Messie-Syndrom:Chaos im Kopf

Lesezeit: 6 min

In der Wissenschaft kursieren verschiedene Theorien über die Ursachen des Phänomens. Manche Psychologen gehen davon aus, dass die Blockaden durch traumatische Erlebnisse in der Kindheit hervorgerufen werden. Im neurophysiologischen Ansatz hingegen spricht man davon, dass Aktionen im Gehirn nicht richtig ablaufen.

"Es gibt keine übergreifende Erklärung für dieses Syndrom. Das Messie-Syndrom ist als Krankheit nicht anerkannt. Es gibt auch kein einheitliches Verhaltensmuster, die Gruppe der sogenannten Messies ist sehr heterogen", erklärt Gisela Steins. "Bei vielen Messies finden sich mittlere bis schwere Depressionen und man kann schwer sagen, ob die Depression das Messie-Syndrom oder das Messie-Syndrom die Depression bedingt."

Das äußerliche Chaos kann sich in der ganzen Wohnung zeigen, aber auch nur an einigen Ecken oder hinter verschlossenen Schranktüren. Meist beschränkt sich die Unordnung auf den privaten Bereich, den Raum, in dem man wohnt und lebt. Nach außen können Menschen mit dem Messie-Syndrom sich aktiv geben. So kann jemand in der eigenen Wohnung das totale Chaos verbergen, aber seit Jahren ohne Probleme als Putzfrau arbeiten. Die Scham für das eigene Zuhause bleibt. Daher suchen Messies oft die Isolation. "Als wir damals unser Haus gesucht haben, war für mich am wichtigsten, dass es möglichst einsam lag", erinnert sich Bönigk-Schulz.

Die vermüllte Wohnung als Spiegel der Seele

Wenn man bei Susanne L. einen Blick hinter die Schränke wirft, entdeckt man dort alte Fernsehzeitschriften, Hunderte von Plastiktüten, abgegriffene Plüschtiere, Plastikflaschen, Unmengen an Tassen und Dosen. Haben bedeutet für Messies eine gewisse Sicherheit, die ihnen in anderen Bereichen oft fehlt. Innerlich sind sie unsicher, haben kein Selbstvertrauen. Die angehäuften Schätze werden zu einem Teil der Person. Wegschmeißen ist tabu. Wagt es ein Verwandter oder Bekannter doch einmal, eine Aufräum- und Ausmistaktion zu starten, kann es sogar sein, dass der Messie zustimmt, aber seine Bereitschaft hält nicht lange an. Im Extremfall werden alle Kontakte zu Menschen abgebrochen, die gut gemeinte, aber verfehlte Hilfe anbieten.

Andrea hat das auch immer wieder bei ihrer Mutter versucht. Die alte Frau hortete in ihrer kleinen Wohnung Kleidung und abgepacktes Essen, turmhoch stapelte es sich bei ihr in der Wohnung. "Man weiß ja nie, wann man das brauchen kann." Die Mutter hatte nach zahlreichen Überzeugungsversuchen ihrer Tochter - und nachdem sie sich in der Wohnung nicht mehr bewegen konnte - auch eingesehen, dass sie etwas dagegen tun sollte. Aber alleine schaffte sie es nicht. Also hat Tochter Andrea mitgeholfen und ihrer Meinung nach unwichtige Dinge weggeworfen.

Zunächst war ihre Mutter noch darüber erleichtert, die Wohnung war plötzlich so frei. Doch dann kam das Misstrauen: Hatte die Tochter nicht vielleicht doch etwas Wichtiges weggeschmissen? Panik stieg auf, dass man doch alles hätte brauchen können. Als die Tochter ein paar Wochen später die Wohnung betritt, stapeln sich überall in Plastik verpackte Hemden. Der Drang, sich zuzustellen und das damit verbundene Sicherheitsgefühl hatten Überhand genommen - dafür hatte die Mutter auch geklaut, da sie sich von ihrer kleinen Rente das alles gar nicht hätte leisten können.

Frauen wie Männer sind vom Messie-Syndrom betroffen. "Die Menschen, die unsere Beratungsstelle aufsuchen, kommen aus allen Schichten. Auffällig ist, dass häufig Lehrer davon betroffen sind, wir haben hier aber auch Ärzte, Sozialpädagogen, Anwälte. Dabei sind diese Leute in ihrem äußeren Auftreten oft sehr kultiviert, sie achten auf ihr Äußeres", berichtet Bönigk-Schulz aus ihrer Erfahrung in der Selbsthilfegruppe. Eine vermüllte Wohnung sei nicht automatisch ein Erkennungsmerkmal für einen Messie, das könne auch bei Demenzkranken oder Suchtpatienten vorkommen. Die Blockade des Handelns in der eigenen Wohnung hingegen sei ein deutliches Zeichen für das Messie-Syndrom.

Weiter: Wie man Messies helfen kann...

Zur SZ-Startseite