Für sie: Kreuzworträtsel to go
Die riesigen Dinger, in denen man früher durch die kuratierte Nachrichtenlage blätterte, sind jetzt wieder – zumindest in Sachen Textil – in Mode. Man sieht Newspaper-Prints auf den Laufstegen von Dior, Chanel und sogar hier in der preiswerten Variante von Desigual am spanischen Popstar Rosalia. Warum? Ist das etwa Sehnsucht nach journalistisch geprüften Informationen, nach Langsamkeit, nach Sortierung? Natürlich nicht. Die Erfinderin des Newspaper-Stoffs, Elsa Schiaparelli, wurde in den 1930er-Jahren in Kopenhagen von Fischersfrauen, die Hüte aus Zeitungen trugen, inspiriert und verwendete schon damals Zeitungsausschnitte von Lobeshymnen über sich selbst aus rein ästhetischen Gründen. John Galliano hingegen druckte 2000 negative Kritiken seiner Kollektionen auf Dior-Kleider. Der britische Couturier sollte bekanntlich zum Protagonisten der nächsten großen Modeausstellung im New Yorker Metropolitan Museum werden, ließ die Sache aber doch platzen, weil die Öffentlichkeit ihm seinen betrunkenen antisemitischen Rant, vor fünfzehn Jahren aufgenommen von einem digitalen Nachrichtenträger, weiterhin nicht verzeihen mag.

Auf Rosalias Kleid sind gar keine Infos mehr zu erkennen, sondern hauptsächlich Kreuzworträtsel, da sein Schnitt aber entfernt an den meisterhaften Bias-Cut des Galliano-Originals erinnert, sieht es zumindest sehr schön aus. Festzuhalten bleibt also nur, dass so manche Schlagzeile oft schon am nächsten Tag ein alter (Zeitungs-)Hut ist. Andere Schlagzeilen hingegen bleiben, egal was man tut, bedauernswerterweise für immer.
Für ihn: Von seiner besten Seite ...
Fisch einwickeln, Malerarbeiten absichern, Schuhe ausstopfen – mit dem Verschwinden der gedruckten Zeitung aus unserem Alltag gehen auch eine ganze Reihe an Sekundärtugenden des Zeitungspapiers flöten. Bald wird niemand mehr nachvollziehen können, dass die spannendsten Meldungen und Geschichten immer ausgerechnet auf den Seiten standen, die man ausgelegt hatte, um Farbkleckse auf dem Parkett zu verhindern! Diesen schleichenden Verlust der Zeitungsseiten-Optik im Alltag machte die Mode dieses Jahr mit Newspaper-Designs wett, und zwar auch bei den Männern, wie etwa bei diesem Hemd des Labels Next (gesehen bei Zalando).

Nun ist die Schwarz-Weiß-Ästhetik von Zeitungsseiten ja ungefähr das Gegenteil eines Hawaiihemds, aber passt eigentlich viel besser in ein europäisches Stadtbild als überreife und exotische Blumenmuster. Und schließlich, früher saßen eben überall Männer mit einer aufgeschlagenen Zeitung herum – auf der Parkbank, in der U-Bahn, im Café – und das großformatige Papier wurde dann bei den Lesenden zum Teil des Outfits. Ein Zeitungshemd imitiert diese Optik und ja, auch wenn es natürlich ein bisschen nach Faschingskostüm aussieht, gibt es seinem Träger doch einen irgendwie belesenen Anstrich. Ein paar der hier aufgedruckten Zeitungsschnipsel klingen auch schon wieder ziemlich lesenswert. Wer weiß, vielleicht entwickelt die Smartwear ja irgendwann Textilien, auf denen aktuelle Meldungen und Bilder angezeigt werden und die ihre Träger dann zu wandelnden Infosäulen machen. Das wäre das Comeback des Zeitungsjungen! Aber ob man damit dann auch Schuhe ausstopfen kann?

