bedeckt München 18°
vgwortpixel

Miriam Meckel:Problem erkannt, Gefahr gebannt? Weit gefehlt.

Jetzt forscht sie ein halbes Jahr in Harvard. Sie führt weiterhin eine Fernbeziehung, hat schon wieder ein Buch geschrieben - einen Bestseller, der bei Amazon.de gerade auf Platz fünf der beliebtesten Bücher steht. Sie gibt immer noch zahlreiche Interviews. Es hat sich eigentlich nichts geändert.

Eine unbändige, übermächtige Gier nach Leben treibt Miriam Meckel - ein Leben, das sich in den Medien spiegeln soll, zum Wohlgefallen der Autorin. "Ich sauge alles in mich ein", schreibt sie einmal in Brief an mein Leben. Sie liest immer und überall, selbst in der Warteschlange an der Kasse. Sie braucht Information wie eine Droge. Meckel: "Ich habe bislang versucht, meine Leistung, meine Erfolge, meinen Input, meine Schnelligkeit zu steigern, irgendwie immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, der genug Adrenalin ausschüttet, damit ich mich gut fühle und weiß, es ist richtig, was ich mache."

Das Opfer der Leistungsgesellschaft

Miriam Meckel definiert sich also über ihr Tun. Und davon sollen möglichst viele etwas mitbekommen. Selbst wenn es sich um klassisches Nicht-Tun, einen Burn-out, handelt, so ist das Opfer der Leistungsgesellschaft doch Thema. Sie ist, was sie macht. "Ich habe versucht, mit quantitativen Kategorien qualitative Probleme zu lösen. 'Wie viele Aufsätze muss ich schreiben, um geliebt zu werden?' Oder: 'Wie viele Flugmeilen muss ich pro Jahr absolvieren, um attraktiv zu bleiben?' Das eine hat jeweils mit dem anderen nichts zu tun und ist sicher auch etwas überpointiert. Aber genau in diesem Missverhältnis liegt das Problem", schreibt Meckel.

Problem erkannt, Gefahr gebannt? Weit gefehlt. Miriam Meckel giert weiter. Sie schlägt selbst aus ihrer größten Krise noch Kapital.

Burn-out als Zusatzqualifikation

Schon vor Jahren sagte sie der Süddeutschen Zeitung: "Ich glaube, Menschen, die behaupten, sie hätten keine Misserfolge, haben erstens Unrecht und zweitens ein echtes Defizit an Lebenserfahrung. Denn genau, wie man Glück erst erfährt, wenn man auch Unglück schon mal erfahren hat, erfährt man Erfolge auch nur, wenn man weiß, was Misserfolge sind. Es gibt das eine nicht ohne das andere."

So nutzt sie nun das Burn-out als Zusatzqualifikation. Sie zählt auf, was sie alles dazugelernt hat, es ist natürlich eine ganze Menge. "Heute koche ich", schreibt sie beispielsweise. "Die Krankheit hat mich dazu gebracht und mir eine neue Welt eröffnet: den Zugang zu einer kreativen, meditativen und genussorientierten Betätigung, die dazu noch Gesundes hervorbringt. Meine asiatische Gemüsenudeln essen meine Freunde mit Freude und in großen Mengen."

Das Burn-out als Erfolgsgeschichte mit asiatischen Nudeln. Gefühle zulassen, an sich denken, Prioritäten setzen, mit dem Tod umgehen - Miriam Meckel kann nun noch mehr als vorher.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Meckel das Wort Burn-out hasst - und welche Frage sie sich stellen sollte.

Zur SZ-Startseite