Muslimische Söhne Eine Beschneidung birgt Risiken, schützt aber auch vor Ansteckung

In Deutschland geht das anders zu. Das regelt seit dem Jahr 2012 der Paragraf 1631 d Absatz 1 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Beschneidungen sind legal, wenn sie mit Einwilligung der Eltern unter gewissen Regeln erfolgen, also durch einen Arzt unter Vollnarkose des Kindes. Für Beschneidungen von Jungen innerhalb der ersten sechs Lebensmonate macht Absatz 2 des Paragrafen die Ausnahme, dass es kein Arzt sein muss, der den Eingriff vornimmt. Auch eine von einer Religionsgemeinschaft dafür vorgesehene Person mit besonderer Ausbildung soll beschneiden dürfen. Von dieser Regelung sind die jüdischen Gemeinden betroffen, in denen die Söhne kurz nach der Geburt beschnitten werden.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte lehnte das Gesetz damals wie heute ab. Der Widerstand der Ärzte gegen die legale Beschneidung aus religiösen Gründen blieb jedoch erfolglos. Brigitte Dietz, Pressesprecherin des Berufsverbands, sagt: "Ich halte dieses Gesetz für falsch, weil es das Recht des Kindes auf Unversehrtheit massiv beeinträchtigt. Die Religion der Eltern wird über das Kindeswohl gestellt. Es wird in Kauf genommen, dass ein gewisses Risiko besteht." Das sei so bei einer Vollnarkose.

Die Beschneidung ist ein medizinischer Routineeingriff, aber Nebenwirkungen kommen vor: der postoperative Wundschmerz, Blutungen, Schmerzen beim Urinieren und eine lokale Überempfindlichkeit für einige Wochen. Schwere Komplikationen treten selten auf. Bei rituellen Beschneidungen, die nicht medizinisch fachgerecht und unter Vollnarkose durchgeführt werden, ist das anders. Eine aktuelle Studie aus Dänemark kommt zu dem Ergebnis, dass beschnittene Jungen ein fünfzig Prozent höheres Risiko haben, eine Autismus-Spektrumsstörung zu entwickeln, als unbeschnittene. Möglicherweise besteht eine Verbindung zwischen Autismus und einem Trauma durch die Beschneidung.

Dietz sieht die dänische Studie kritisch: "Es gibt eine große Bandbreite an autistischen Störungen. Ich glaube nicht, dass eine fachgerechte Beschneidung ein Trauma hervorruft." Anders beurteilt Dietz ein frühkindliches Schmerztrauma, wie es durch eine rituelle Beschneidung ausgelöst werden könnte - ohne Arzt und Narkose. So eine Erfahrung wirkt nach.

Deutsche Kinderärzte meinen, dass gründliche Körperhygiene den gleichen Schutz bietet

Die Beschneidung männlicher Neugeborener ist aber nicht nur im Zusammenhang mit der Religionszugehörigkeit zu sehen. In den USA ist die große Mehrheit der Männer beschnitten, während die Quote in Europa bei durchschnittlich unter zwanzig Prozent liegt. Der amerikanische pädiatrische Berufsverband erklärt, dass die möglichen gesundheitlichen Vorteile einer Beschneidung die Nachteile dieses Eingriffs überwiegen. Es könne nachgewiesen werden, dass beschnittene Männer ein statistisch niedrigeres Risiko haben, sich mit HIV und anderen Sexualkrankheiten anzustecken. Doch die Beschneidung allein schützt nicht vor der Ansteckung mit Sexualkrankheiten. Deutsche Kinderärzte vertreten die Ansicht, dass eine gründliche Körperhygiene den gleichen Schutz bieten kann.

Katrin will auf keinen Fall, dass ihr Sohn beschnitten wird, sie will ihn nicht unnötig in Gefahr bringen. Außerdem kann sie den Sinn dieses Rituals nicht begreifen. "Früher war eine Beschneidung aus hygienischen Gründen sinnvoll", sagt sie. "Aber wir leben ja nicht mehr in der Wüste. Jeder hat fließendes Wasser und kann sich waschen. Mein Mann will zeigen, dass sein Sohn zu ihm gehört. Aber wenn es ein Mädchen gewesen wäre, würde man auch nicht einfach etwas wegschneiden, ein Ohrläppchen oder so. Sie würde trotzdem hundert Prozent zu ihm gehören."

Auf den Banderolen des Prinzenkostüms der beschnittenen Söhne steht: Mashallah. So Gott will. Es gibt da diesen Widerspruch: Der Islam verbietet, den eigenen Körper zu verändern. Man darf sich nicht tätowieren oder Schönheits-OPs vornehmen lassen. "Weil Gott sich was dabei gedacht hat, wie er den Menschen geschaffen hat. Wir haben nicht das Recht dazu, den Menschen zu verschandeln", erklärt der Vater. "Warum werden die Kinder dann mit Vorhaut geboren?", fragt die Mutter.

Eine heikle Frage also, für beide Seiten. Und irgendwann müssen sich die Eltern entscheiden, ganz oder gar nicht.

(* Namen geändert)

Beschneidung Von einem winzigen Stückchen Haut
Ausstellungskritik
Ausstellung über Beschneidung

Von einem winzigen Stückchen Haut

Vor zwei Jahren tobte in Deutschland eine hitzige Debatte über rituelle Beschneidung. Nun widmet das Jüdische Museum Berlin dem Thema eine Ausstellung: "Haut ab". Das Plakat ziert eine halb geschälte Banane. So provokant das wirken mag, so sehr bricht die Schau mit Stereotypen.   Von Thorsten Schmitz