Dem Geheimnis auf der Spur:Der Mordfall Hammersmith

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Dem Geheimnis auf der Spur: Der Schein trügt: Francis Smith erschießt Thomas Millwood, das angebliche Gespenst.

Der Schein trügt: Francis Smith erschießt Thomas Millwood, das angebliche Gespenst.

(Foto: picture-alliance / Mary Evans Picture Library/picture-alliance)

Darf man auf Gespenster schießen oder ist das vermeintliche Leben von Geistern durch das Gesetz geschützt?

Von Josef Schnelle

Hammersmith ist heute der bedeutendste Verkehrsknotenpunkt im Westen Londons. 1804 war es noch eine ländliche Gartensiedlung am Rande der Stadt mit Straßen, die teilweise von mannshohen Hecken gesäumt waren. Urplötzlich häuften sich damals die Berichte der Einwohner von angeblichen Geistererscheinungen: Es konnte eine "Frau ohne Kopf" sein oder eine gehörnte schneeweiße Gestalt. Keineswegs waren diese Gespenster lediglich bloße Erscheinungen, die auftauchten und wieder verschwanden. Sie wirkten, verstärkt durch eine veritable Massenhysterie, durchaus als reale Bedrohung. Eine alte Frau berichtete gar, sie sei von einem weißen Greifergeist gefangen und von ihm in die Bewusstlosigkeit gewürgt worden.

Kurzerhand stellten die Bewohner mehrere bewaffnete Bürgerwehren auf, die den in Hammersmith umgehenden Geist stellen und unschädlich machen sollten. Gleich hatte man auch eine Erklärung parat: Im verflossenen Jahr sei schließlich ein Selbstmörder auf dem Kirchhof begraben worden, der nunmehr selbstverständlich nicht zur Ruhe kommen könne. Am 3. Januar 1804 befand sich der Steuerbeamte Francis Smith in heftiger Beunruhigung auf Patrouille, als er plötzlich in der nächtlichen Düsternis an der Black Lion Lane nicht weit vom Friedhof eine weiße Gestalt sah, die er immerhin noch kurz anrief: "Verdammt, wer oder was bist du? Verdammt, ich werde schießen." Und er drückte unmittelbar danach auf den Abzug seiner mit Bleischrot gefüllten altmodischen Donnerbüchse und zerschmetterte mit dem Schuss den Kiefer von Thomas Millwood, der sofort tot war.

Thomas Millwood war nämlich durchaus kein Geist, sondern trug seine übliche Arbeitskleidung als Maurer: weiße Leinenhosen, eine ebenso weiße Flanellweste und einen schneeweißen Umhang, was ihn in Francis Smith' Augen zum gefürchteten Geist machte. Eine Zeugin schilderte später im Prozess, Millwood sei schon vorher einmal für den Hammersmith-Geist gehalten worden, was er aber schnell habe entkräften können. Trotzdem habe sie ihn gebeten, in Zukunft stets einen grauen Mantel über seine weiße Arbeitskleidung zu ziehen. Er sei also gewarnt gewesen. Francis Smith war inzwischen auch klar geworden, dass er mit seinem Schuss einen Menschen getötet hatte, und er war schon umringt von den Gästen des nahe gelegenen "Black Lion Pub", zu dem der Leichnam zunächst getragen und wo Smith festgesetzt wurde. In dieser angesagten Kneipe eines Schweinebauern, der sein eigenes Bier braute, hatte Francis Smith vor seinem Kontrollgang noch reichlich von diesem getrunken. Noch heute erinnert dort eine schwarze Tafel an den Vorfall, der in der Folge vor allem juristisch Furore machte.

Der Schütze hatte nur das getan, was alle getan hätten, hieß es

Eine Woche später vor dem Strafgerichtshof Old Bailey waren zunächst alle bemüht, die Sache herunterzuspielen. Schließlich hatte - so die öffentliche Meinung - Francis Smith doch nur getan, was alle getan hätten. Er hatte auf einen Geist geschossen, und da man diesen nicht umbringen kann, also alles richtig gemacht. Auch wenn der arme Thomas Millwood sozusagen "irrtümlich" ums Leben gekommen war. Im viel beachteten Prozess kamen auch zahlreiche andere Geistererscheinungen zur Sprache, mit denen nachgewiesen werden sollte, dass der Steuerbeamte sich in einem überzeugenden "Tatbestandsirrtum" befunden habe. Auch gaben zahlreiche Zeugen dem Täter ein positives Leumundszeugnis. Daher befand die Jury den Angeklagten nach einer Stunde Beratung lediglich eines minderschweren "Totschlags" für schuldig.

Der Richter Lord Chief Baron Macdonald akzeptierte das aber nicht. Dass Smith sein Opfer für einen Geist gehalten habe, spiele keine Rolle, da eine klare Tötungsabsicht bei ihm vorgelegen habe, ohne dass erkennbar Notwehr oder eine legitime Handlung der Ordnungskräfte vorgelegen hätte. Der Richter schickte die Jury also noch einmal zurück zur erneuten Beratung mit der klaren Ansage, sie könne nur auf Mord oder auf Freispruch erkennen. Man könnte also sagen: In gewisser Weise schützt das Gesetz auch Geister vor der puren Mordabsicht. Folgerichtig verhängte der Richter also nach dem erneuten Verdikt der Jury, es sei Mord gewesen, die Todesstrafe durch Erhängen.

Noch am selben Abend wurde der Delinquent des aufsehenerregenden Prozesses allerdings von König George III., der vermutlich auch an Geister glaubte und dem Nicholas Hytner 1994 die skurrile Filmkomödie "Ein Königreich für mehr Verstand" widmete, zu einem Jahr Zwangsarbeit begnadigt; er saß am Ende dann nur sechs Monate im Gefängnis. Damit ist die Geschichte des Hammersmith-Geistes allerdings nicht zu Ende. Im populären "Black Lion Inn" glauben manche immer noch an den legendären Geist, der manchmal den Gästen dort leise rätselhafte Namen zuflüstert oder dessen Schritte man urplötzlich von den knarzenden Dielen des Obergeschosses zu hören glaubt.

Auch juristisch tauchte der historische Fall eines "Tatbestandsirrtums" immer wieder auf, bis er 1984 vom "Court of Appeal" im Revisionsverfahren von Gladstone Williams in einem Grundsatzurteil geklärt wurde. Williams war wegen Körperverletzung verurteilt worden, weil er in dem irrigen Glauben, einen Mann vor einem vermeintlichen Angreifer zu schützen, zugeschlagen hatte. In Wahrheit hatte er einem Dieb geholfen, der festgehalten werden sollte. Sein Glaube daran, auf der richtigen Seite einzugreifen, war nicht vernünftig begründbar - also ein klarer Irrtum. Das Appellationsgericht verfügte aber, dass er sich trotzdem darauf berufen konnte, und sprach ihn nachträglich frei. 2008 wurde dieses Vorgehen schließlich im "Criminal Justice and Immigration Act" in Gesetzesform gegossen. 204 Jahre zu spät für Francis Smith, dessen Glaube an Geister ihn heute vor Strafverfolgung geschützt hätte - zumindest in England, wo ja auch die meisten Gespenster ihren Wohnsitz haben.

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