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Mount Everest:Das Wetter auf 8848 Metern

Vom Wohnzimmer aus erstellt der Meteorologe Karl Gabl die Prognose für den Gipfeltag.

Von Martin WittmannZwei Berge hat Karl Gabl im Blick. Den einen sieht er durchs Küchenfenster in der Frühlingssonne stehen, den Herzogstand, eine halbe Autostunde entfernt. "Ein Bühel", sagt der Österreicher, ein gemütlicher Hügel. Es ist Mitte Mai, Gabl, 70, trägt ein buntes Karohemd, helle Hose und lila Crocs, er hat eine Tasse Kaffee in der Hand und lächelt seinen Schnauzer breit. Draußen läuft ein Eichhörnchen über die Terrasse, bleibt kurz stehen und schaut herein, verschwindet wieder in der Wiese voller Pusteblumen. Eine warme Voralpenidylle wie aus einem Heimatfilm. Gabl ist zu Besuch bei seiner Frau in Seehausen, 655 Meter über dem Meeresspiegel.

Fröhlicher Gitarrenklingelton, der erste Anruf des Tages, halb neun. Gabl nimmt das Handy, geht ins Wohnzimmer und setzt sich an den Laptop. Durch die Lesebrille sieht er die Vorwahl, +88, ein Satellitentelefon. Er hebt ab, draußen zwitschern die Vögel. Der Anrufer wünscht einen Guten Morgen, im Hintergrund rauscht ein Sturm. "Servus, griaß di Markus", sagt Gabl, und nach zwei kauzigen Sprüchen über all die Haare, die er beim Arbeiten verliere, kommt er zur Sache: "Ich fange mit dem Einfachsten an, den Temperaturen", sagt der Meteorologe. "Die sind konstant, minus 28 Grad Celsius in der Nacht, minus 23 am Tag." Der Anrufer ist zufrieden.

Markus Amon, 43, gehört zu einer guten Handvoll Bergsteiger, die sich dieser Tage von den höchsten Bergen der Welt melden, um von Gabl das Wetter vorhergesagt zu bekommen. Sie wollen das geeignete Zeitfenster für den mehrtägigen Aufstieg zum Gipfel erwischen. Gutes Wetter garantiert noch keinen Erfolg; aber schlechtes Wetter garantiert ein Scheitern der Bergsteiger. Das Gebirge kann ihnen Kulisse sein für einen Abenteuerfilm, wenn sie Glück haben; für einen Katastrophenfilm, wenn sie Pech haben. Den Unterschied kann Karl Gabl machen.

Die Frage, die Gabl eigentlich nicht hören möchte: "Was würdest du denn raten?"

Amon war schon auf drei Achttausendern, diesmal will er auf den höchsten Berg der Welt. Er ruft vom 6600 Kilometer entfernten Basiscamp des Mount Everest an. Des anderen Bergs, den Gabl im Blick hat.

Auf Gabls Laptops sind 14 Websites offen, sie alle zeigen meteorologische Daten für den Himalaja. Ein Wust an Tabellen, Grafiken, Satellitenbildern, Simulationen und Zahlen, die einander oft widersprechen, "Vorsicht, Falle!", sagt Gabl da. Die Daten kommen von privaten Dienstleistern aus den USA oder von europäischen Ämtern, andere von pakistanischen Behörden, gesammelt mit Wetterballons und Messstationen. Es sind Daten, die jeder Mensch im Internet einsehen kann. Damit etwas anfangen aber kann nur einer, der mehr als 30 Jahre der Leiter der Wetterdienststelle in Innsbruck war und nebenbei über das Telefon Hunderte Expeditionen auf der ganzen Welt unterstützt hat. Eine Wissenschaft für sich. Seit ein paar Jahren ist der Rentner Gabl, hier in einem schicken neuen Häuschen "300 Meter vom See weg", auch ein Wissenschaftler für sich.

"Vom Wind her isch es so, dass zwoa, drei Modelle zeigen, dass der Jet in einer süd-südwestlichen Richtung überm Berg liegt. So 100 km/h könnten es oben schon sein", warnt Gabl seinen Anrufer. Er ist skeptisch. In den kommenden Tagen könnten sich die mächtigen Jetstream-Winde zwar abschwächen. Dann aber drohten wieder Niederschläge. Amon schweigt. Seine Mission wird begleitet von Fragezeichen. Enden wird sie mit einem Ausrufezeichen.

