Dem Geheimnis auf der Spur:Der Schattenmann

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Das historische Vorbild im Kupferstich: Der Tod von d'Artagnan bei der Belagerung von Maastricht 1673. (Foto: Mauritius Images)

Im Roman "Die drei Musketiere" zeichnet Alexandre Dumas seinen d'Artagnan als edlen Recken. Doch war das historische Vorbild für den Superhelden der frühen Popkultur ein grausamer Scherge des Sonnenkönigs?

Von Josef Schnelle

Im Roman von Alexandre Dumas dem Älteren ist er ein junger Gascogner vom Lande, der mit einem plumpen Ackergaul nach Paris kommt. Er will unbedingt Musketier in der Garde des Königs werden und legt sich bei der Ankunft schon mit den Schergen von Kardinal Richelieu an. Zum Glück aber fordert er die drei Musketiere Athos, Porthos und Aramis quasi "im Vorbeigehen" zum Duell heraus, was ihm kurioserweise das Leben rettet und einen Freundschaftsbund fürs Leben begründet. Nach dem Motto: "Einer für alle, alle für einen!" ficht sich der junge d'Artagnan fortan durch drei dicke Bände mit Mantel-und-Degen-Abenteuern, deren erster "Die drei Musketiere" heißt. Dabei sind es eigentlich - ihn eingeschlossen - stets vier.

Alexandre Dumas' Romanserie spielt im höfischen Umfeld des 17. Jahrhunderts und erschien ab 1844 erst als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung Le Siècle. Der irreführende Titel, den ihm der zuständige Redakteur vorschlug, hatte dem Autor gleich gefallen. Schließlich vernebelte er so schön, dass ausgerechnet der "vierte" Musketier d'Artagnan, der erst noch einer werden will, der Held der Geschichte ist. Schon im Vorwort gibt Dumas seine Hauptquelle an: den als Autobiografie getarnten Schelmenroman "Les memoires de M. d' Artagnan" von Gatien de Courtilz de Sandras.

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In seinem Roman "Georges" erzählt Alexandre Dumas von Rassismus, Kolonialismus, Sklavenhandel. Das Buch, das erstmals im Jahr 1843 erschien, liegt in einer Neuausgabe vor.

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Als Inspiration für Dumas' Superhelden der Popkultur des 19. Jahrhunderts diente - eben ein d'Artagnan aus der Gascogne, der edel, hilfreich und gut der Königin Anna aus der Patsche hilft. Es ist nicht leicht, in den Dokumenten der Zeit Hinweise auf das frühe Soldatenleben des zwischen 1611 und 1615 auf Schloss Castelmore in Lupiac geborenen historischen Vorbilds für den Degenmann zu finden. Vor allem weil der Name so häufig war, dass man noch in einem Quartierverzeichnis der Musketiere manchmal eine ganze Seite mit Dutzenden d'Artagnans findet. Und tatsächlich hatte der historische Charles de Batz-Castlemore den Mädchennamen seiner Mutter - "d'Artagnan" - erst angenommen, als er längst in Amt und Würden war, weil der bei Hofe besten Klang hatte mit all seinen bedeutenden Vettern.

Der echte d'Artagnan begleitete Ludwig XIV. ein Jahr lang durch Frankreich

So könnte der Auftritt des echten d'Artagnan dem seines Alter Egos im Roman von Dumas geglichen haben. Zum Beispiel als er 1640 in Paris eintraf und zunächst tatsächlich nicht bei den Musketieren eintreten durfte. Er konnte es sich einfach nicht leisten, sich in diese Truppe - wie üblich - "einzukaufen". Als er dann nach Dienst in den Gardes Françaises 1644 endlich Musketier des Königs wurde, hatte er das dem einflussreichen Clan der Gascogner um den Musketierchef "Comte de Treville" zu verdanken, aber auch direkt Kardinal Mazarin, der als Erster Minister der Krone auf Richelieu folgte und auch unter der Regentschaft von Anna von Österreich im Namen des noch minderjährigen späteren Sonnenkönigs Louis XIV. ab 1643 im Amt blieb. Für Kardinal Jules Mazarin war der äußerst zuverlässige d'Artagnan da schon längst als geheimer diplomatischer Bote tätig.

Für den echten d'Artagnan bedeuteten dann die Fronde-Aufstände, ein vierjähriger Bürgerkrieg, der Mazarin vorübergehend ins rheinische Exil zwang, einen weiteren Schritt näher heran an das Zentrum der Macht. Er wird endlich der leitende Geheimkurier, der mit in Zahlenreihen verschlüsselten Depeschen die höfische Innenpolitik mitgestaltet, bis der Kardinal triumphal nach Paris heimkehren kann. Als der gesamte Hofstaat mitten in der Regierungskrise einmal 1649 in das ungeheizte Schloss von Saint-Germain-en-Laye flüchtet, begleitet d'Artagnan als treuer Wächter den Kindkönig und dessen Mutter. Durch dieses Ereignis entsteht offenbar das tiefe Zutrauen des Königs zum getreuen Musketier, der nach 1660 zum Capitaine-Lieutenant und damit zum faktischen Chef der wiedergegründeten ersten Kompanie der "mousquetaires gris" mit ihrer auffälligen grauen Satteldecke wird.

An der Spitze der Musketiere eskortiert d'Artagnan Ludwig XIV. zur Hochzeit mit der Infantin von Spanien nach Saint-Jean-de-Luz in Südwestfrankreich, nahe seiner gascognischen Heimat, und bringt den König nach einem fast einjährigen Triumphzug durch ganz Frankreich endlich nach Paris. Doch auch auf dem prächtigen offiziellen Kupferstich dieses Staatsereignisses suchen ihn die Historiker vergeblich. Der Schattenmann arbeitet weiter im Verborgenen, auch wenn er wichtige offizielle Aufgaben übernahm, etwa als persönlicher Gefängniswärter des betrügerischen ehemaligen Oberintendanten der Finanzen des Staates, Nicolas Fouquet. Oder auch als Gouverneur von Lille. Das eine Mal hochgelobt, das andere Mal umstritten wegen seines herrischen Führungsstils.

Die Musketiere waren keine elegante Fechttruppe, sondern das SEK des Königs

Überhaupt darf man sich die Musketiere Seiner Majestät keineswegs als elegante Fechttruppe mit einem getanzten Stil wie dem von Gene Kelly als d'Artagnan im Film von 1948 vorstellen. Die Musketiere waren eine Art "politische Polizei und Sondereinsatztruppe" des absolutistischen Sonnenkönigs, und ihr Motto lautete, weit weniger freundlich als bei Dumas: Quo ruit et lethum - Wo sie vorbeiziehen, bringen sie den Tod. Das haben die Musketiere mit ihren unhandlichen Musketen mehrfach bewiesen. Als sie etwa den Hungeraufstand von Vivarais 1671 in einem Blutbad niederschlugen, war d'Artagnan nachweislich beteiligt. Auch sein Leben endete durch eine Musketenkugel, am 21. Juni 1673 an einem Stadttor von Maastricht, das er im Holländischen Krieg erobern wollte.

"Madame, ich habe d'Artagnan verloren, zu dem ich größtes Vertrauen hatte", schreibt der Sonnenkönig traurig, dessen absolute Macht der echte d'Artagnan zu begründen geholfen hatte. Und das steht dann auch auf dem Sockel der Statue mit Degen und Fehdehandschuh im Aldenhofpark in Maastricht. Ganz klein hat man noch auf den eckigen Basissockel hingekritzelt: "Einer für alle, alle für einen". Die Legende ist am Ende eben doch am stärksten.

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