Woran merkt man, dass man mit Anfang 30 nicht mehr ganz zu den jungen Wilden zählt? Der Erste im erweiterten Umfeld lässt sich wieder scheiden. Und statt „Smells Like Teen Spirit“ summt man jetzt „Das geht von Kopf bis Fuß, das ist der Körperteil-Blues“ vor sich hin.
Um Scheidungen und fragwürdige Musik soll es im weitesten Sinne auch in diesem Text gehen, genauer um den „Divorced Dad Rock“. Drei englische Wörter, die in dieser Reihung erst mal wenig Sinn ergeben, als Internetphänomen jedoch gerade viele Menschen weit unterhalb des Scheidungseinstiegsalters begeistert. Junge Leute hören wieder Lieder und verbreiten sie auf Social Media, die vorgestern noch als extrem uncool galten – zusammengefasst unter der ironischen Klammer „Divorced Dad Rock“. Auf die Playlist kommt alles, was Männer in einem gewissen Alter so auf dem Transit Richtung Midlifekrise hören könnten. Weltschmerz trifft Sprüche-Shirt.
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Nickelback zum Beispiel, die wegen ihres monotonen Sounds zeitweise als „schlechteste Band der Welt“ verschrien war. Eine finnische Studentin bescheinigte den Musikern nach eingehender Analyse in ihrer Doktorarbeit: „Sie folgen Genre-Erwartungen zu gut, was als leere Imitation angesehen wird.“ Kurz: Wer allen gefallen will, gefällt am Ende niemandem. Aber jetzt ja anscheinend doch wieder. Und nicht nur Nickelback. Durch Spotify-Playlisten mit Titeln wie „Divorced Dad Rock Bangers“ (mit grillendem mittelaltem Mann auf dem Foto) spült es auch Bands wie Papa Roach, 3 Doors Down und Creed wieder hoch.
Letztere sind dieses Jahr wieder auf großer Tour. Im April spielen sie auch auf einem Kreuzfahrtschiff. Start in Miami, Ziel sind die Bahamas. Die Karten dafür sind schon alle weg. Das Setting spricht aber wohl doch eher geschiedene Väter oder Großväter an.
Auch junge Frauen mit Fledermaus-Sonnenbrille hören jetzt Nickelback
Neben Streamingdiensten wie Spotify ist der „Divorced Dad Rock“ vor allem auf Tiktok präsent, wo in regelmäßigen Zyklen Inhalte mit Nostalgie-Potenzial vom Algorithmus in die Gegenwart katapultiert werden – Fotos, Kleidungsstücke, Frisuren. Jetzt also auch schwere Gitarren und leicht eingängige Texte. Da sieht man dann einen Mitte-Dreißigjährigen im eng anliegenden Sportshirt vor einem Ventilator stehen und während eines Medleys mit ausgestreckten Armen „Here Without You“ von 3 Doors Down grölen. Der Mann hat fast vier Millionen Follower auf Tiktok.
Solche Videos gibt es auch von jungen Frauen: rote Fingernägel, Sonnenbrille in Fledermausflügeloptik, Ring durch die Nase. Eine Mitte-20-Jährige sitzt am Steuer ihres Autos und singt inbrünstig mit, während ihre persönlichen „Divorced Dad Rock“-Top-Ten aufgelistet werden. Auch hier die üblichen Verdächtigen. Der zweite Kommentar unter dem Video: „Als geschiedener Vater stimme ich deiner Auswahl zu 100 Prozent zu.“ Nickelback als kleinster gemeinsamer Nenner in der Kommentarspalte? Darauf hätte wohl kein Zukunftsforscher gewettet.
Aber was ist eigentlich mit den geschiedenen Müttern? Die bekommen musikalisch auch etwas geboten. Auf Spotify gibt es unter anderem die (entsprechend bebilderte Playlist) „Divorced Mom with Wine Problem“. Fünf Stunden und 40 Minuten, Adele, Lana del Rey, Kelly Clarkson. Na dann, Cheers!

