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Mehr als Babyblues:Und plötzlich ist das Gefühl weg

Sie hassen ihre Babys nicht, sie lieben sie aber auch nicht: Bei fast einem Fünftel aller Mütter löst die Geburt eine psychische Krise aus.

Neun Monate lang hatte sie an dem Drehbuch für ihr neues Leben geschrieben. Jede Szene hatte Monika bis ins Detail festgelegt. Ihre Zukunft fühlte sich nach Frottee und zarter Haut an, sie roch nach Babymilch und Kamille. Sie sah sich mit anderen lächelnden Müttern glückliche Kinder schieben. Die perfekte Mutter aus der Windelwerbung.

"Reiß dich zusammen, das ist doch nur Babyblues": Nicht immer werden die Depressionen von Müttern nach der Geburt ernst genommen.

(Foto: Foto: Istockphoto)

Es muss zwei Monate nach der Geburt gewesen sein, da riss der Film. Monika, 41, hatte Angst vor jedem Tag, vor jeder Nacht. Sie schlief nicht mehr, fühlte sich völlig überfordert und einfach so, als hätte jemand es ausgeknipst, war das Gefühl für ihr Baby weg. Sie hasste Johanna nicht, aber sie liebte sie auch nicht - sie war ihr gleichgültig.

Wenn sie ihr Kind im Arm trug, sei das so gewesen, als wäre es "ein Stück Holz", sagt Monika. Sie stillte und wickelte es, aber sie schmuste nicht mehr mit ihm.

Dabei war Johanna ein Wunschkind, das zweite für die Anwaltsgehilfin aus einem Dorf nahe Heidelberg. Monika fand keine Ruhe, der Umzug ins neue Haus stand an, Tochter Louisa kam in die fünfte Klasse, Johanna schrie nur noch.

Irgendwann habe sie sich gefragt, ob sie diese Welt nicht besser verlassen sollte, mit Johanna. Eine Ärztin zog die Reißleine. Seit fünf Wochen ist Monika mit ihrer Tochter im Zentrum für Soziale Psychiatrie im hessischen Heppenheim.

Monika leidet an einer postpartalen Depression. Bis zu einem Jahr nach der Geburt kann die Depression auftauchen und von wenigen Wochen bis zu einem Jahr dauern. Zehn bis 20 Prozent aller Mütter trifft sie, wenige erleiden sie so schwer wie Monika.

Der extremste Verlauf ist die postpartale Psychose, sie trifft zwei von 1000 Müttern. "Reiß Dich zusammen, das ist doch nur der Babyblues", hören betroffene Frauen oft. Tatsächlich fallen 50 bis 80 Prozent aller Mütter in den ersten zehn Tagen nach der Geburt in ein Stimmungstief. Nach wenigen Tagen verschwindet der Babyblues aber wieder; unter Medizinern gilt er als relativ harmlos.

Monika sitzt mit Johanna in der Küche im Mutter-Kind-Haus der Heppenheimer Psychiatrie. Neben ihr: eine Zahnärztin, eine Sekretärin, eine Hausfrau, eine Altenpflegerin, eine Studentin. Einige haben ihr Baby in ein Bettchen in die andere Ecke des Raumes gelegt, manche vor sich auf den Tisch in eine Babywippe. Monika wiegt Johanna im Arm.

In der Therapie geht es darum, Distanzen zu überwinden - zum Kind, vor allem aber zu sich selbst. "Wenn die Mütter zur Ruhe gekommen sind und ihre Probleme in Angriff nehmen, kommt das Gefühl für das Baby automatisch wieder", sagt Hans-Peter Hartmann, der Ärztliche Direktor von Heppenheim. Um das Gefühl zu festigen, gibt es Anleitungen zur Babymassage und zum Verhalten in Problemsituationen, etwa, wenn das Baby schreit. Bindungstraining könnte man vielleicht dazu sagen.

Lange habe sie versucht, ihre Depression "wegzulächeln", sagt Monika. Selbst ihrem Mann habe sie lange nichts erzählt, Freunden gar nicht. "Jeder hätte mich für verrückt gehalten", sagt sie. Ein gesundes Baby, ein Mann mit gutem Job, ein neues Haus. Was will man mehr?

Zwei Wochen bevor sie nach Heppenheim kam, war Johannas Tauffeier. Monika lächelte tapfer durch, keiner der Gäste bemerkte etwas. Im englischsprachigen Raum wird die Wochenbettdepression auch smiling depression genannt. Die Lächeldepression.