Nachhaltigkeit Sind Stoffwindeln wirklich ökologischer?

Die Intuition sagt: Na klar! Ist Mehrweg nicht grundsätzlich umweltfreundlicher als Einweg? Doch bei der Recherche lese ich fast überall: Die Ökobilanz von Wegwerf- und Stoffwindeln sind hinsichtlich in etwa vergleichbar. Diese Behauptung bezieht sich auf die Studie der britischen Umweltbehörde Defra von 2008 (anscheinend das aktuellste und seriöseste, was es zu diesem Thema gibt - wer etwas anderes kennt, kann mir gerne eine Mail schreiben). In deren Fazit steht, dass zweieinhalb Jahre Wickeln mit Wegwerfwindeln 550 Kilogramm CO2-Emissionen verursachen, Stoffwindeln 570 Kilogramm.

Doch was wie eine klare Sache aussieht, ist keine, und das weiß auch die Defra. Wer nicht nur das Fazit, sondern die gesamte Studie liest, lernt, dass Stoffwindelnutzer zahlreiche Möglichkeiten haben, ihre Ökobilanz positiv zu beeinflussen: Weniger Windeln kaufen (die Studie rechnet mit 45 Stoffwindeln, Experten halten ein halb so großes Set für ausreichend), die Windeln für mehr als ein Kind verwenden oder Second Hand erwerben. Außerdem spielt es eine große Rolle, wie viel Strom und Wasser die Waschmaschine braucht, ob sie voll oder halbleer läuft, auf wie viel Grad die Wäsche gewaschen wird und ob (immer) ein Trockner benutzt wird oder die Windeln an der Luft trocknen. Bei Wegwerfwindeln hingegen kann der Einzelne nichts machen, um die eine Tonne Müll und die 550 Kilo CO2-Emissionen irgendwie zu verkleinern.

Also Stoffwindeln? Nein, aber ...

Ich finde, das spricht für Stoffwindeln - ich wechsle trotzdem nicht. Allerdings nicht nur aus Faulheit, sondern auch, weil mir scheint, dass mir diese Idee zu spät gekommen ist. Mein Kind ist eineinhalb Jahre alt, weswegen wir den größeren Teil des Windelbergs leider bereits verursacht haben. Mir für die verbleibenden eineinhalb Jahre Wickelzeit noch einen großen Satz Stoffwindeln und anderes Ausrüstung (Wetbags, Windeleimer etc.) zu kaufen ist weder finanziell noch ökologisch sinnvoll.

Der Windeltest hat aber vor allem eins bewirkt: Er hat meinen Blick geschärft für die schier unglaubliche Menge an Wegwerfprodukten, die angeblich zur Babypflege nötig sind. Feuchttücher, Öltücher, Wattepads, Einmalwaschlappen und Wickelauflagen aus Zellstoff und Plastik: Es ist so üblich, all das zu benutzen, dass ich es bisher gar nicht in Frage gestellt habe.

Das kommt fast alles weg. Als Auflage für den Wickeltisch tun es Moltontücher, gesäubert wird das Kind mit einem Waschlappen. Nur die Tissuebox darf am Wickeltisch stehen bleiben, falls mal gröbere Verschmutzungen zu entfernen sind. Die Feuchttücher kommen in die Wickeltasche, weil ich sie unterwegs für unverzichtbar halte. Aber zu Hause haben zwei Dutzend Frotteelappen und der Wasserhahn ihre Aufgabe übernommen.