Süddeutsche Zeitung

Dem Geheimnis auf der Spur:Der Menschenfresser-Baum

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Auf Madagaskar wird seit 150 Jahren ein fleischverzehrender Baum vermutet, dem sogar Menschenopfer dargebracht wurden

Von Sofia Glasl

Wissenschaftler sind nicht selten Ziel von Spott und Hohn, wenn sie neue Theorien präsentieren, die sich der Vorstellungskraft ihrer Kollegen entziehen, von der Öffentlichkeit ganz zu schweigen. Selbst Charles Darwin, der 1859 mit "Über die Entstehung der Arten" die Basis der Evolutionsbiologie gelegt hatte, musste sich in den 1870er-Jahren für seine botanischen Schriften anfeinden lassen. Vor allem sein Grundlagenwerk "Insectenfressende Pflanzen" stieß in Fachkreisen auf Gelächter, weil er seine Beweisführung in Teilen nur auf konservierte Pflanzen stützte, nicht auf lebende. Dass es karnivore Pflanzen gibt, ist heute unbestritten. Darwins Ergebnisse sind mittlerweile in großen Teilen bestätigt.

Welch Glück für Darwin, dass er auch damals bereits Unterstützer hatte. Einige Kollegen, die sich vor allem in der Feldforschung betätigten, berichteten in den folgenden Jahren von fleischfressenden Pflanzen, vor allem in Afrika und Südamerika. Dort wurden sogar Schlauchpflanzengewächse entdeckt, die in der Lage sind, auch kleine Säugetiere wie etwa Mäuse zu fangen und zu verdauen. Um 1874 sorgte ein Brief des deutschen Naturforschers Dr. Karl Leche, später auch Carl Liche geschrieben, für Aufsehen. Dieser berichtete seinem polnischen Kollegen Omelius Friedlowsky von einem fleischfressenden Baum auf Madagaskar. Die Zeitung New York World's Sunday griff den unglaublichen Bericht am 26. April 1874 auf, einige internationale Zeitungen und Fachmagazine zogen in den kommenden Monaten nach.

Der Baum benötigte zehn Tage, um den Körper zu verdauen

Liche berichtet ausführlich vom madagassischen Stamm der Mkodos, die einen tief im Dschungel an einem Fluss gelegenen "Teufelsbaum" kultisch verehren. Der Baum sei um die drei Meter hoch, und sein Stamm gleiche einer zweieinhalb Meter großen Ananas, deren acht Blätter wie knapp vier Meter lange Agavenblätter aussehen. Auf der Krone der Ananas sitzt ein schalenförmiges Behältnis, in dem sie mit Nektar ihre Opfer anlockt. Haben diese einen ersten Schluck der hypnotisierenden Flüssigkeit getrunken, geraten tentakelartige Lianen in Bewegung, greifen das Tier und zerquetschen es nach und nach wie eine Würgeschlange. Die Besonderheit: Der Baum und sein Fallenapparat sind so groß, dass er auch Menschen fressen kann, weshalb die Mkodos ihm regelmäßig Menschenopfer darbringen. Liche berichtet von einer Frau, die zum Baum geführt und unter wildem Geschrei von ihm zerpflückt und dann verdaut wurde. Der halluzinogene Nektar ließ sie in ihrem Todeskampf irre lachen. Die Zuschauer drängten sich um den Baum, sogen das herabtropfende Gemisch aus Gift und Körperflüssigkeiten auf und gerieten in eine unbändige Trance. Der Baum benötigte etwa zehn Tage, um den gesamten Körper zu verdauen. Lediglich der Schädel des Opfers blieb am Fuß des Baumes liegen.

So oder so ähnlich wird die Geschichte seitdem erzählt. Die barbarischen Ausschmückungen variieren bisweilen in ihrer Ausführlichkeit. Im französischen Reisemagazin Journal des Voyages schrieb Bénédict-Henry Révoil 1878 in "L'arbre anthropophage" von einem nahezu deckungsgleichen Erlebnis, allerdings spricht er hier vom Stamm der "Sakataven". Die meistzitierte Quelle für die Geschichte ist jedoch nicht Liches Brief, sondern ein Buch des Amerikaners Chase Salmon Osborn, der 1924 mit "Madagascar. Land of the Man Eating Tree" ein groß angelegtes Überblickswerk zu der bis dahin recht unbekannten Kolonie vorlegte. Die Story ist sein Aufmacher und nimmt nur wenige Seiten des Buches ein. In seinem Vorwort gibt er offen zu, dass der Titel absichtlich reißerisch gewählt sei, um mit diesem Mythos ein möglichst großes Publikum anzusprechen. Ob die Geschichte vom menschenfressenden Baum wahr sei, könne er nicht sagen, er zitiert jedoch Liches Brief beinahe in voller Länge aus einem der Nachdrucke aus den 1870er-Jahren. Osborn berichtet zudem, dass seither viele Forschungsreisende vergeblich nach dem Baum Ausschau gehalten hätten, obwohl Missionare und Eingeborene weiterhin von ihm sprächen. Hörensagen allerdings zählt kaum zu den Standards wissenschaftlicher oder journalistischer Recherche, und es gab weiterhin Kritiker, die genauer hinschauten.

Bereits 1888 hatte ein Magazin den Bericht als Schwindel entlarvt

Bis in die Fünfzigerjahre hatte sich die Geschichte trotz der eher dürftigen Beweislage so verfestigt, dass der Physiker und Wissenschaftspublizist Willy Ley, ebenfalls ein Deutscher, sie in einem seiner Bücher aufgriff. In "Salamanders and Other Wonders: Still More Adventures of a Romantic Naturalist" (1955) macht er deutlich, dass es keinerlei Datengrundlage für den Baum gebe und er sogar davon ausgehe, dass Carl Liche und sein geschätzter Kollege Friedlowsky eine Erfindung seien, ebenso der Stamm der Mkodo. Ein Interview mit Liche, das er 1920 der American Weekly gegeben haben soll, sei auch erstunken und erlogen, Révoils Text demnach ein schnödes Plagiat.

Aus einer wissenschaftlichen Frage wurde also die Frage der Autorschaft. Wer hat den Teufelsbaum letztendlich erfunden? In diesem Fall ist heute, weitere 60 Jahre später, das Internet hilfreich. 2014 nämlich nahm sich ein Redakteur der New York Times nochmals des Falls an und fand in den kurz zuvor digitalisierten Archiven der New Yorker Zeitschrift Current Literature einen Hinweis: Bereits 1888 hatte das Magazin den Bericht in seiner August-Ausgabe als Schwindel entlarvt - die Geschichte stamme aus der Feder eines Schriftstellers namens Edmund Spencer. Spencer, der mit seinen Horrorgeschichten oft an Poe heranreiche, sei der Autor des unsignierten Originaltextes von 1874. Herrn Spencer konnte zu der Causa allerdings nicht mehr gehört werden, der sei 1886 bereits verstorben. Ob er nun ebenfalls eine Erfindung ist, wird wohl nie aufgeklärt werden. Der Teufelsbaum von Madagaskar, so scheint es, ist zwar kein biologisches Phänomen, allerdings durchaus der Beweis für die künstlerische Evolution sensationeller Storys, unverfrorene Plagiate - und die Wohltat gründlicher Recherche.

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