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Namenskunde:Es müllert und schneidert

Goldgrund an der Müllerstraße 6

Lassen häufig auf die Berufe der Ur-Ur-Ur-Ahnen schließen: Namen am Klingelschild.

(Foto: Jakob Berr/Bildbearbeitung: SZ.de)

Wenigstens eine Sache, auf die wir uns in einer Welt des Wandels verlassen können: Die Nachnamen Müller, Schmidt, Schneider sind die treuesten Begleiter der Deutschen.

In diesen verstörend flexiblen Zeiten gibt es wenig, was der Mensch in seiner laufenden Ich-Konfiguration nicht ändern, optimieren oder loswerden könnte. Partner, Postleitzahl, Freundesfreunde, Jobs, Körperbehaarung - kaum noch etwas bleibt. Wären da nicht diese Buchstaben, die oft lebenslang da sind. Die einem trotz aller Updates vor Augen führen, woher man eigentlich kommt. Die Rede ist vom Nachnamen, diesem hellen Schatten, diesem ewigen, nicht immer melodischen Begleiter.

Müller, Schmidt, Schneider, Fischer und Weber, sie sind die treuesten Begleiter der Deutschen. Diese fünf führen die Rangliste der häufigsten Familiennamen hierzulande an, wie die Mainzer Akademie der Wissenschaften, die TU Darmstadt und die Uni Mainz dieser Tage bekannt gemacht haben. In ihrem "Digitalen Familiennamenwörterbuch Deutschlands" (DFD) sind die Top 50 mit all ihren meyernden, mayernden und maiernden Varianten sowie weitere ausgewählte Namen nun einsehbar, insgesamt 5000 Begleiter.

Was bedeuten diese Biografie-Kumpanen, wo sind sie verbreitet, wie sind sie entstanden? Auf solche Fragen will das Familiennamenwörterbuch antworten, und zwar im Laufe der Zeit möglichst vielen Bundesbürgern, heißen sie nun Schneekönig, Jung oder Bechtluft, seien sie türkischer oder italienischer Abstammung. Seit vier Jahren arbeiten die Wissenschaftler schon an dem digitalen Archiv, weitere 20 Jahre sind vorgesehen. Dann sollen 200 000 Namen aufgelistet sein.

Grundlage der Forschungsarbeit sind Daten der Deutschen Telekom, und zwar die Telefonanschlüsse aus dem Jahr 2005. Das ist zwar schon ein bisschen her, aber dafür sind die Daten ziemlich umfassend: Zu diesem Zeitpunkt hatten laut DFD immerhin noch 92 Prozent aller privaten Haushalte einen Festnetzanschluss bei der Telekom; außerdem fluktuieren Nachnamen nun einmal lange nicht so sehr wie Vornamen. So irre wie die Vorstellung des Festnetzanschlusses als Massenphänomen, ist auch die Masse der deutschen Familiennamen, es sollen mehr als 800 000 sein. Was für ein Namenswahnsinn! Ja, es sei ein "Forschungsfeld unermesslichen Ausmaßes", sagt Rita Heuser, eine der Wissenschaftlerinnen.

Wie sagte schon Jacob Grimm, der Ältere: "Die Ergründung der Eigennamen verbreitet Licht über die Sprache, Sitte und Geschichte unserer Vorfahren." So stehen denn auch die häufigsten 14 Namen allesamt für Berufe: Richter auf Platz 12, Becker auf Platz 8, Koch auf Platz 13.

Unter dem Spitzenreiter Müller waren 2005 exakt 256 003 Telefonanschlüsse angemeldet; dahinter verbergen sich rund 742 000 Müllers in Deutschland, meint die Projektmitarbeiterin Kathrin Dräger. Denn statistisch seien jeweils 2,9 Personen pro Festnetzanschluss erreichbar. Die "Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ahnen" all dieser Müllers, Beckers oder Zimmermanns hätten wohl die Berufe ausgeübt, nach denen sie heißen, sagt Dräger. Hört man heute Müller, denkt man dagegen eher an Fußballer, vor allem an einen, der vor einiger Zeit sehr viele Tore schoss.

"Fünf Motivationsklassen" seien für die Entstehung der Familiennamen entscheidend gewesen, als diese zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert allmählich aufkamen, weil die Städte und ihre Verwaltungen wuchsen und Vornamen nicht mehr reichten. Erstens: die Berufsbezeichnungen. Zweitens: die Rufnamen wie Herrmann (Platz 36) oder Hartmann (Platz 24), die als Name des Vaters dem Namen des Sohnes beigefügt wurden. So wurde aus Friedrich, um ihn von anderen Friedrichs zu unterscheiden, Friedrich Hartmann. Drittens: die Herkunft, was sich bei Familie Bamberger oder Österreicher zeigt. Viertens: die Wohnstätte, bei den Bachmanns etwa an einem Bach. Und fünftens: persönliche Eigenschaften. Die Vorfahren von Weiß (Platz 47) hatten wahrscheinlich helle Haare.

Aber was ist eigentlich, wenn man nicht das Glück hatte, als König (Platz 38) oder Kaiser (Platz 40) geboren zu werden, sondern einen Namen wie ein Stigma abbekommen hat? "In Deutschland kann man seinen Nachnamen nur sehr schwer ändern, eine Möglichkeit wäre es zu heiraten", sagt Kathrin Dräger. Was heißt das, sehr schwer? Muss man den hellen oder eben grellen Schatten hinnehmen, akzeptieren, lieben lernen? "Man braucht schon sehr nachvollziehbare Gründe", sagt Dräger. Dann könne man beim Standesamt eine Namensänderung beantragen.

Zum Beispiel wenn man "Depp" oder "Klohocker" heiße - und ja, so wird tatsächlich auch geheißen hierzulande. "Diese Namen sind etymologisch völlig harmlos, heute aber anstößig", sagt Dräger. "Allerdings heißen nicht einmal 70 Menschen in Deutschland so, die sitzen in Unterfranken. Und der Depp war kein Depp, sondern hatte vermutlich den Rufnamen Dietbold." In Schweden sei es viel einfacher, dort könne man seinen Namen auch per Internetformular ändern. Womit man, liebe Flexitarier, wieder beim Umziehen wäre. Oder der nächsten Hochzeit.

© SZ vom 06.08.2016/vs

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