Nachhaltiges Leben Wo die Idee der Entschleunigung zuhause sein soll

In vielen Reiseführern gilt Todi noch immer als "Stadt mit der höchsten Lebensqualität der Welt". Und es ist ja auch ein hübscher Ort - er wird sogar die Immobilienspekulanten überleben.

(Foto: imago)
  • Die Kleinstadt Todi in Italien gilt seit mehr als 25 Jahren als nachhaltigste Stadt der Welt.
  • In Todi und anderen Städten Italiens steckt die Idee von Verlangsamung und Regionalisierung, die heute ebenfalls als schick gilt.
  • Doch die Veränderung hat auch vor dem einstigen Musterstädtchen nicht Halt gemacht.
Von Thomas Steinfeld, Todi

Es war im Jahr 1991, als ein amerikanischer Professor die italienische Kleinstadt Todi zum lebenswertesten Ort auf der Welt erklärte. Was genau er damals sagte, ist heute schwierig zu ermitteln, wenn man in Publikationen den Wortlaut sucht: Manchmal lautet das Prädikat "am lebenswertesten" ("most livable"), manchmal "am nachhaltigsten" ("most sustainable"), und im Italienischen gibt es natürlich noch andere Varianten.

Tatsächlich ist Todi ganz wunderbar gelegen. In der Kunst- und Kulturgeschichte hatte der Ort schon lange als Muster italienischer Baukunst gegolten: eine kleine, mittelalterliche Stadt auf einem felsigen Bergrücken, an dessen höchstem Punkt der Turm eines gotischen Doms in das hügelige Bauernland grüßt, wo Oliven und Weine, Gemüse und Obst wachsen und weit und breit keine Fabrikhalle zu erblicken ist, abgesehen allein von den lang gestreckten Gebäuden der Ziegelei Toppetti. Die Temperaturen sind während der längsten Zeit des Jahres angenehm, die Luftfeuchtigkeit ist gering, und die Piazza der Innenstadt, innerhalb deren Mauern kaum mehr als dreitausend Menschen leben dürften, ist gerade groß genug, damit die Einheimischen einander in heroischer Umgebung grüßen können, aber nicht miteinander sprechen müssen.

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Aber ist Todi wirklich ein Wunder an Nachhaltigkeit, die lebenswerte Stadt schlechthin? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich eine Reise nach Umbrien, ein Besuch bei den Menschen, die nun schon seit Längerem mit dieser etwas zweifelhaften Auszeichnung leben müssen.

Wenn der Stadtarchivar Filippo Orsini von seinem Institut zum Palazzo des Bischofs geht, wofür er die Piazza der Länge nach überqueren muss, kommt er keine zehn Meter weit, bevor er den nächsten Passanten zu begrüßen hat, mit einer distanzierten Herzlichkeit, die ungemein urban wirkt. Auf der einen Seite, sagt er, verstehe er ja, dass es in dieser Stadt ein ökonomisches Wachstum geben müsse, wozu man die Besucher brauche, und auch solche, die bleiben. Andererseits könne am besten alles bleiben, wie es ist. Der Frage nach der "Nachhaltigkeit" weicht er aus. Sie erscheint ihm als Parole.

"Die Stadt auf dem Hügel" ist ein amerikanisches Idealbild: In Umbrien existiert es wirklich

Der amerikanische Professor, der die Parole ausgegeben hat, heißt übrigens Richard S. Levine und lehrt Architektur an der Universität von Kentucky in Lexington. Dort gibt es noch immer eine Forschungseinrichtung, die sich der "nachhaltigen Stadt" widmet und ihr Ideal in der Stadt des Mittelalters findet: der Stadt auf dem Hügel, wie sie vorzugsweise in der Toskana, in Umbrien, im Latium und in den Marken typisch ist. Irgendwann in den frühen Neunzigern hielt Levine, eingeladen von einer Gruppe von Politikern, Tourismusmanagern und Journalisten, einen Vortrag über eben diese "city upon a hill". Und ob er dabei nun den Namen "Todi" erwähnte oder nicht: Die Formel war in der Welt, und es half nicht mehr, dass er sich davon distanzierte - die britische Journalistin Patricia Clough recherchierte den Fall für einen Reiseführer durch Umbrien (Piper Verlag, München 2015) und fand die Geschichte einer kleinen Hochstapelei, die schnell eine enorme Wucht entfaltete.

