Mode-Illustration Punkt, Punkt, Komma, Kleid

Mehr Vertrauen ins Foto

Europäische Eleganz strahlen die Tusche-Skizzen von Chapurin (links) und Joop! aus.

(Foto: Zeichnung: Collection Rolf Heyne)

Nun hat sich im Lauf der Jahrzehnte wie die Mode auch die Modezeichnung gewandelt. Markantester Unterschied: Die Illustration wird in den seltensten Fällen noch dazu benutzt, einen Trend zu erklären, da vertraut man heute dem Foto. Zudem klafft mittlerweile ein Graben zwischen der Gebrauchs- und Werbegraphik und der künstlerischen Illustration. Natürlich gibt es Zeichner, die einem Modedesigner ihr Talent "leihen" - wie René Gruau einst dem Couturier Christian Dior, dessen Ideen er zu Papier brachte. Gruaus Werbung für das Parfum "Miss Dior" von 1947 begründete einen Boom illustrierter Anzeigen, der immer noch andauert.

Die Journalistin Laird Borrelli, die als Senior Fashion Editor bei style.com, der Internet-Plattform der amerikanischen Vogue, arbeitet, hat bereits zwei Bücher über diese "gewerbliche" Form der Illustration ("Fashion Illustration Now" und "Fashion Illustration Next") herausgegeben. Ob in Katalogen, Kommerzblättern oder auf Plakatwänden - modisch anmutende Motive finden sich überall. Oft haben ihre Erzeuger Mode studiert, doch sie stellen keine Mode (mehr) her.

Anders die Zeichner, die Borrelli in ihrem dritten Buch vereint, das jetzt auch in Deutschland erschienen ist. Darin widmet sie sich der "Illustrationskunst von Modedesignern", zum einen, weil die bisher zu Unrecht "unbeachtet" blieb und zweitens, um diesen "individuellen Schaffensprozess nachvollziehbar zu machen." Und so findet sich in diesem bilderreichen Kompendium eine Fülle unterschiedlichster kreativer Ansätze, weil eben jeder Designer ganz individuell arbeitet.

Auch die Wahl der Mittel variiert stark: Da gibt es die einfachen, linearen und mit feinem Tuschestift gezeichneten Kleider, Mäntel und Jacken des Kaliforniers Phillip Lim, die diffizileren und mit Anweisungen versehenen Tusche-Aquarell-Skizzen des Altmeisters Christian Lacroix oder die wie Aliens wirkenden schlanken Figurinen des Italieners Giambattista Valli.

Und dazwischen jede Menge überraschender Entdeckungen wie den in Korea geborenen Designer Hanuk, der mit Gouache-Technik wie aus dem Nichts kommende Kleiderpüppchen aufs Weiß wirft oder die Israelin Molly Grad, die für Stella McCartney und Yves Saint Laurent entwirft und auf deren Zeichnungen die Frauen ausdrucksvolle Gesichter haben, von schmerzhaft-energetisch bis kindlich-verloren.

Eigenwillige Technik, comic-haften Skizzen

Es gibt sogar ganze Kunstprojekte wie die komplexen Collagen eines Aitor Throup. Der Künstler, der das Londoner Royal College of Art mit Auszeichnung abschloss, hat eine recht eigenwillige Technik: Er bastelt eine Miniatur-Skulptur, die er mit Stoffen bekleidet. Für seine comic-haften Skizzen arbeitet er mit Aquarellfarbe, Stempel und Magic Marker auf Recyclingpapier - und lässt am Ende auch mal eine Computerschrift darüberlaufen. Kollektionen heißen etwa "When Football Hooligans Become Hindu Gods" und sehen auch genauso abenteuerlich aus.

Laird Borrelli hat Arbeiten von insgesamt 60 Modedesignern zusammengetragen und mit kurzen, zitatreichen Texten versehen. Einige Illustrationen wurden eigens für das Buch angefertigt, wie etwa die Tusche-Zeichnungen von Sonia Rykiel. Für die französische Strickmode-Designerin birgt das Entwerfen auf dem Papier eine ganz eigene Faszination: "Das Zeichnen ist mir so natürlich wie das Sprechen", erklärt sie. "Eine Skizze kann ganz unterschiedliche Realitäten ausdrücken, die bis dahin unvorstellbar waren. Zwischen der Hand des Künstlers und seinem Medium besteht eine direkte persönliche Beziehung. Eine Skizze ist offen, unendlich und fühlbar."

Von dieser "Magie" des Zeichnens, der Erschließung anderer Realitäten, berichten auch andere Designer. "Mit einer Zeichnung kann man etwas schaffen, das nicht existiert", sagt Bruno Pieters, Absolvent der Königlichen Akademie der Künste in Antwerpen und seit kurzem Designer für Hugo. Er schaffe immer einen "Gesamteindruck einer Kollektion" und niemals "technische Zeichnungen".

Die sogenannten "technischen Zeichnungen" (französischer Fachausdruck "Croquis") sind ein anderes Feld. Hier werden nur Umrisse gezeigt, Vorder- und Rückseiten penibel abgebildet, Seitensäume beschrieben, manchmal mit exakten Zentimeterangaben. Sie sind die letzte Vorstufe zum Schnittmuster und werden heute meist am Computer generiert.

Vielleicht ist also die Modezeichnung die letzte Bastion schöpferischer Freiheit: Sie muss nichts beweisen - aber sie kann alles erreichen. "Manchmal wird aus einem beeindruckenden Entwurf ein enttäuschendes Kleid, und dann wieder kommt man von einer unbefriedigenden Zeichnung zu einem schönen und tragbaren Stück" sagt Rossella Tarabini, die Designerin von Anna Molinari.

Und Yves Saint Laurent meint: "Wenn ich zum Stift greife, weiß ich nicht, was ich zeichnen werde. Ich habe keine vorgefertigte Idee. Es ist der Zauber des Augenblicks. Ich beginne mit einem Frauengesicht, und dann entwickelt sich auf einmal ein Kleid, das Stück nimmt Form an. Mich überrascht dieser Ansturm von Ideen, diese Fähigkeit, Kleidung zu ersinnen, immer wieder aufs Neue. Manchmal funktioniert es, manchmal auch nicht. Dann muss man etwas anderes tun. Aber man wird auf jeden Fall erneut zu Papier und Stift greifen."

Das Buch "Von Meisterhand. Wenn Modedesigner zeichnen" von Laird Borrelli ist im Verlag Collection Rolf Heyne erschienen.