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Mein erstes Mal: Klettersteig:Gams mit Bauchschuss

Ein Berg, ein Mann, eine Tat. Voller Hochmut auf dem Klettersteig auf die Alpspitz - und auf allen Vieren wieder zurück. Von der Schwierigkeit Berge zu versetzen.

Berge und ich sind zwei Dinge, die sich eigentlich ausschließen. Eigentlich. Bis vor kurzen. Eingeteilt in die Rubrik mein "Erstes Mal" war ich mit dem Klettersteig dran. Ein Projekt, das sich mir noch nicht so ganz erschlossen hat. Die phänotypisch anscheinend ungeeignetste Person soll sich an der anscheinend für ihn ungeeignetsten Sportart versuchen. So ging es mir schon mit dem Snowboarden.

Doch kein Wenn und Aber hilft in diese Rubrik. Wieder muss ich auf die Berge und wieder stellt sich kurz vorher, nachdem man erst vollmundig zugesagt hatte, im Moment der Wahrheit weiche Knie ein. Dann schießen einem Fragen über Fragen durch den Kopf: Warum soll man eigentlich auf Berge steigen bzw. klettern? Steinadler sind fast ausgestorben, Edelweiß darf man nicht mehr pflücken und nachdem ich einmal eine Gams-Bratwurst probiert habe, und sie mir nicht schmeckte, lege ich auch nicht besonders viel Wert auf eine Begegnung mit einem Geschwisterteil des Tieres, das ich nur bis zur Hälfte verzehren konnte.

Aber wat mut, dat mut, sagt der Norddeutsche, den es nun einmal in diese Höhenlage verschlagen hat. Denn auf 2050 Meter stand ich plötzlich, nachdem alles so gut begonnen hatte. Mit einem gemütlichen Spaziergang vom Parkplatz zur Talstation der Garmischer Alpspitzbahn (fünf Minuten) zur Gondel, die einen ohne Mühen von 750 Metern auf zwei Kilometer Höhe schaukelte. 1300 Höhenmeter des grandiosen Wettersteingebirges hätte ich sicher so schnell nicht geschafft - und eigentlich war ich schon froh, das grandiose Panorama des, laut lokaler Tourismusindustrie "Juwels des Werdenfelser Landes", von dieser Höhe aus zu betrachten. Doch die eigentliche Anstrengung lauerte noch. Das war mir irgendwie klar, obwohl ich es bis zu diesem Moment noch verdrängen konnte. Noch verbarg sich die Spitze des Berges charmant hinter einer dichten Nebelwand.

Ein Berg, ein Mann, eine Tat

Doch: ein Berg, ein Mann, eine Tat. Ich wollte ich da jetzt hoch. Irgendwie. "Irgendwie" kam jedoch nicht in Frage. Das hatte mir der Mann vom Deutschen Alpenverein schon vorher eingebläut, als ich "nen Helm, nen Gurt und was ich sonst noch für nen Berg auf den Alpen" beim Verleihservice verlangte: "Sie sind sich sicher, dass Sie das machen wollen? Und Sie machen das sicher auch nicht allein?" Mit einiger (gesunder) Skepsis wurden mir die Dinge schließlich ausgeliefert, nebst Rucksack, denn mit einer Fahrradkuriertasche wollte ich nun auch nicht meinen ersten Berg bezwingen. Ich war nicht allein, konnte jedoch beim meinem Mike-Tyson-Kampfgewicht nicht getragen werden, wie ich mir das vorher schon ausgemalt hatte.

Auf 2050 Meter nahe der Bergstation Osterfelderkopf schaukeln noch Drachenflieger gemütlich vorbei - und mir kam kurz der Gedanke, dass ich das nicht lieber hätte ausprobieren sollen. Es hilft kein zetern, schwitzen, zweifeln: Es geht los: Ich lasse die Zivilisation mit seinen Yorkshire-Terriern und Wochenendausflüglern hinter mir.

Doch nach einer Schreckenssekunde steht der 2628 Meter hohe Berg mit seinem pyramidenförmigen Gipfel vor mir. Es gibt nun kein Zurück mehr. Und glücklicherweise wähle ich den kürzesten Anstieg, die "Alpspitz-Ferrata", den Wikipedia als "leichten, weitgehend gesicherten und vielbegangenen Klettersteig" beschreibt. Zwei Stunden soll das für geübte Kletterer dauern. Doch erst mal kam die Überraschung: Bislang hatte ich mir den mysterösen "Klettersteig" in etwa so vorgestellt wie Free Climbing. Also dass ich nur auf meine Muskelkraft und angewiesen bin - und sich meine Hände in Klauen verwandeln, die sich dann nach und nach in immer höhere Felsspalten krallen.

