Ich habe also gute Chancen, dass der Berg die Arbeit für mich erledigt."

Da es sich nur um die Eiger-Nordwand handelt, dauert das Drama in dem Film 123 Minuten. Hätte Eastwood dagegen den Auftrag gehabt, den Job am Nanga Parbat zu erledigen, wäre der Film vermutlich kürzer gewesen, weil einiges dafür spricht, dass ihm der Berg tatsächlich die Arbeit abgenommen hätte.

Diese Vermutung hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass an und in den Wänden des "Nackten Bergs" (bei 270 erfolgreichen Besteigungen) bis Ende 2006 insgesamt 64 Menschen zu Tode gekommen sind. Eine gefährliche Quote für einen Killer, dem man als Entschuldigung eigentlich nur zugutehalten kann, dass sich alle Opfer freiwillig seiner tödlichen Bedrohung ausgesetzt haben.

Die Fakten dieses gewalttätigen Bergs sind schnell aufgezählt: 8125 Meter hoch, neunthöchster Gipfel der Erde, im pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs gelegen, also im Westen des Himalaya. Er ist relativ leicht zu finden, wenn man die Augen aufmacht. Es ist nicht die Höhe alleine, die seine enorme Anziehungskraft ausmacht, sondern seine außergewöhnliche Lage.

Der Nanga Parbat ist nämlich nicht, wie der Mount Everest, umgeben von einer Gruppe Achttausender, sondern er ist ein Einzelmassiv. Gewaltig, bedrohlich und monumental ragt es 7000 Meter hoch aus dem Tal auf, durch das der Indus fließt, der längste Fluss des indischen Subkontinents.

Natürlich ist der Nanga Parbat mehr als ein riesiger Berg aus Granit, Gneis und Eis. Er bietet etwas, was sonst kaum ein Berg so gehäuft zur Verfügung stellt: lebensbedrohliche Herausforderungen. Unglaubliche Prüfungen. Schicksalhafte Grenzerfahrungen.

Jeder, der sich in die 4500 Meter hohe, im Süden gelegene, steil aufragende Rupalwand begibt, jeder, der die Merkl-Rinne unterhalb des Gipfels zu durchklettern versucht, jeder, der die Überschreitung des Grats zur anderen Seite, zur Diamir-Flanke im Westen, wagt, jeder, der sich auf die Gletscher der im Norden gelegenen Rakhiot-Wand traut, muss den Tod mit einkalkulieren. Weshalb dieser Berg auch seit seiner Entdeckung 1854 für jede Menge Tragödien gut war.

Menschen haben immer nach Abenteuern gesucht. Und dass ein Abenteuer stets nur rückblickend ein wunderbares Erlebnis ist, hat dieser Suche keinen Abbruch getan. Schon wahr, das Abenteuer ist nur für den erhebend, der es nicht zu bestehen braucht, in dem Augenblick, wo es geschieht, ist es eher unangenehm.

Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum es so viele Menschen gibt, die von Erlebnissen dieser Art fasziniert sind und alles darüber lesen wollen. Und nur so wenige, die sich diesen mörderischen Prüfungen unterziehen und darüber berichten. Der Bergsteiger Karl Unterkircher hat das Abenteuer, die Herausforderung, die Grenzerfahrung gesucht - für sich und um darüber zu berichten. Er wird es nicht mehr können.

© SZ vom 21.07.2008/aho
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