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Auto-Design:Hinter Gittern

FRANCE-SHOW-AUCTION

Große Klappe: ein 1953 Buick Roadmaster 76C.

(Foto: BORIS HORVAT/AFP)

Der Siegeszug der E-Motoren macht den Kühlergrill zum Blinddarm der Auto-Geschichte: nicht sinnlos, aber entbehrlich. Ein Nachruf.

Von Gerhard Matzig

Wenn man als erwachsener Mensch davorsteht, dann kann man den Kopf eben noch über die Motorhaube des leicht erhöht auf einem Rasenstück parkenden Wagens recken. Aber die drei Großbuchstaben des Auto-Herstellers auf dem Kühlergrill - RAM - würde man im Kollisionsfall wohl direkt wie ein Brandzeichen in die Brust gestempelt bekommen. Ram Truck, eine Art Sumoringer-Gilde unter Automobilisten, gehört zu Chrysler. Im Münchner Osten steht man an einer dieser bizarren Ausfallstraßen, die nur aus Autohäusern, Baumärkten und Grillschwaden aus Eigenheimgärten zu bestehen scheinen, und bewundert in der Bestiarium-Abteilung einen Ram 1500 Limited.

Dessen CO₂-Effizienz ist auf einer Skala von A+ bis G irgendwo bei XYZ zu vermuten. Oder dahinter. Mit 712 statt nur 401 PS gibt es den Achtzylinder auch. Auf der Ladefläche des Pick-up kann man sich Rinderhälften für den Vatertag in Waldtrudering vorstellen. "Geiles Teil, oder?" Das stammt von einem Sumo-Bewunderer. Der traurig gestimmt ist: "So was wird es nicht mehr lange geben."

Der Mann hat recht. Dieser Pick-up ist der Tyrannosaurus Rex der Gegenwart. Und zwar kurz vor jenem Meteoriteneinschlag, der das Ende der Dinos besiegelt haben könnte. Und so fragt man sich, ob der Ram-Kühlergrill in Schrankgröße, der einen davorstehend verzwergen lässt, von den Archäologen der Zukunft mal so begeistert aus der Erde gebuddelt wird wie seltene Saurier-Knochen. Die Benziner schalten gerade in den Rückwärtsgang - weshalb man sich wohl auch vom Kühlergrill langsam verabschieden darf.

Auch wenn BMW mit seiner "Monsterniere" als Kühlergrill der neuen 4er-Generation noch einmal das Design-Delirium beschwört. Aber mit manchen Wucherungen ist es ja so: Je größer sie werden, siehe Fettleber, desto mehr bezeugen sie nur das eigene Ende. Die bayerische Monsterniere, unter ästhetischen Aspekten ein groteskes Missverständnis wie viele andere Aufgeblasenheiten im Freistaat, ist etwas Krankhaftes. Zumindest in den E-Zeiten der Mobilität.

Ursprünglich sollte der Kühlergrill Fremdkörper beim Fahren fernhalten

In solchen Zeiten wird der Kühlergrill mitsamt Motorhaube zum Blinddarm der Auto-Architektur: nicht sinnlos, aber doch entbehrlich. Wobei der Kühlergrill eigentlich nur das vor dem Kühler angebrachte Gitter definiert. Dieses diente ursprünglich dazu, Fremdkörper, zumal auf den in der Kinderstube der Automobilität üblichen unbefestigten Wegen, vom Kühler fernzuhalten. Der Kühler gehört zum Kühlsystem, das bei Motoren Wärme abführt, um vor Überhitzung zu bewahren. Gekühlt wird mit Luft und Wasser.

Weil aber bei Elektromotoren aufgrund des hohen Wirkungsgrades weniger Wärme abzuführen ist, kann auf die Kühler-Strukturen heutigen Zuschnitts verzichtet werden, die auch schon beim Verbrenner immer mehr zur reinen Deko-Frage degenerieren. Ohnehin wird die Kühlung, sie ist auch bei Elektromotoren keineswegs überflüssig, seit Jahren eher über Öffnungen in Bodennähe erzeugt als über den Grill. Auch ein Elektroauto verfügt über ein Temperaturmanagement - aber das frühere Zusammenspiel von Motorhaube und Frontpartie verändert sich rapide.

Reduktion ist eine Folge. Weniger ist mehr: Grundsatz der Moderne. Es wird ja auch Zeit, dass die Autos endlich mal wieder Design-Ambitionen über die Schwellkörper-Erotomanie hinaus an den Tag legen. Tatsächlich sucht man bei neueren E-Autos vergeblich nach der typischen Protz-Formensprache, die bald anmuten dürfte wie reine Vorgestrigkeit.

Den Autos gereicht das schon jetzt vom Antlitz her nicht nur zum Nachteil. Denn es war gerade auch der Kühlergrill, mal als wölfisches Gebiss, mal als klaffendes Haifischmaul geformt, der den Autos zuletzt so penetrant zu ihrer dümmlichen Auto-Aggressivität verholfen hat. Als wäre die Straße ein Kriegsgebiet. Und das Vehikel auf vier Reifen notwendigerweise ein Panzer gegen die Zumutungen der modernen Welt. Als da wäre in allererster Linie: in München-Bogenhausen einen verdammten Parkplatz vor der Kita zu finden. Da braucht es schon Panzer oder SUVs. Man ist immer wieder verblüfft, wenn aus solchen Fahrzeugen kein Soldat mit dem Gewehr im Anschlag, sondern nur ein blondbezopftes Mädchen mit der Puppe im Arm aussteigt.

Insofern wird man die Auto-Fronten, die an Häckselmaschinen erinnern, nicht vermissen. Andererseits wird dadurch aber auch das Comeback der Kühlergrill-Skulpturen noch etwas unwahrscheinlicher. Schade? Na ja, schon. Zugegeben: Man saß gern hinter dem alten Mercedes-Stern beim Strich-Achter in Erbsensuppengrün, den man wie das "Tatort"-Fadenkreuz auf die Welt richten konnte. Ohne Waffenschein.

Gottlieb Daimler wollte übrigens mit dem Dreizack ausdrücken, dass sich seine Motoren zu Wasser, zu Lande und in der Luft einsetzen lassen. Friedliebend. Und auch elektrifiziert der Zukunft zugetan. Die jedoch ohne Kühlergrill und Kühlergrill-Skulptur auskommen muss. Selbst wenn diese Skulptur wie im Fall Rolls-Royce "Spirit of Ecstasy" heißt, montiert erstmals 1911 als Verschluss des Wasserkühlers auf der Motorhaube. Der Geist dieser Zeit in Form eines entblößten weiblichen Hinterteils, dem der testosterongesteuerte Fahrer hinterherrast: Er ruhe in Frieden und auch hinter Gittern.

© SZ/chrm
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Betty Compson am Steuer eines Autos, 1921

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