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Mutter-Kind-Beziehung:Abstillen: Erfindung der Neuzeit

Es sei eine Erfindung der Neuzeit, Kinder im ersten Jahr abzustillen, entstanden aus "Notwendigkeit und ökonomischem Zwang". Besser für Mütter und Kinder, in großen Teilen der Welt bis heute so gehandhabt, sei es, auch ältere Kinder zu stillen - nach dem Selbstbedienungsprinzip: Wenn das Kind Hunger hat, darf es an Mamas Brust. Das fördere die Selbstständigkeit (das Kind entscheidet).

Das kindliche Immunsystem sei bis zum Alter von sieben Jahren nicht völlig ausgebildet, auch das spreche für Muttermilch. Kinderarzt Rosenegger hält mit einer Faustregel dagegen: "Wenn Kinder so alt sind, dass sie sagen können: Mama, ich will an die Brust, dann ist es Zeit, ihnen die Brust nicht mehr zu geben." Und Gynäkologe Friese, Vize-Chef der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, bleibt dabei: "Durch überlanges Stillen fixiert sich ein Kind zu sehr auf seine Mutter."

Medizinisch spricht ja viel für Muttermilch; die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung befindet: "Gestillte Kinder werden weniger häufig krank als nicht gestillte. Muttermilch ist die ideale Ernährung des jungen Säuglings in Bezug auf Zusammensetzung und Verdaulichkeit. In den ersten vier bis sechs Monaten reicht sie als einzige Nahrungs- und Flüssigkeitsquelle aus", danach entwickele sich das Kind auch mit Beikost und Säuglingsmilchnahrung prächtig.

"Wie eine Almkuh"

Von wegen, findet Siegrid Wodera, die ihrem Sohn fünf Jahre lang die Brust gegeben hat. Die Waldorf-Erzieherin aus Arnsberg in Nordrhein-Westfalen hat sich "immer nur gefragt, was ich für mein Kind tun kann", sie wollte "Urvertrauen" schaffen. Arbeiten, ausgehen, mal mit dem Ehemann ein paar Stunden allein sein: Das habe ihr nicht gefehlt, denn "wenn ich ein Kind zur Welt bringe, sollte ich Zeit für mein Kind haben; das war wertvoller für mich".

Ihr Mann habe ab und zu gefrotzelt, sie sehe aus wie eine Almkuh. "Aber dann habe ich gesagt: Das ist doch für unser Kind!"

Wodera hat ihren Sohn nach einer Weile mit zur Arbeit genommen und dort gestillt, was einfach war, weil sie eine Spielgruppe leitet. Ann Sinnott fordert, die Arbeitswelt müsse auf die Bedürfnisse von Müttern und Kindern umgestaltet werden, um eine "zu frühe Trennung" zu verhindern.

Das ist, objektiv betrachtet, nicht ganz so einfach und erinnert an einen Fall, der in Deutschland vor Jahren Furore machte: Weil eine Lehrerin ihrem dreijährigen Sohn täglich mehrmals die Brust geben wollte, verlangte sie, dafür vom Unterricht freigestellt zu werden. Die Schule mochte nicht; ein Gericht urteilte später, sie dürfe das in Freistunden tun, müsse aber damit aufhören, wenn das Kind schulpflichtig sei.

Und Sinnott? Sie bleibt dabei: "Bestätigt durch die gute Gesundheit ihrer Kinder, beglückt durch deren gute Laune und große Liebe ertragen Mütter die Kritik und die Abwehr, ignorieren sie: und stillen weiter."