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Mundraub.org:Die Plattform hat auch Gegner

Mundraub hat jedoch nicht nur Freunde. Im Internet findet man Kommentare, in denen die Macher mit Hausbesetzern verglichen oder als Diebe bezeichnet werden, als Menschen, die nur nehmen und nichts geben wollen.

Gildhorn ärgert das. "Ich hab' Schulden gemacht und sehr viel Lebenszeit, immens viel Arbeit und Energie investiert, um diese Plattform zu betreiben", sagt er. "Ich will nichts umsonst. Ich will ja gerade, dass wir etwas zurückgeben und uns mehr mit dem Gebrauch unserer Ressourcen befassen." Und ganz sicher wolle Mundraub nicht zum Diebstahl anstiften. Das stehe auch klar in den Regeln auf der Seite.

Wer einen Obst-Fundort einträgt, muss vorher nachgeprüft haben, wem der Busch oder Baum, an dem die Früchte hängen, eigentlich gehört. Denn tatsächlich gibt es in Deutschland kein "herrenloses Obst". Wenn Bäume nicht in Privatbesitz sind, gehören sie den Kommunen. Immer wieder prüfen die Mundräuber die Angaben nach, versuchen, Privatpersonen und Vertreter von Gemeinden ausfindig zu machen, denen nicht abgeerntete Bäume oder Sträucher gehören.

Dass Mundraub polarisiert, liegt vielleicht auch am Namen, sagt Gildhorn. "Wir hätten die Plattform auch Gemeinschaftsbäume.de nennen können", sagt er. "Aber das hätte doch niemanden interessiert."

Auch im Pomologen-Verein gibt es kritische Stimmen

Man könnte nun meinen, dass eine Initiative wie die der Mundräuber bei Menschen, die sich für den Erhalt von Obstbäumen einsetzen, offene Türen einrennt. Das ist aber nicht so. Im Pomologen-Verein Berlin-Brandenburg, der genau diesen Zweck hat, sitzt einer der Kritiker: Obstbaukundler Hans-Georg Klose. "Diese Mundräuber habe ich schon oft auf den Topf gesetzt", sagt er. "Das Problem ist doch, dass keine Bäume nachgepflanzt werden und niemand die Bäume pflegt."

Die Bäume auf den Brandenburger Obstalleen seien heute im Durchschnitt 80 Jahre alt. "In ein paar Jahren sind die alle tot", sagt er. Allein in Brandenburg, fährt Klose fort, würden jährlich bis zu 9000 öffentliche Obstbäume gefällt. Und die, die nachgepflanzt werden, würden einfach sich selbst überlassen und trügen nach spätestens sieben Jahren keine Früchte mehr. Der Verein Mundraub ist für ihn, das merkt man schnell, ein romantisiertes Landlustprojekt einiger Hippies, mehr nicht.

Die Mundräuber aber meinen es ernst. Nach den Erntecamps gibt es nun auch umfassendere Projekte, bei denen Gemeinden beraten und unterstützt werden. Das größte ist im niedersächsischen Hasetal. Der Zweckverband des dortigen Erholungsgebiets hat entlang des 200 Kilometer langen Radfernwegs "Hase-Ems-Tour" Tausende Obstbäume gepflanzt, die zur freien Verfügung stehen.

Mundraub hat die 16 Gemeinden entlang des Radwegs bei einem Konzept unterstützt, wie die Bäume nachhaltig gepflegt und genutzt werden können - über Baumpatenschaften etwa. Unterstützt wird das Pilotprojekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).

50 Bäume für Berlin - eine Allee auf der Brache

Ein anderes Projekt entsteht gerade auf einer Brache am Berliner Stadtrand. Dort steht Schroth mit gestreiftem Fahrrad und ausgeleiertem Pulli zwischen 50 Obstbäumchen. "Unsere Allee", sagt er. Während er spricht, seilt sich eine kleine Spätsommer-Spinne von seiner Brille ab.

Immerhin 30 Menschen haben sie gefunden, die bereit waren zu versprechen, dass sie nicht nur einen Baum pflanzen, sondern auch lernen wollen, wann man ihn wie beschneiden muss. Schroth selbst, der Landschaftsnutzung und Naturschutz studiert hat, hat gerade noch eine Ausbildung zum Obstgehölzpfleger begonnen.

"Das Ernten ist der einfachste Weg, um Menschen für Obstbäume zu begeistern", sagt er. Und wer erst einmal geködert ist, soll sich im Idealfall nicht nur für Saft- und Marmeladenproduktion interessieren, sondern auch fürs Pflegen der Bäume.

Noch sind die Stämme der Berliner Mundraub-Allee gerade mal armdick und an den Ästen hängen statt Obst nur bunte Zettelchen. "Hier wächst eine Williams-Christ-Birne", informiert ein Baumpate auf ein paar laminierten Zeilen. Die Williams-Christ-Birne selber sieht allerdings so aus, als bräuchte sie noch einiges an Unterstützung, bis sie wirklich wachsen könnte. "Es sind halt immer ein paar Krüppel dabei", sagt Schroth und zupft ein welkes Blatt aus dem traurig aussehenden Birnbaum. Er ist dennoch zufrieden mit seiner Obstallee.

"Ein Projekt mit bundesweiter Strahlkraft"

Für die Erntecamps hat das Modell der baumliebenden Städter immerhin schon funktioniert: Die Bundesgartenschau hat den Mundräubern zugesagt, ihnen 20 000 Liter Saft abzunehmen. 2015 findet die Garten-Großveranstaltung im Havelland statt. Wer sie besucht, wird in den Läden Saft aus den Mundraub-Erntecamps finden. Alles aus Obst, das ohne Idealisten wie diese früher einfach am Boden verfault wäre. Ein "Projekt mit bundesweiter Strahlkraft" sagt Schroth. Dass die Mundräuber gar keine Räuber sein wollen, wird damit vielleicht etwas deutlicher.

© SZ vom 13.09.2014/frdu
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