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Modephänomen:Außen hart, innen weich

Tarnanzug: Bei der Jogg-Jeans wird ein spezielles Baumwollgewebe im Denim-Look gefärbt. Hier ein Modell von Diesel.

(Foto: Peter Rüssmann/Diesel)

Die Jogg-Jeans will die Stilsicherheit von Denim mit der Bequemlichkeit einer Jogginghose vereinen. Ihr großer Erfolg verrät einiges über den aktuellen Zeitgeist.

Zwei Themen haben in den vergangenen Monaten die Mode beherrscht. Erstens: Jogginghosen, weil sie sich in Kombination zu weißen Hemden und schwarzen Sakkos sogar im Büro durchsetzen konnten. Zweitens: Jeans, weil der Stoff in den Frühlings- und Sommerkollektionen gerade ein fulminantes Comeback feiert und sich inzwischen sogar in die Abendmode vorwagt. Wie so oft bei zwei direkt aufeinander folgenden Trends, poppt jetzt ein dritter auf, eine Art Mischung aus beidem: die Jogg-Jeans.

Erst vor Kurzem meldete ihr Erfinder Diesel, dass seit der Markteinführung 2011 auf der Messe Bread & Butter in Berlin weit mehr als eine Million Stück verkauft wurden. So viel in so kurzer Zeit abzusetzen, das schaffen sonst nur Beauty-Konzerne mit Düften, die extrem stark beworben werden. Der italienische Denim-Riese hat dafür vergleichsweise wenig Werbung machen müssen. Die Jogg-Jeans hat eben einfach den Nerv der Zeit getroffen.

Wohl auch deshalb brachte der Konzern-Chef Renzo Rosso dem Papst im Dezember letzten Jahres ein maßgeschneidertes Modell mit zur Audienz, natürlich ein weißes. Und auch deshalb führen immer mehr Marken diese Hosen im Sortiment: Adidas, Tom Tailor, H&M, S.Oliver, Boss Orange, VSCT, Tommy Hilfiger und sogar Gucci. Die Liste ließe sich problemlos verlängern.

Vereinfacht gesagt sind Jogg-Jeans am Anfang ihres Herstellungsprozesses nichts Anderes als speziell gewebte Jogginghosen, die man nur besonders gut färben kann. So gut, dass sich auf ihrer Außenseite die Optik einer Jeans-Waschung vortäuschen lässt. Die Innenseite bleibt davon unberührt und ganz Jogginghose. Es gibt die Hose mit oder ohne Ziehbündchen und Gürtelschlaufen, immer aber mit Nieten, Knöpfen, sowie ein- oder aufgesetzten Taschen. Das unterscheidet die Jogg-Jeans übrigens auch von einer Jeggings, jener stillosen Idee für Frauen, Leggings in Jeans-Optik zu verkaufen.

Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren, sagt Karl Lagerfeld

Eine Art Tarnung für alle also, die im Alltag bislang keine gemütliche Sportbekleidung anziehen wollten, weil sie es wie Karl Lagerfeld hielten. Der große Modemacher sagte einmal, dass Menschen, die eine Jogginghose tragen, die Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Auf Fashion-Blogs wird sein Bonmot deshalb jetzt natürlich wieder rauf und runter zitiert. In den Kommentaren rätseln die Leser, wann Lagerfeld (übrigens selbst bekennender Jeans-Fan) "endlich in diesen Hosen" auftreten wird oder ob überhaupt, weil er sich sonst "ja selbst nicht treu sein würde".

Während die Skepsis gegenüber Jogginghosen berechtigt ist, bleibt sie bei Jogg-Jeans eigentlich völlig unbegründet. Vorausgesetzt, man trägt sie richtig. Denn die Baumwolle fühlt sich natürlich trotzdem viel weicher an als beim klassischen Denim. Die Farbverläufe der Sitzfalten gehen fließender ineinander über als bei einer echten Jeans, auch wenn das nur bei genauem Hinsehen auffällt. Deshalb sollte man beim Kauf ein möglichst natürlich wirkendes, wenig detailreiches Design wählen. Ein Sweatshirt zur Jogg-Jeans wirkt schnell recht nachlässig. Ein Hemd aber würde den Kontrast von elegant und irgendwie cool doch noch zu sehr verstärken. Für den Erstversuch passt deshalb ein dünner Kaschmirpullover am besten.

Angst vor der eigenen Außenwirkung in Jogg-Jeans bräuchte mit dieser Kombination nicht einmal Karl Lagerfeld zu haben. Dass man etwas trägt, das nicht so richtig das eine noch das andere sein will, bemerkt niemand im Vorbeigehen. Gut, die meisten sehen heute sowieso lieber auf ihr Smartphone als auf ihre Mitmenschen. Aber selbst der modebewusste Kollege wird bei der Frage nicht stutzig, wie er die neue Jeans denn fände. Zum Glück.

Mit neuen Modellen soll man nach dem Sport direkt ins Büro gehen, ohne sich umzuziehen

Der größte Vorteil einer Jogg-Jeans erweist sich aber ohnehin erst auf Reisen. Etwa auf einem Langstreckenflug nach New York oder im Nachtzug von München nach Berlin, wenn wieder nur der Großraum mit Liegesessel frei ist. Früher hätte eine Hose spätestens mit der Einnahme einer lange gesuchten und halbwegs bequemen Position gezwickt oder irgendwo eingeschnitten. Jetzt fühlt sie sich aber auf einmal tatsächlich so an wie das gute Stück Stoff, das eigentlich nur auf dem heimischen Sofa getragen wird. Nach neun Stunden Flug oder Fahrt kann man dann auch noch fertig angezogen aussteigen. Der Rest fällt ja eh keinem mehr auf.

Morgen hierhin, übermorgen dorthin, dazwischen noch ein Date, zum Beauty-Treatment und Tanzen gehen: Für viele Menschen ist das mittlerweile Alltag. Haben sie sich am Anfang in kurzer Zeit noch mehrmals umziehen müssen, brauchen sie das jetzt nicht mehr. In einer Jogg-Jeans geht, stilistisch wie textiltechnologisch, auf einmal irgendwie alles. Sie ist eine neue Form der Zeitersparnis.

Das ist der wahre Grund, warum diese Hose so erfolgreich ist. Sie ist ein Kleidungsstück, das einem immer schneller werdenden Leben standhält. Glaubt man dem Einzelhandel, wird sie bald sogar noch erfolgreicher sein. Die Verkaufsprognosen für die kommenden Monate sagen ein Plus von 15 bis 20 Prozent voraus.

Auch dazu scheint Diesel seinen Beitrag leisten zu wollen. Zum Start in die neue Saison hat die Marke eine Jogg-Jeans herausgebracht, die durch ein spezielles Innenfutter so atmungsaktiv ist, dass man mit ihr sogar beim Sport richtig ins Schwitzen kommen dürfen soll - bevor man darin weiterzieht, ins Büro, zum Dinner oder in den angesagtesten Club der Stadt. Schon ganz schön bequem das Ganze.