Große italienische Zeitungen, darunter der Mailänder Corriere della sera, griffen die Formel auf. Von dort aus verbreitete sie sich vor allem in den angelsächsischen Ländern und wurde immer weiter ausgeschmückt, zuletzt mit einer der Behauptung nach angeblich computergestützten großen Recherche, in der Lebensverhältnisse auf der ganzen Welt miteinander verglichen worden seien.

Todi ist mit insgesamt knapp 17 000 Einwohnern eine kleine Stadt, im Vergleich zu Konkurrenten wie Perugia oder Viterbo. Sie liegt in einer Landschaft, die einem Garten weitaus ähnlicher ist als einem Anbaugebiet der industrialisierten Agrarwirtschaft. Die Arbeit vieler Generationen hat hier, wie es offenbar nur im Süden geschehen kann, eine Landschaft hervorgebracht, die vollkommener ist als die Natur, die sie verdrängte. Im Tal liegt die Genossenschaft der 260 Wein- und Olivenbauern der Kommune, "Tudernum" genannt, nach dem lateinischen Namen der Stadt. Die Genossenschaft produziert einen Sagrantino, der im "Gambero Rosso", dem maßgeblichen italienischen Weinführer, mit drei roten Gläsern ausgezeichnet wird. Und auf dem Berg liegt eine Stadt, die, wie alle mittelitalienischen Städte aus jener Zeit, als ästhetisches Gefüge und Monument einer Gemeinschaft angelegt wurde.

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Der Weg von Lexington nach Todi ist weit. Weiter aber noch ist der Abstand zwischen dem großflächigen industrialisierten Anbau von Mais und Tabak, der die Landwirtschaft in Kentucky prägt, und den kleinen Weinbergen und Olivenhainen an den Hängen des Tiber. Man muss diesen Abstand im Sinn behalten, um den Enthusiasmus eines amerikanischen Architekten für eine italienische Kleinstadt zu verstehen. Und man muss ein Ohr haben für die Geschichte des Begriffs "city upon a hill": Er ist ein Glücksversprechen, das aus der Bergpredigt stammt und in den Vereinigten Staaten zur Verheißung für die gesamte Gesellschaft wurde. Die "Stadt auf dem Hügel" ist das Gemeinwesen, das Amerika, seinen puritanischen Predigern zufolge, hätte werden sollen, aber offenbar nicht wurde.

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Als Richard S. Levines Vortrag, vor fünfzig Menschen gehalten, in die Umlaufbahnen der internationalen Publizistik geraten war, wurde er zum Anlass einer rasanten Entwicklung: Die örtlichen Immobilienmakler konnten sich vor Anfragen kaum retten, die Preise für Häuser und Grundstücke verdoppelten, ja verdreifachten sich. Ein altes Bauernhaus in halbwegs bewohnbarem Zustand und mit ein wenig Land kostete bald eine Million Mark und mehr. Solche Objekte waren es, für die sich die künftigen Siedler der Stadt auf dem Hügel am meisten interessierten: nicht die kleinen Palazzi oder Wohnungen in der Altstadt, sondern das ländliche Anwesen, die gelebte Idee der Nachhaltigkeit und der Wiedervereinigung von Mensch und Natur, um den Preis eines Rückschritts in Technik und Zivilisation. Und weil das Landleben auch nichts anderes ist als eine Spiegelung der gesellschaftlichen Produktion, wurde der Süden Umbriens scheinbar um so ländlicher, je mehr anderswo die Urbanisierung oder die kapitalisierte Landwirtschaft oder die Finanzspekulation ihre Fortschritte machten - nur dass in den "case coloniche" nun Ausländer wohnten, für ein paar Wochen im Jahr, während sich ein paar alt gewordene Bauern, für relativ viel Geld, um die Olivenbäume kümmerten.