Süddeutsche Zeitung

Mutter-Kind-Beziehung:Stillen ohne Ende

In England propagiert ein Ratgeber, auch großen Kindern noch die Brust zu geben - Ärzte sind entsetzt, Übermütter begeistert.

Versuchen wir, die Sache objektiv anzugehen. Obwohl das schwer ist angesichts der spontanen Reaktionen auf das Thema. Der Chefarzt der Universitätsfrauenklinik in München, Klaus Friese, zum Beispiel ruft gleich mal ins Telefon: "Dummes Zeug!" Und Josef Rosenegger, Arzt an der Haunerschen Kinderklinik, sagt: "Quatsch."

Friese merkt an, das Thema betreffe eine "bestimmte Menschengruppe, ich würde mal sagen: überalternativ". Und Rosenegger subsummiert das Ganze unter: "Mutterschaftsgedöns". Dabei wollte man doch nur die Meinung zu einem Buch einholen: "Breastfeading older children", auf deutsch: Das Stillen älterer Kinder. Ein Still-Ratgeber also, der, enthielte er Bilder, nackte Frauenbrüste zeigen würde, an denen Kindergarten- oder Schulkinder saugen.

Das rosafarbene Taschenbuch, von einer älteren Dame aus Cambridge geschrieben, hat in deren Heimatland Großbritannien eine erregte Debatte ausgelöst, man könnte gar von einem Kulturkampf sprechen: Umfragen ergeben Reaktionen von "wie ekelhaft" bis "das müssten alle Frauen tun"; Zeitungen interviewen Psychologen, die meisten äußern sich befremdet bis ablehnend ("pathologisch", "überflüssig").

In Stillgruppen, Spielkreisen, Müttertreffs hingegen herrscht Begeisterung über die Enttabuisierung eines Tabus, denn: Es gibt weit mehr heimliche Langzeit-Stillerinnen, als die durchschnittliche Rabenmutter glaubt - was wiederum bewiesen wird in den Chatrooms von "iwantmymom" oder "lalecheleague". Hier kommunizieren passionierte Stillerinnen, die das Werk von Ann Sinnott als Befreiungsschlag betrachten und der Muttermilch eine fast mythische Kraft zubilligen.

Die Autorin des Buches, Ann Sinnott, geht dialektisch zu Werke: Sie listet auf, warum die meisten Frauen, von der Gesellschaft fehlgeleitet und von der Wissenschaft in Ahnungslosigkeit gehalten, das Langzeit-Stillen leider ablehnen - um dann zu erklären, dass quasi jede Frau langzeitstillen würde, wenn sie nur wüsste, wie großartig, gesund und emotional stabilisierend das für Mutter und Kind ist.

Sie selbst findet es nämlich ganz großartig, wenn Mütter ihre Kinder nicht mit sechs oder zwölf Monaten abstillen, sondern ihnen die Brust geben, bis die Kinder nicht mehr mögen; ein wenig Beikost ist dabei auf Dauer nicht verboten.

Voller Verständnis erzählt sie von einer Frau, die ihrer Tochter sogar noch mit Anfang 20 ab und zu die Brust gab, als es dieser seelisch schlecht ging - "zum Trost". Sinnott wird im Guardian als "warmherzige Dame mit graumeliertem Haar und Perlenkette" beschrieben, "eher der Typ nette Tante, nicht Kampf-Stillerin".

Übermutter mit Bekehrungsdrang

Sie arbeitet als Teilzeitkraft in der Universitätsverwaltung und hat als alleinerziehende Mutter eine Tochter namens Maeve großgezogen (die wurde gestillt, bis sie sechseinhalb war). Und sie mag es nicht, wenn man sie als Übermutter mit Bekehrungsdrang betrachtet.

Allerdings schreibt sie Sätze wie diesen: "Durch die Mutterschaft mit einer funktionierenden Brust im Zentrum kann eine Frau besser zu sich finden, indem ein Wandel der Wahrnehmung und Wertschätzung ihrer Brüste eine höhere Wertschätzung ihrer selbst auslöst." Ihre Fans bestätigen das.

Das Buch besteht zu großen Teilen aus Emails von Frauen, die auf ihre Anfrage im Internet reagiert haben, etwa so: "Meine Erfahrung mit dem Stillen war unglaublich vielseitig: Manchmal so leidenschaftlich und intim wie eine Liebesaffäre, stürmisch, schweißtreibend, süß, eine Oase der Ruhe inmitten eines Sandsturms, zart, anstrengend, ein Spiegel meiner Seele."

