Nachruf Isabella Blow Ohne Hut war sie verloren

Isabellas Lebenslauf liest sich atemberaubend zielstrebig. 1978 geht sie mit knapp zwanzig Jahren nach New York, um an der Columbia University Chinesische Kunst zu studieren. Dann bricht sie ab und reist nach Texas, wo sie bei Guy Laroche arbeitet. 1981, zurück in New York, heiratet sie zum ersten Mal. Die Ehe wird schon nach zwei Jahren geschieden. In New York lernt sie auch Bryan Ferry kennen, der sie gleich Anna Wintour vorstellt, der Chefredakteurin der amerikanischen Vogue. Kurz darauf bekommt sie in Wintours Redaktion eine Assistenzstelle. Der Job bringt den Durchbruch, sie wird Teil der New Yorker High Society und zählt bald Künstler wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein zu ihrem engsten Freundeskreis. 1986 kehrt Isabella nach London zurück, wo sie auch gleich eine Stelle in der Redaktion des Tatler bekommt. 1993 klopft die britische Vogue bei ihr an. Zwischen 1997 und 2001 ist sie Modechefin des Sunday Times Style Magazins. Danach geht sie als Fashion director zum Tatler zurück: ein atemloses Leben in hoher Geschwindigkeit.

Was Isabella Blow auch macht, Hüte stehen stets im Mittelpunkt. Diese Leidenschaft beginnt früh. ,,Mit sechs Jahren nahm ich den Hut meiner Mutter. Es war ein riesiger pinkfarbener Hut, eine neue Welt. Mein Gott, wie glücklich war ich, als ich den Hut aufsetzen durfte, so unvorstellbar glücklich'', erinnert sich die Achtundvierzigjährige ein wenig wehmütig. Behütet wächst Isabella Delves Broughton auf dem Land im Nordwesten Englands auf. Ihr Großvater Sir Henry Delves Broughton lässt ein elegantes Haus bauen, das die Familie nach seinem Selbstmord später an eine Mädchenschule vermietet. Der Vater kauft ein neues Haus, es ist, wie sollte es anders sein: pink.

Isabella erinnert sich gern an ihre Kindheit, in der sie sehr geliebt worden sei. Niemand, aber auch niemand, habe in den nachfolgenden Jahren an ihrem Selbstbewusstsein rütteln können. Das Gespür für Mode habe die Großmutter geweckt, die übrigens auch den größten Thunfisch Europas gefangen habe. Die Kindheit legt das Fundament für den Mut, mit dem Isabella 1975 nach dem Abitur direkt in die Welt hinauszieht: arbeiten, selbständig sein, aufregende Menschen kennenlernen und jenseits der Langeweile etwas bewirken, was nicht alltäglich ist. In Amerika fühlt sich Isabella zu Exzentrikern hingezogen. Exzentrisch wird ihr ganzes Leben, wobei sie die Realität und ihre eigenen Gefühle nie aus den Augen verliert. Sie wird keine kalte, unnahbare Frau. Manche Stars, die sie entdeckt, vergessen freilich, wie viel sie ihr zu verdanken haben.

Die inzwischen vollendet geschminkte Ikone der britischen Modewelt bittet uns noch um etwas Geduld, weil sie sich jetzt umkleiden müsse. Sie sagt das ganz beiläufig. Isabellas Exzentrik ist voller Lust, sie trägt sie selbstverständlich und graziös, wie ihr in Lindgrün und Rot schillerndes indisches Gewand, das bis zum Boden reicht. Darin rauscht sie lächelnd in den rosaroten Salon, zieht genüsslich an einer Zigarette, nippt kurz am Tee und fragt einen der Angestellten, ob er ihr den Hut, den sie in der Hand hält, aufsetzen könne. Der Hut, ein schwarzer, filigraner Reif aus biegsamen Material, bedeckt nun ihre Stirn. ,,Philip hat ein so feines Auge. Er nimmt die Federn, mit denen er seine Hüte schmückt, biegt sie, verdreht sie, kräuselt sie. Er formt sie auf eine höchst erotische Art und Weise. Er behandelt die Feder wie einen Körper. Er macht Sachen mit Federn, von denen ich niemals träumen würde.''

Am Flughafen oder an Grenzen habe sie keine Schwierigkeiten, wenn sie einen ihrer Hüte trägt. ,,Ich muss noch nicht einmal meinen Ausweis zeigen, gehe schnurstracks durch die Kontrolle. Mein Hut ist mein Pass. Er gibt Selbstvertrauen, Kraft und verleiht Würde. Er macht Menschen verführerisch und sorgt für gute Laune. Menschen lieben Hüte'', sagt Isabella und strahlt dabei. ,,In meinem Alter kann man mit Hut einen Mann viel leichter verführen als ohne. Ich brauche die Hüte, um zu verführen, sonst bin ich verloren'', fügt sie schmunzelnd hinzu.

Draußen fährt ein Unfallwagen vorbei. Wir unterbrechen das Interview, weil die Sirene den Ton stört. ,,Wir haben Berge, und wir haben den Himmel. Warum hat Gott die wohl gemacht?'', fragt Isabella, nachdem die Sirene verklungen ist. Sie antwortet selbst: ,,The rock is so hard, the sky is so soft, but they look great together - a sort of mutual penetration. That's what my life and my work is all about.'' Beim Abschied wird sie nervös, geradezu euphorisch, als fiele es ihr schwer, uns gehen zu lassen: ,,Kommt an den Tisch. Ich möchte euch noch ein paar Geschichten zu den Hüten erzählen, bevor ihr geht'', ruft sie. Isabella setzt nun einen Hut nach dem anderen auf; den, der so ausieht wie ein Oktopus, und den orangenen gespaltenen Kunststoffhut, und auch noch den großen blauen Stern. Sie infiziert uns mit ihrer Heiterkeit, holt ein Buch mit einem Nacktfoto von Sophie Dahl aus einer Schublade und zitiert Joe Cocker: Baby take your coat off real slow/take off your shoes/Baby take off your dress , yes, yes, yes/But you can leave your hat on.

Als Isabella sagte, sie habe nicht mehr viel Zeit, wusste sie mehr als wir. Sie hatte Krebs und starb am 7. Mai an den Folgen einer suizidalen Vergiftung.

Marion von Boxberg ist freie Filmautorin und Publizistin. Für das Kulturmagazin ,,Metropolis'' bei Arte drehte sie im Februar den Film ,,Isabella Blow und Philip Treacy''.