Dorka ist 15 und wohnt in Budapest, der Hauptstadt von Ungarn. Sie kennt nur Viktor Orbán als Ministerpräsidenten, der die vergangenen 16 Jahre lang ununterbrochen regiert hat. Als sie geboren wurde, war Orbán schon im Amt, als sie in die Schule kam, noch immer. Viele Menschen in Ungarn hatten es lange nicht für möglich gehalten, dass sich daran etwas ändert. Orbán, der mächtigste Politiker des Landes. Der 16 Jahre lang seine Macht nutzte, um Regeln der Demokratie zu schwächen: Zeitungen, die kritisch über seine Politik berichteten, hatten es schwer. Die Menschen sollten nur das zu lesen bekommen, was Orbán wollte. Er machte Gesetze, die ihm selbst und seinen Freunden nützten. Und er stritt viel mit der Europäischen Union, freundete sich mit Russlands Präsident Wladimir Putin an, der die Ukraine angegriffen hat.
Doch bei der Parlamentswahl am vergangenen Sonntag verpassten die Wählerinnen und Wähler Orbán eine krachende Niederlage. Der Gewinner: Péter Magyar, dessen Nachnamen man in etwa so ausspricht: Modjarrr. Er bekam mit seiner Partei Tisza die meisten Stimmen. Und gleich so viele, dass Magyar und die Tisza viele wichtige Entscheidungen allein treffen können.

Die 15-jährige Dorka interessiert sich nicht so sehr für Politik. Sie spielt lieber Geige im Schulorchester. Am Sonntagabend saß sie dann aber doch zusammen mit ihren Eltern und ihrem zwei Jahre älteren Bruder vor dem Fernseher. Als die ersten Ergebnisse über den Bildschirm flimmerten, verwandelte sich Budapest in eine Party. „Alle schrien: Wir haben gewonnen“, sagt Dorka. Viktor Orbán, abgewählt. Das feierten vor allem junge Menschen auf dem Batthyány-Platz an der Donau. Dorka wohnt ungefähr einen Kilometer entfernt. Sie lacht, als sie erzählt, wie sich das angehört hat. Ein bisschen so, als ob Ungarn die Fußball-Weltmeisterschaft und gleichzeitig die Europameisterschaft gewonnen hat. Vor allem Europa! Orbán wurde abgewählt und damit auch ein Freund von Donald Trump und Wladimir Putin. Köszönjük Magyarország! Danke, Ungarn!
Menschen, die in Autos hupen, die Fahnen schwenken, sich mit den Händen abklatschen, jubeln. Dorka musste das vom Fenster aus beobachten. Am nächsten Morgen war ja Schule. Klar war der historische Sieg von Péter Magyar auch dort Thema. Alle redeten über den lustigen Tanz von einem Tisza-Politiker, der jetzt Gesundheitsminister werden soll. Zsolt Hegedűs schlängelte auf der Siegesfeier seinen Körper über die Bühne, watschelte Luftgitarre spielend wie eine Ente und schleuderte seine Arme in die Luft. „Er ist eine Dancing Queen“, sagt Dorka und grinst. Aber dann wollten die Lehrer wieder Unterricht machen.
Dorka, die mit 15 noch nicht wählen durfte, ist fasziniert von der Aufbruchstimmung. Nach 16 Jahren Fidesz-Regierung ist in Ungarn eine neue Zeit angebrochen. Die aufgestaute Wut von unzufriedenen Menschen kann sich entladen, das Land sich aus der Isolation in Europa befreien. Das hoffen vor allem junge Menschen. Auch Dorka, die ihre ganz persönlichen Hoffnungen an diesen Aufbruch verbindet: Sie reist sehr gern. Sie findet den Euro besser als die eigene Währung. Kann das bitte mal jemand ändern? Davor, meint Dorka, solle der neue Ministerpräsident sich aber noch um etwas anderes kümmern. Er möge bitte das landesweite Handyverbot in den Schulen abschaffen. „Das sollen doch die Direktoren selber entscheiden.“ Sieben Stunden ohne Handy, meint sie, „das schränkt meine persönliche Freiheit ein“.