Für Amon ist der 8848 Meter hohe Mount Everest besonders gefährlich. Der Österreicher, hauptberuflich Flugretter in Zell am See, will ohne Träger und ohne Sauerstoffflaschen auf den Gipfel. An ihm zehrt das schlechte Wetter noch heftiger als an den meisten anderen Bergsteigern; zudem gibt es von den anderen Bergsteigern gerade mehr denn je.

Der Everest erlebt dieses Jahr eine Ausnahmesaison. 375 Lizenzen haben die Behörden in Nepal für ausländische Bergsteiger ausgestellt, dazu kommen noch viele Sherpas; ein ganz eigener Rekord in einer Szene, die von Rekorden lebt. Weil sich der Everest nur wenige Wochen im Jahr besteigen lässt - nach und vor allem vor dem Monsun, der von Juni bis September wütet - sammeln sich die meisten dieser Touristen im Mai am Berg. Dass Amon bei der Ankunft im Basislager kaum Platz für sein Zelt fand, ist das kleinere Problem; das größere wäre, wenn er beim Aufstieg in einen energie- und zeitraubenden Stau geriete.

"So 100 km/h könnten es oben schon sein": das Camp zwei am Everest auf 6600 Metern Höhe.

(Foto: John Warburton-Lee/Mauritius Images)

Aber so weit ist er noch nicht. Eine Expedition kostet Kraft und Geld - allein die Lizenz kostet 11 000 Dollar -, vor allem aber braucht man Geduld. Seit 4. April ist Amon schon in Nepal, seit 24. April befindet er sich im 5364 Meter hoch gelegenen Basislager. Ende Mai muss das Abenteuer abgeschlossen sein. Die Zeit drängt, das Warten zermürbt. Er ist vorbildlich akklimatisiert, war bereits drei Mal auf mehr als 7300 Metern. Wann soll er aufbrechen zum Gipfel?

Amon stellt nun am Telefon jene Frage, die Gabl eigentlich nicht hören möchte: "Was würdest du denn raten?" Gabl zögert. Er bittet Amon, in einer halben Stunde noch einmal anzurufen.

Karl Gabl ist unter Bergsteigern eine Legende, er hat vielen von ihnen geholfen, einen Lebenstraum zu erfüllen. Wie oft hörte er eine unsichere Stimme am Telefon, die Tage später, nach erfolgreicher Mission, überglücklich klang. Er selbst kennt die Berge nicht nur aus Diagrammen, er war allein 20 Mal in Nepal, er hat 1970 einen Weltrekord aufgestellt, als er den 7492 Meter hohen Noshaq im Hindukusch bestiegen hatte und dann mit den Skiern wieder herunterfuhr - von einem so hohen Gipfel hatte sich das vor ihm noch keiner getraut. Zwei weitere Siebentausender hat er bestiegen, den letzten mit 66 Jahren.

Dass er einer von ihnen ist, macht seine Arbeit mit den Anrufern leichter. Er kann ihnen helfen, ohne nach dem Sinn der Strapazen zu fragen. Er verlangt kein Geld, aber er profitiert vom Erfolg. Der Stolz, mit dem er von den Rekorden seiner Freunde erzählt, hat etwas Väterliches, wenn er etwa von Simone (Moro), Ralf (Dujmovits) oder Gerlinde (Kaltenbrunner) spricht. Oder aktuell vom Andy. Andy Holzer, der ihn nach dem Wetter gefragt hatte, bevor er vergangenen Sonntag als erster blinder Bergsteiger den Gipfel des Everest von Norden her erreichte, während Markus Amon im südlichen Basislager noch wartete.

"Was würdest du denn raten?" Amons Frage macht Prof. Dr. Karl Gabl, den pensionierten Wissenschaftler, unwillkürlich zu Charly, dem inoffiziellen Mitglied der Expedition. Denn auch wenn der Meteorologe und seine dankbaren Anrufer immer wieder die Unverbindlichkeit der Prognosen betonen, spürt Gabl am Ende doch: Verantwortung. Zu oft war auf ihn Verlass, als dass die Bergsteiger seinen Rat noch anzweifeln würden. Doch ist ein Rat, von dem man weiß, dass er befolgt wird, kein Rat mehr. Sondern eine Entscheidung.

Wenn die Bergsteiger aufbrechen zur mehrtägigen Reise zum Gipfel, dann ist Gabl mit dabei. Nachts steht er auf, fährt den Computer hoch, vielleicht hat er noch eine Mail erhalten, vielleicht hat sich das Wetter geändert. Er hofft, dass es nichts Neues gibt. Im schlimmsten Fall taucht die Expedition in den Nachrichten auf.

