Meeresgrüße:Sie haben Post!

Ocean seascape, view to the horizon over the water surface. Ocean seascape, view to the horizon over the water surface.
(Foto: imago images/Mint Images)

Wie ein Selfie aus der Steinzeit: Vor 25 Jahren hat Sara eine Flaschenpost den Wellen überlassen. Damals war sie elf. Und dann?

Von Oliver Lück

"Es war ziemlich genau vor 25 Jahren, ein 8. Juli mitten in meinen Sommerferien. Gemeinsam mit meiner Großmutter stand ich auf der Brücke, die die dänischen Inseln Fünen und Tåsinge verbindet. Ich war elf. Unter uns der Svendborgsund, ein Seitenarm des Großen Beltes, an dieser Stelle etwa 500 Meter breit. Der Wind blies kräftig aus Nordost, in Richtung offene Ostsee. Ich war aufgeregt. Und irgendwann warf ich. Ich hatte Glück, dass das Glas nicht kaputtging. Das sind über 30 Meter dort runter. Wir schauten der Flasche nach. Meine Oma sagte: 'Die schwimmt bis nach Amerika.'"

Hallo Flaschenfinder,

ich heiße Sara und werde am 13. August zwölf Jahre alt. Vor zwei Jahren bin ich mit meiner Familie nach Tansania gezogen, das in Afrika liegt. Jetzt haben wir Sommerferien und sind zu Besuch in Dänemark. Am 19. August werden wir wieder zurück nach Tansania reisen. Im Oktober werden wir Tansania dann verlassen und wieder nach Dänemark kommen. Sara

Sara hatte zwei Adressen auf das Stück Papier geschrieben. Eine von dem Dorf auf Fünen, wo sie aufgewachsen war. Und eine Anschrift in Daressalam im ostafrikanischen Tansania, wo ihre Eltern - der Vater Arzt, die Mutter Hebamme - in einer Klinik arbeiteten. Sara weiß noch ganz genau, wie sie aufs Meer blickte, ihre Flasche inmitten der Wellen - als ob sie nur aufeinander gewartet hätten. Australien? Vielleicht Finnland? Ist der Strand dort schön? Wer findet sie? Hoffentlich freut sich die Finderin oder der Finder! Hoffentlich schreibt er oder sie auch zurück. Die Flasche war schnell außer Sichtweite. Weg? Unterwegs.

Die allermeisten Flaschenposten werden nicht gefunden. Sie treiben ewig umher, werden in einem Strudel gefangen, vom Sand bedeckt, sie werden undicht und gehen unter, landen auf dem Grund des Meeres: ungeborgen, ungelesen, unbeantwortet.

Bei Flaschenposten kann man schon ein paar Dinge beachten. Das richtige Material etwa: kein Plastik, es schwimmt schon genug davon in den Meeren! Durch grünes oder braunes Glas kann man am Strand nicht erkennen, dass etwas drin ist. Ideal ist deswegen klares, etwas dickeres Glas. Vielleicht ein rotes Band drumknüpfen? Dann ist sie auffälliger. Den Brief sollte man möglichst eng zusammenrollen und mit einem Gummiband oder Klebeband zusammenhalten. So kann der Finder oder die Finderin den Zettel einfach aus der Flasche schütteln. Ein Schraubverschluss ist schlecht, da kommt Wasser durch. Viel besser: Naturkorken. Mit etwas Vaseline bekommt man diesen möglichst weit in den Flaschenhals gedrückt. Und natürlich: Der Wind muss unbedingt von hinten kommen, aufs Meer hinaus, zum nächsten, übernächsten Ufer.

Zum Beispiel zu Mogens Christensen. Seit mehr als 60 Jahren lebt er auf Bornholm. Jeden Tag geht er ans Meer. Ganz offiziell. Seine Aufgabe ist, die Küste nach Treibgut abzusuchen. Er ist eine Art Strandpolizist. Sein Revier ist die gesamte Nordspitze Bornholms, fast elf Kilometer. Mit vielen versteckten Buchten, an die selten ein Mensch hinkommt, zerklüftet und abgelegen, felsig und glitschig. Manche Stellen, steil abfallende Granitklippen etwa, erreicht auch der Strandpolizist nicht. "Eine Flaschenpost ist wie ein Schatz. Jedes Mal, wenn ich eine finde, bin ich so gespannt wie beim allerersten Mal." Flaschenpost finden ist gewissermaßen sein Beruf.

Mehr als 250 hat er bereits gefunden. Eine richtige Sammlung mit Liebesbriefen und Urlaubsgrüßen, Schatzkarten, Gedichten und Zeichnungen. Aus Deutschland, Lettland, Polen, Schweden oder der ehemaligen DDR. Viele von Kindern geschrieben, die meisten aber von Erwachsenen. Und es werden immer mehr. Mogens hat eine Art Flaschenpostblick: Hat die Flasche einen Deckel, einen Korken? Ist sie bemalt? Ist da ein Schleifchen drum? Schimmert da Papier durchs Glas? Und er kennt die Strandabschnitte, wo sich durch Wind und Strömungen häufiger was ansammelt. Wo viel Holz, Blätter, Plastiktüten antreiben, findet man auch mal Flaschenpost.

Hallo Sara, ich möchte dir erzählen, dass ich deine Flaschenpost am 2. September 1996 an der Nordküste von Bornholm gefunden habe. Mit freundlichen Grüßen Mogens Christensen

Dass die Nachrichten ein bisschen banal sind, ist ganz normal. Man weiß schließlich gar nicht, an wen man schreibt. Es geht eher um die Reise, das Gefundenwerden, das, was sich in der Zeit zwischen Absenden und Finden abspielt. Saras Flasche etwa ist an vielen Inseln vorbeigetrieben. Entlang der Küsten von Langeland, Fehmarn, Lolland und Rügen - weiter bis nach Bornholm. Ausgerechnet! Ihre Eltern hatten dort einige Zeit gelebt. Sara ist auf Bornholm geboren. Und tatsächlich ging die Unterhaltung zwischen den zwei Bornholmern danach weiter, diesmal auf dem Postweg: Sara und Mogens wurden Flaschenpostfreunde.

Heute ist Sara 37 Jahre alt und hat selbst zwei kleine Kinder. Wenn die beiden Schreiben gelernt haben, werden sie losziehen, vielleicht ein Tag im Juli, den Wind im Rücken, vor sich die Ostsee. "Alles, was man hier reinwirft und schwimmt, kommt irgendwann wieder an Land", sagt sie, "Ostsee ist Postsee."

© SZ vom 17.07.2021
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