Wow, möchte man da rufen, als durchschnittliche Sechs-Monats-Stillerin muss Frau echt was verpasst haben. Wer - wie die meisten Kinderpsychologen - die Ablösung des Kindes von der Mutter für wichtiger hält als eine ständig zugängliche Mutterbrust, wird von der Britin belehrt: Gegner extrem langer Stillzeiten säßen gefärbten Informationen auf, denn "Langzeit-Stillen" sei gesellschaftlich nicht akzeptiert und werde von Ärzten abgelehnt, weil sie keine Ahnung hätten.

Deshalb müssten es Millionen Frauen heimlich tun, voller Scham, weil diese lebens- und mutterschaftsbejahende Tätigkeit leider allzu viel Ablehnung erfahre.

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Abstillen: Erfindung der Neuzeit

Es sei eine Erfindung der Neuzeit, Kinder im ersten Jahr abzustillen, entstanden aus "Notwendigkeit und ökonomischem Zwang". Besser für Mütter und Kinder, in großen Teilen der Welt bis heute so gehandhabt, sei es, auch ältere Kinder zu stillen - nach dem Selbstbedienungsprinzip: Wenn das Kind Hunger hat, darf es an Mamas Brust. Das fördere die Selbstständigkeit (das Kind entscheidet).

Das kindliche Immunsystem sei bis zum Alter von sieben Jahren nicht völlig ausgebildet, auch das spreche für Muttermilch. Kinderarzt Rosenegger hält mit einer Faustregel dagegen: "Wenn Kinder so alt sind, dass sie sagen können: Mama, ich will an die Brust, dann ist es Zeit, ihnen die Brust nicht mehr zu geben." Und Gynäkologe Friese, Vize-Chef der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, bleibt dabei: "Durch überlanges Stillen fixiert sich ein Kind zu sehr auf seine Mutter."

Medizinisch spricht ja viel für Muttermilch; die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung befindet: "Gestillte Kinder werden weniger häufig krank als nicht gestillte. Muttermilch ist die ideale Ernährung des jungen Säuglings in Bezug auf Zusammensetzung und Verdaulichkeit. In den ersten vier bis sechs Monaten reicht sie als einzige Nahrungs- und Flüssigkeitsquelle aus", danach entwickele sich das Kind auch mit Beikost und Säuglingsmilchnahrung prächtig.

"Wie eine Almkuh"

Von wegen, findet Siegrid Wodera, die ihrem Sohn fünf Jahre lang die Brust gegeben hat. Die Waldorf-Erzieherin aus Arnsberg in Nordrhein-Westfalen hat sich "immer nur gefragt, was ich für mein Kind tun kann", sie wollte "Urvertrauen" schaffen. Arbeiten, ausgehen, mal mit dem Ehemann ein paar Stunden allein sein: Das habe ihr nicht gefehlt, denn "wenn ich ein Kind zur Welt bringe, sollte ich Zeit für mein Kind haben; das war wertvoller für mich".

Ihr Mann habe ab und zu gefrotzelt, sie sehe aus wie eine Almkuh. "Aber dann habe ich gesagt: Das ist doch für unser Kind!"

Wodera hat ihren Sohn nach einer Weile mit zur Arbeit genommen und dort gestillt, was einfach war, weil sie eine Spielgruppe leitet. Ann Sinnott fordert, die Arbeitswelt müsse auf die Bedürfnisse von Müttern und Kindern umgestaltet werden, um eine "zu frühe Trennung" zu verhindern.

Das ist, objektiv betrachtet, nicht ganz so einfach und erinnert an einen Fall, der in Deutschland vor Jahren Furore machte: Weil eine Lehrerin ihrem dreijährigen Sohn täglich mehrmals die Brust geben wollte, verlangte sie, dafür vom Unterricht freigestellt zu werden. Die Schule mochte nicht; ein Gericht urteilte später, sie dürfe das in Freistunden tun, müsse aber damit aufhören, wenn das Kind schulpflichtig sei.

Und Sinnott? Sie bleibt dabei: "Bestätigt durch die gute Gesundheit ihrer Kinder, beglückt durch deren gute Laune und große Liebe ertragen Mütter die Kritik und die Abwehr, ignorieren sie: und stillen weiter."

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SZ vom 13.02.2010/dog/bre
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