Der Wettermann kennt selbst die dunklen Stunden am Berg, er weiß um die Qualen

Er kennt die dunklen Stunden am Berg, weiß um die Qualen. Einmal, 1995, haben ihm auf dem 8201 Meter hohen Cho Oyu schwere Erfrierungen gedroht. Zum Test hat er in seine Hand gebissen. Weil er dabei nichts mehr spürte, ist er umgekehrt. Chance vertan. "Der Menschheit ist's wurscht", sagt er, "und dem Berg ist's auch wurscht."

Auf Gabls Kommode im Wohnzimmer liegen Souvenirs aus Bhutan und Peru, an den Wänden hängen neben den Kreuzen Bilder von Bergen. In der Ecke steht ein alter Eispickel. Den Drang nach oben, der für Außenstehende so schwer nachzuvollziehen, so unverantwortlich ist, hatte Gabl von klein auf. In seinen Memoiren "Ich habe die Wolken von oben und unten gesehen" schreibt er an die vielen Menschen, die nicht verstehen, wie man solche Mühen auf sich nehmen und sein Leben riskieren könne: "Wir empfinden Glück und Freude dabei und hüten diese Momente wie einen Schatz in unseren Herzen."

Wenn Gabl von seinen vielen Anrufern erzählt, nennt er die Berge dazu, die zu erklimmen er geholfen hat; bei einigen, "Gott hab' sie selig", erwähnt er zusätzlich die Berge, die zum Grab der Bergsteiger wurden. Manchmal ist es ein und dieselbe Geschichte. Bei Gerfried Göschl etwa, 2012 mit 39 Jahren verschollen auf dem Hidden Peak im Karakorum, zwischen Pakistan und China. "Bei minus 46 Grad. Zwei kleine Kinder daheim", sagt Gabl, der selber Familienvater ist. Er legt jetzt Pausen zwischen die Sätze, klickt sich durch Diagramme, den Blick auf den Laptop gerichtet. Einen Tag vor dem Unglück habe er noch mit Gerfried telefoniert, sagt er. Macht er sich Vorwürfe? "Natürlich. Das setzt mir schon zu." Göschls Geschichte begleitet ihn, er wird sie an diesem Vormittag noch einmal erzählen. Loswerden wird er sie nie.

Der Everest kennt viele solche Geschichten. In dieser Saison sind die Schlagzeilen so erschütternd wie selten. Nur eine Randnotiz ist die Diskussion um den Hillary Step, einen legendären Felsvorsprung auf dem Weg zum Gipfel. Bergsteiger berichteten, er sei verschwunden, wohl bereits vor zwei Jahren von einer Lawine zerstört; dagegen sagen Einheimische, die Formation sei intakt und nur schwerer zu erkennen, weil sich die Route etwas geändert habe. Große Überschriften aber sind den Toten gewidmet: Dienstagnacht entdeckten Retter die Leichen von vier Bergsteigern in einem Zelt. Am vergangenen Wochenende bereits kamen vier Bergsteiger um, sie litten an der Höhenkrankheit, an Erfrierungen, Erschöpfung. Ein Dutzend weitere mussten gerettet werden. Anfang des Monats starb ein 85-jähriger Nepalese im Basislager, er wollte der älteste Bezwinger des Everest werden. Die schockierendste Meldung aber stammt vom 30. April.

Amon schrieb danach auf seiner Website: "In direktem Sichtkontakt zu unserem Lagerplatz hat sich (. . .) ein großes Unglück ereignet. Eine Hubschrauberlandung am Sonntagmorgen war wohl das Einzige, das wir mitbekommen haben: Ueli Steck ist hier (. . .) an der Nuptse Ostwand tödlich abgestürzt (. . .)! Die genauen Umstände, das Warum und Weshalb können wir selbst nicht verstehen (. . .). Was bleibt, ist eine große Leere (. . .)" Ueli Steck, vielleicht der Beste von allen, wollte als erster Mensch nacheinander den Mount Everest und den Lhotse besteigen, den höchsten und den vierthöchsten Berg der Welt. Als Teil seiner Akklimatisierung, als Training nur, stieg der Schweizer auf den Nuptse, einen Nachbarberg des Everest. Dort stürzte er mehr als 1000 Meter in die Tiefe.

