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Medizin und Wahnsinn, Folge 157:Der Preis der Gesundheit

Was für Mode, Autos und Unterhaltungselektronik gilt, trifft längst auch für die Medizin zu: Nur was teuer ist, hilft auch. Die Rechnung geht aber nicht immer auf.

Werner Bartens

Kommt eine Frau zum Arzt. Sagt, dass sie zusätzlich zu der konventionellen Therapie auch "von einem anderen Heiler" unterstützend betreut wird. Dort gebe es individuell auf sie abgestimmte Aufbaupräparate, regelmäßig Stoffwechsel-Analysen, monatliche Immun-Checks und nicht zu vergessen den Hormon-Test. "Aber ganz seriös", denn normalerweise würde die Behandlung 7000 Euro kosten, sie müsse nur 3000 Euro dafür bezahlen. "Das ist kein Abzocker", weiß sie. Der Arzt nimmt es hin und sich eine halbe Stunde Zeit für die Patientin, er bespricht sorgfältig das weitere Vorgehen. Er wird für seine Bemühungen 27,85 Euro abrechnen können. Alltag für Ärzte wie Patienten in Deutschland.

Die Kassenhonorare von Ärzten sind im Jahr 2009 deutschlandweit gestiegen.

Je teurer, desto heilender: Patienten rennen jedem Quacksalber hinterher, wenn er seine Dienste und Mittelchen nur hochpreisig genug anbietet.

(Foto: dpa)

Kommen ein paar Weinkenner zum Verkosten. Ihnen werden 80-Euro-Weine serviert. Die Damen und Herren loben das reife, ausgewogene Aroma und sind sich einig: Hier handelt es sich ausnahmslos um Spitzenweine. Danach bekommen sie noch einige Flaschen vorgesetzt, die fünf Euro kosten. Jeder der Kenner findet ein neues Defizit an den billigen Tropfen. Dass so etwas überhaupt verkauft wird. Hinterher sind die Experten kleinlaut. Sie erfahren, dass die Verkostung ein wissenschaftliches Experiment war. Alle Weine wurden neu etikettiert. Die angeblichen 80-Euro-Flaschen waren eine Mischung aus Billig-Fusel, die Fünf-Euro-Weine stammten aus erstklassigen Lagen und kosteten tatsächlich das Zehnfache.

Der Preis bestimmt das Bewusstsein. Was für Mode, Autos und Unterhaltungselektronik gilt, trifft längst auch für die Medizin zu. Nur was teuer ist, hilft auch. Ist es besonders teuer, hilft es umso mehr. Ärzte wissen, dass diese Gleichung grundfalsch ist, Patienten glauben trotzdem daran und rennen jedem Quacksalber hinterher, wenn er seine Dienste und Mittelchen nur hochpreisig genug anbietet.

Auf Kritik reagieren die Beutelschneider unterschiedlich. Die Astrotherapeuten, Steinheiler, Geomantiker, Kügelchendreher und Alchimisten beanspruchen Artenschutz. Ihre Verfahren ließen sich nun mal nicht mit dem stumpfen Werkzeug der Naturwissenschaft erklären, das müssten die dumpfen Rationalisten endlich verstehen. Die Schulmediziner hingegen, die ihr Geschäftsmodell erweitert haben und Ganzkörper-CT, Biomarker-Tests, Hormonstatus und Metabolische Kontrolle in Praxen in urbaner Bestlage anbieten, berufen sich auf den Willen der Patienten und dass ihnen die Wissenschaft langfristig schon recht geben werde.

Ein lokaler Heilpraktiker hat freundlicherweise seine Klientel für uns charakterisiert: "Der typische Besucher einer Naturheilpraxis ist überdurchschnittlich gebildet, meistens mit Abitur, und ein Hochschulstudium ist nicht selten. Er ist finanziell unabhängig, in seiner politischen Meinung eher linksökologisch orientiert, und vor allem lässt er sich nichts vormachen." Ja, genauso stellt man sich das vor - Besserwisser mit üppiger Barschaft, die sich immer sicher sind, mit dem richtigen Bewusstsein das Richtige zu tun. Was so teuer ist, kann ja nicht ganz falsch sein.

Doch die Ärzte holen auf. Sie wollen auch an die großen Fleischtöpfe. In dieser Woche meldet das Wissenschaftliche Institut der AOK, dass die privaten Zusatzleistungen in der Arztpraxis, die Patienten aus eigener Tasche bezahlen müssen - und die meist nichts taugen -, seit 2005 um 50 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2010 gestiegen sind. In diesem Punkt gleichen sich alternative Heiler und konventionelle Ärzte an. Sie werden zu Verkäufern und behandeln auf Kosten der Patienten.

© SZ vom 11. Dezember 2010/holl
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