Dann wurde ich aufgeklärt, zwar schon vorher, aber da muss ich weggehört haben: Die Bewegung über den Klettersteig erfolgt über gesicherte Steige durch das Felsgelände der Alpen. Die gesamte Route meines Weges war mit Drahtseilen gesichert, durch das ich mich sichern und stützen konnte. Zuvor hatte ich eine Art Geschirr umbekommen, in das ich mir ein wenig wie ein niedersächsisches Brauereipferd vorkam, doch das kann definitiv keine Berge besteigen.

Klettersteiggeher verfügen also zumindest über einen Hüftsitzgurt. Und damit er nicht abstürzt, falls doch mal Adler oder Gamsen angreifen sollten, muss das Klettersteigset vollständig sein: Immens wichtig ist also ein Karabiner, der immer wieder in das Drahtseil eingelinkt wird. Er wird mitgezogen auf dem Weg nach oben - und nach ein paar Malen entwickelte ich eine Technik auf die ich sehr stolz war: Ich hängte mich vorne ein und an einem Haken linkte ich den nächsten Karabiner ein. Und immer so weiter.

Vorteilhaft auch, das dort, wo ich dachte über dem Abgrund nur Kraft meiner Fingermuskulatur zu klettern, Eisenstifte aus dem Stein ragten, die irgendjemand tief im vergangenen Jahrhundert da reingehauen hatte - und wohl froher Ahnung, dass Klettersteige Jahrzehnte später einmal schwer in Mode kommen würden. Und noch etwas überraschte mich völlig ahnungslosen und naiven Menschen: Im Gegensatz zum Klettern wird ein Seil nicht benötigt. Doch man neben einem sicheren Tritt benötigt ein paar grundlegende Geh- und Steigtechniken, die sich dann quasi von selbst verfeinern. Und plötzlich kam das unerwartete: Ich erlebte eine Bewegungsfreude, die tief in mir geschlummert hatte - und nun geweckt worden war. Für Beobachter war ich zwar immer noch eine "Gams mit Bauchschuss", aber ich war von meiner Willensstärke und Kraft überzeugt sowie davon überzeugt, eine gute Figur zum machen.

Eingeschränkte alpinistische Fähigkeiten

Doch auch wenn ich jetzt hier ein wenig übermütig davon berichte, wie gut ich das konnte: Es ist eben ein Klettersteig eher für Anfänger. Was ich einsehen musste, als ich eine Gruppe von, sagen wir einmal, Achtjährigen und einen anderen Kettenraucher überholte. Die Spannbreite der Klettersteige ist groß: Von einfachen (also meinem) bis zu anspruchsvollen(also nicht meinen) mit langen griff- oder trittlosen Passagen - und viel längeren Geh- bzw. Kletterzeiten.

Meine alpinistischen Fähigkeiten beschränkten sich bis dato auf das Liegen an einem Bergsee und einigen harmlosen Wanderungen durch liebliche Auen, Wälder und befestigte Wege. Ich finde, ich habe mich gut geschlagen. Zumindest bis zum Gipfel. Dort empfing mich ein Kreuz - von dem ich eigentlich hätte ahnen können, dass es ein böses Omen sein könnte.

Denn die wirkliche Herausforderung ist der Abstieg: Plötzlich kam mir alles doppelt so steil vor, der Abgrund lauerte regelrecht auf mich und in einer irren Sekunde dachte ich meinen zerschmetterten Körper müssten irgendwelche wagemutigen Männer, abgeseilt von Hubschrauber, von einer Felsspalte abkratzen. Besonders tückisch: Schneereste. Und das langsame Nachlassen der Kraft besonders in den Unterschenkeln, die hier im Bayernland Wadeln heißen. Da ist dann der Moment nicht mehr weit, wo man anfängt zu fluchen und der Stolz, der Hochmut weicht, den man beim Aufstieg noch hatte. Denn im Gegensatz zum Anstieg ist beim Runterklettern der Gesichtsfeld weit geöffnet. Anstatt ein paar Metern, liegt nun das Tal vor einem.

Irgendwie kam ich runter. Natürlich nicht in der Zeit, die ich vorher dachte und die veranschlagt war. Aber ich kam runter - und das zählte. Und glücklicherweise hatte ich nicht den Abstieg über das Höllental genommen, dass bei mir sicher seinem Namen alle Ehre gemacht hätte. Klettersteig? Immer wieder!