Gabl holt sich jetzt den Nuptse ins Wohnzimmer. Über Google Earth sieht er den Berg von oben, er lenkt die Perspektive auf die Seite, zoomt auf einen Grat, auf eine Steilwand. "Des ist die Flanke, wo's ihn dawischt hat", sagt er, "des is' Schicksal."

Ist es das: Schicksal? Verliert man denn nicht den Glauben an die Sache, wenn sich der Berg selbst die Stärksten holt? Gabl sagt: "Das ist eine Berufung, das ist ihr Leben. Die kennen alle das Risiko. Wenn es einen Freund bei einem Verkehrsunfall erwischt, dann fährt man ja trotzdem weiter Auto." Gabl probiert es philosophisch: "Die Crux fängt schon bei der Zeugung an - wenn man nicht auf die Welt kommt, kann man auch nicht sterben." Die Bergsteiger am Everest hat die Nachricht nicht aufgehalten. "Heute morgen, nach der Hiobsbotschaft, machten wir uns trotz allem auf den Weg nach oben. Was hätten wir tun sollen, nichts hätte sich (. . .) geändert", schrieb Amon. "Wir senden seinen Angehörigen in dieser sicher schweren Zeit die unendliche Kraft der Berge. Was für uns bleibt, ist der kleine Trost, dass er sein Leben bei dem verloren hat, was ihm sicher Passion war, dem Bergsteigen."

Wenn er von Konvergenzwolken spricht, ballt er die Faust

Gabl klickt sich durch die Websites, sein Gesicht spiegelt sich im Bildschirm, nun sind die dunkle, gegerbte Haut, die tiefen Furchen, der ernste Forscherblick auszumachen, die Bewunderung, die Sorgen, das Hadern. Das Telefon klingelt wieder. Gabl hebt ab, grüßt und steht auf, er geht jetzt im Wohnzimmer auf und ab, vorbei an der Trompete und dem Notenständer, in dem "Großer Gott, wir loben dich" aufliegt. Bald steht er in der Küche, draußen wartet der Herzogstand, 1731 Meter hoch.

Aber Gabl blickt an dem Berg vorbei in eine andere, ungemütlichere Welt. Spricht er von Konvergenzwolken, ballt er die Faust, wenn er vom Jetstream redet, streicht er mit der Hand durch die Luft. Schließlich sagt er: "Ab 24. wird's eine Spur wärmer, der Jet schwächt sich a bisserl ab. Danach hätt'st a Chance." Amon bedankt sich, Gabl, unsicher, verabschiedet sich lächelnd mit dem Wunsch nach einer Perücke aus Kathmandu. Keine graue, bitte.

Am Sonntag, 21. Mai, schreibt Amon auf seiner Homepage: "Wir sind nun ständig in Kontakt mit Karl Gabl, welcher uns mit viel Geduld und - ich würde fast sagen - Hingebung täglich mit den Wetterinfos versorgt. Laut eigener Aussage ist es in diesem Jahr sehr, sehr schwierig, eine genaue Prognose abzugeben." Weiter: "Zur Zeit sieht es so aus, dass wir nicht ganz alleine (auch einige andere Gipfelaspiranten haben diesen Tag angepeilt) rund um den 25. Mai den Gipfeltag ansetzen werden." Dann brechen Amon und sein Begleiter auf.

Am Mittwoch, 24. Mai, gibt es eine neue Nachricht auf der Internetseite von Markus Amon - sein Begleiter und er haben das Abenteuer Everest abgebrochen. "In den letzten Tagen sind wir wie geplant Lager für Lager Richtung Gipfel aufgebrochen", schreibt er und erinnert sich noch einmal an "jahrelanges Vorbereiten, finanzielle Auslagen, viel Zeit und auch Entbehrungen". Sie taten, was sie konnten. Und doch haben sie es nicht geschafft. Sie sind umgedreht, gescheitert an den Bedingungen, die so schwer vorherzusagen und unmöglich zu beeinflussen waren. Das Wetter hat mit ihnen gespielt, und es hat sie am Ende auch bezwungen. Schicksal.

Auf dem Weg nach unten wurden sie begleitet von Charly. Er hat in lila Crocs am Computer gesessen und ist doch mit abgestiegen ins Basislager. Er hat sich gegrämt, dass er den Bergsteigern nicht auf den Gipfel hat helfen können; er hat sich beim Herrgott bedankt, dass er nicht noch einen Anrufer an die Berge verloren hat.

Amon schreibt: "Schlussendlich zählt, dass wir gesund nach Hause kommen!"

© SZ vom 27.05.2017
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