Hop. Was war das denn? Ein weißer Fleck huscht durchs Blickfeld mitten in Paris. Hop. Von links nach rechts, über den Bürgersteig, zwischen Restaurantstühlen. Hop, hop, über den Zebrastreifen: Ein Kaninchen so lang wie ein Baguette, 20-mal so schwer. Ein echtes, lebendiges. Schwarze Knopfaugen. Rosa-weiße Riesenohren, die bei jedem Hüpfer – hop, hop – auf und ab wippen.
Spaziergänger bleiben stehen, streicheln das Tier, andere schauen ungläubig hinterher. Als wäre das Kaninchen gerade aus dem Zylinder eines Zauberers gehüpft. Passiert das gerade wirklich?
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Solche Videos schauen sich in Frankreich gerade Millionen Menschen an. Ist das wieder nur so ein Fake? Künstliche Intelligenz, nichts weiter?
Das Kaninchen heißt Kaspar. Es gibt ihn wirklich. Für einen Spaziergang (auf Kaninchisch heißt das Spaziersprung) ist es momentan zu heiß, Kaspar könnte sich die Pfoten am Asphalt verbrennen. Wir dürfen ihn zu Hause im Pariser Stadtviertel Marais besuchen.

Dort liegt Kaspar auf den kühlen Fliesen in der Küche. Die Augen fast geschlossen, ein Ohr klappt nach hinten. Nix mit hop. Es läuft „Cry to Me“ von Solomon Burke, Soul. Kaspars Nase zuckt ein bisschen, als ob er den Rhythmus erschnüffeln könnte, die Schnurrhaare wackeln. „Kaspar liebt Musik“, sagt Alexandre Haroche, wilder Lockenkopf, 32 Jahre alt. Würde er behaupten, Magier zu sein, hauptberuflich Kaninchen aus einem Zylinder hervorzuzaubern, man würde es ihm ohne Probleme abnehmen.
So aber ist er nur das Herrchen von Kaspar. Kaspar gehört zur Rasse der Flämischen Riesen. Das sind die größten Kaninchen der Welt. Die langen Ohren sehen nicht nur beeindruckend aus. In ihnen verlaufen viele Blutgefäße, die das Tier an heißen Tagen kühlen. Kann man mit den Ohren hecheln?
Dass Kaspar einmal berühmt werden würde, hatte Alexandre nicht geplant. Nach dem Sieg des Pariser Fußballvereins PSG filmte jemand sein Kaninchen. Das Video verbreitete sich schneller, als Kaspar nach Hause hoppeln konnte. Und natürlich ist da sofort das Rabbit Hole als Bild vor Augen. Der Begriff, der heutzutage dafür steht, wenn jemand im Internet versumpft, von Video zu Video immer tiefer rutscht und gar nicht merkt, wie draußen der Tag vergeht. Lost im Rabbit Hole. Wie der Kaninchenbau aus „Alice im Wunderland“, abgeschottet von allem rundherum. Man wollte nur kurz dieses verrückte Kaninchen aus Paris ansehen – und 13 Kaspar-Videos später ist Abendessen. Willkommen im Rabbit Hole!
Mit den Spaziergängen hat Alexandre im Frühling angefangen. Zuerst noch an der Leine, dann frei. Inzwischen hört Kaspar sogar auf seinen Namen. Natürlich meidet Alexandre große Boulevards und befahrene Straßen. Kaspar („das liebste Kaninchen der Welt“) ist alles andere als ein Angsthase. Er schnüffelt an Spaziergängerhänden, hoppelt durch Gassen oder Parks, lässt sich streicheln und kraulen. Im Viertel Marais ist er mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund. Von den Nachbarn wird er freundlich gegrüßt, manche Touristen reisen sogar extra an, um sich mit Kaspar zu filmen. Neue Videos werden hochgeladen.
In der Wohnung ist Kaspar nicht allein. Zwei kleine Hunde und ein Kätzchen leben mit ihm dort. „Die behütet Kaspar wie ein Vater“, sagt Alexandre. Was Kaspar aber fehlt, ist ein Artgenosse. Denn eigentlich brauchen Kaninchen im Alltag vor allem eins: Ein anderes Kaninchen (und auf keinen Fall eine Leine!).
Auf die Idee mit dem Riesenkaninchen hat Alexandre sein Bruder gebracht. „Zum Spaß hat er mir ein Foto geschickt. Das fand ich sofort irre komisch.“ Was genau? Alexandre zögert, dann: „Dieses Übertriebene, die Ohren, die Farbe. Alles ist groß und maßlos.“
Im Französischen gibt es dafür das Wort gargantuesque: etwas, das so übertrieben groß oder kolossal ist, dass es schon wieder komisch ist, so wie der Riese Gargantua, ein 500 Jahre alter Romanheld, an dem einfach alles übertrieben riesig war: gigantisch groß, immer hungrig, sehr kräftig, wissensdurstig. „Ein bisschen wie Kaspar“, meint Alexandre. Und das ist doch ein schönes Wort, das man sich von Kaspar ausleihen kann: gargantuesk!
