Michelle Obama:Die Frau, die jeder zur Freundin haben möchte

Lesezeit: 9 min

Michelle Obama

Perfekt, aber nicht zu sehr: Michelle Obama

(Foto: AP)

Gar nicht leicht, in diesen Zeiten noch echte Vorbilder zu finden. Michelle Obama ist eines. Ein Abschieds-Hurra auf die First Lady.

Von Susan Vahabzadeh

James Cordens Carpool-Karaoke ist nur etwas für Leute, die auch unter albernen Umständen noch eine gute Figur machen. Der amerikanische Komiker lädt sich für die "Late Late Show" berühmte Menschen in sein Auto, kutschiert sie herum, unterhält sich mit ihnen und lässt sie dabei singen. Im Sommer fuhr er vor dem Weißen Haus vor und tat dann ganz überrascht, als Michelle Obama bei ihm einstieg. Rosa-weiß gemustertes Sommerkleid, ärmellos natürlich, große Creolen an den Ohren. Strahlendes Lächeln.

So geht es bei Michelle Obama ja schon los: Sie sieht großartig aus, aber gar nicht so furchtbar durchgestylt. Es kommt dann aber noch besser, spätestens, als er das Radio aufdreht, sie sofort ein paar coole Moves auf dem Beifahrersitz macht, in die Hände klatscht und aus voller Kehle schmettert: "Signed, sealed, delivered, I'm yours ...!"

Der Clip ist für sich allein genommen schon eine Erklärung dafür, wie Michelle Obama in den acht Jahren als amerikanische First Lady zum Popstar werden konnte, zu einem Vorbild für ganz viele ordentlich emanzipierte, moderne Frauen, in den USA und anderswo, die sie mögen und bewundern und selbst gerne wären wie sie. Ist der Präsident in seinem Büro? "Das will ich ihm geraten haben!" Was sie vermissen wird am Weißen Haus? "Die Leute, die sich um uns gekümmert haben, die man jeden Tag gesehen hat." Aha, nicht den 24-Stunden-Room-Service, bei dem sie um drei Uhr morgens ein gegrilltes Käsesandwich bestellen kann? Von diesem Privileg, sagt sie, sind acht Jahre genug, weil man es mit Freiheit bezahlt.

Gute Antwort, genau die, die ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen geben würde, das auf dem Weg nach Washington nicht den Überblick verloren hat. "Hey", sagt sie dann zu Corden, "ich kann mir mein gegrilltes Käsesandwich selber machen. Ich mache sogar verdammt gute gegrillte Käsesandwiches." Für solche Auftritte muss man diese Frau einfach lieben.

Die Konservativen mäkelten an ihren nackten Oberarmen herum - sonst fanden sie nichts

47 Millionen Mal wurde der Clip mit Michelle Obama auf Youtube aufgerufen. Zum Vergleich: Als sich Corden kurz zuvor Gwen Stefani, Julia Roberts und George Clooney gleichzeitig ins Auto geladen hatte, waren es vergleichsweise schlappe 34 Millionen Klicks. Hinter solchen öffentlichen Auftritten steckt bei Michelle Obama natürlich durchaus ein Plan, sie macht das nicht einfach, weil sie gern im Rampenlicht steht. "Erst bringt man die Leute zum Lachen", hat sie in einem Interview mit Variety erklärt, "dann zum Zuhören." Michelle Obama sagt von sich selbst, sie sei ein Produkt der Popkultur; sie hat die Popkultur von Anfang an benutzt, um ihre Botschaften unters Volk zu bringen. Auch im Auto redet sie dann später über Ausbildung.

Man kann sich kaum noch daran erinnern, aber Michelle Obama war nicht von Anfang an populär. Als Barack Obama seine erste Präsidentschaftskampagne startete, galt sie als allzu aggressive Kämpferin für die Rechte von Schwarzen. Nicht vermittelbar, monierten Kritiker. Der NewYorker, alles andere als ein rechtes Kampfblatt, zeigte sie in einer Karikatur auf dem Cover mit Afro-Krause und Gewehr über dem Arm. Sie wurde noch im Wahlkampf zu Barack Obamas wichtigster Geheimwaffe. Die konservative Stilpolizei mäkelte zwar an den nackten Oberarmen herum, die sie auch bei festlichen Dinners vorzeigte, aber sonst fand sich nichts, was man ihr hätte vorwerfen können.

Sie hätte dann auch acht Jahre lang nur das Weiße Haus umdekorieren können, das haben viele First Ladys vor ihr getan. Jackie Kennedy war eine höchst repräsentative Trophäe, Barbara Bush ein liebes Muttchen und Hillary Clinton selbst eine Politikerin, die sich zu schade war zum Keksebacken (was okay war, sie aber besser für sich behalten hätte).

Michelle Obama ist es gelungen, alle diese unterschiedlichen Positionen und Lebensentwürfe zu versöhnen: Berufstätige Frauen ohne Talent am Herd können sich genauso mit ihr identifizieren wie Vollzeitmütter, die ihre Kinder spannender finden als den Job. Michelle Obama ist eine Harvard-Anwältin und hätte es auch alleine weit gebracht - aber ihre Familie ist ihr wichtiger. Nun wird sie bald wieder ausziehen aus dem Weißen Haus, und für ganz viele Frauen, in Amerika und anderswo, tritt da ein echtes Vorbild ab.

Für die Position der First Lady der Vereinigten Staaten gibt es zwar keine Arbeitsplatzbeschreibung, aber in der öffentlichen Wahrnehmung ist dieser Job fast so wichtig, als sei er ein echtes Amt. Die Gattin des Präsidenten - ein männliches Pendant dazu gibt es ja nun mindestens vier weitere Jahre nicht - ist eine öffentliche Person. Eleanor Roosevelt war in den Dreißigerjahren die erste First Lady, die ihrer eigenen politischen Arbeit nachging. Deshalb finden Amerikaner es auch völlig normal, die Beliebtheit der jeweiligen Amtsinhaberin mitzumessen in Umfragen, während ein deutsches Politbarometer, das die Werte für Hannelore Kohl oder Doris Schröder-Köpf ermittelt hätte, ein Skandal gewesen wäre. Bei Michelle Obama ist das inzwischen so: Sie hat in Umfragen vor den Wahlen alle Mitbewerber geschlagen, Hillary Clinton, Bernie Sanders, Donald Trump - und ihren eigenen Mann auch.

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