Liam Conejo Ramos kam gerade mit seinem Vater aus der Vorschule in Minneapolis zurück, da wurden die beiden von vermummten Polizisten erwartet. Der Junge ist fünf Jahre alt, er trug einen Spiderman-Schulranzen und eine blaue Wollmütze mit Hasenohren. Es ist bitterkalt hier oben im amerikanischen Norden, bis zu minus 30 Grad. Die bewaffneten Männer mit den Masken waren von der Einwanderungsbehörde ICE. Sie wollen, dass die Familie Conejo Ramos, die aus Ecuador stammt, aus den USA verschwindet.
Bevor sie Vater und Sohn wegbrachten, verlangten sie vom kleinen Liam, dass er noch mal an der Haustür klingelt. Sie benutzten ihn als Lockmittel, um zu sehen, ob noch jemand zu Hause war. Seine schwangere Mutter machte aber nicht auf, sie hatte Angst. Kurz darauf zogen die Einsatzkräfte von ICE mit Vater und Sohn ab, setzten sie später in ein Flugzeug und brachten sie nach Texas. Dort sitzen sie jetzt in einem Gefängnis, weit entfernt von daheim.
Die Regierung von Donald Trump will sie aus den USA abschieben, ein Richter hat das bisher verhindert. Millionen Menschen sollen hinausgeworfen werden, wenn sie keine Aufenthaltserlaubnis besitzen. Wie bei vielen von ihnen ist das allerdings auch bei Liam und seinen Eltern nicht klar: Sie zogen Ende 2024 aus Ecuador in die USA und beantragten hier Asyl, das war damals noch erlaubt. Sie fühlten sich in ihrer Heimat Ecuador in Südamerika unsicher und baten deshalb darum, von den USA aufgenommen zu werden, der Antrag läuft.
Wie die meisten Immigranten arbeitete Liams Vater hier, versorgte Frau und Kinder, zahlte Steuern. Ohne diese Einwanderer würden die USA stillstehen. Menschen ausländischer Herkunft sind zum Beispiel häufig auf Baustellen beschäftigt, in Restaurants oder in Hotels. Trump tut so, als seien die meisten von ihnen Kriminelle, obwohl das nicht stimmt.
Er schickte die Truppe mit dem Kürzel ICE und auch die Grenzschützer der Border Patrol in mehrere amerikanische Städte. 3000 Mann wurden allein nach Minneapolis entsandt, dem Bundesstaat, in dem Liams Familie lebt. Viele sagen, es geht Trump dabei auch um Rache. Er, der Republikaner möchte so den Bürgermeister und den Gouverneur bestrafen, denn sie sind Mitglieder der anderen Partei, der Demokraten.
Es ist, als ob Minneapolis von einer fremden Armee besetzt würde. Dagegen gehen Zehntausende Bewohner auf die Straße, sie wollen sich das nicht gefallen lassen. Angst und Wut sind umso größer, seit ICE und Border Patrol zwei Einwohner getötet haben. Renée Nicole Good hatte gerade ihren sechs Jahre alten Sohn in der Schule abgesetzt, als ein Schütze von ICE sie erschoss. Sie saß in ihrem Auto. Alex Jeffrey Pretti wurde von mehreren Leuten der Border Patrol zu Boden geworfen und umgebracht.
Zeugen filmten die schrecklichen Szenen mit ihren Handys. Präsident Trump und seine Helfer behaupteten, Good und Pretti hätten gewalttätig demonstriert, sie seien Terroristen, aber das ist eine Lüge. Renée Nicole Good war Dichterin, Alex Jeffrey Pretti Krankenpfleger, beide wurden 37 Jahre alt.
Nicht mal vor Kindern machen ICE und Border Patrol Halt. Allein in Liams Schulbezirk wurden zuletzt vier Schüler verhaftet, außer Liam auch ein Zehnjähriger und zwei Siebzehnjährige. Zwei von ihnen gemeinsam mit ihrer Mutter, einer allein. „ICE-Agenten streifen durch unsere Nachbarschaften, umkreisen unsere Schulen, folgen unseren Bussen, kommen auf unsere Parkplätze und nehmen unsere Kinder mit“, sagte die Vorsitzende des Schulbezirks. Viele Eltern und Kinder trauen sich kaum mehr aus dem Haus.
Aber wenn man in der klirrenden Kälte von Minneapolis unterwegs ist, dann sieht und hört man, wie die Stadt sich wehrt. Freiwillige warnen mit Trillerpfeifen vor ICE und Border Patrol, und es gab große Demonstrationen. Vor Kurzem blieben aus Protest sogar einen Tag lang viele Geschäfte und auch die Schulen geschlossen. An vielen Wänden und Türen steht „ICE out!“, ICE raus.
