Süddeutsche Zeitung

Medizin und Wahnsinn, Folge 142:Harmonie durch Plastik

Lesezeit: 2 min

Profi- und Hobbysportler schwören auf "Power Balance"-Armbänder, die angeblich den Energiefluss des Körpers ins Reine bringen - alles nur Esoquatsch?

Werner Bartens

Arjen Robben hat eins. Cristiano Ronaldo auch. Rubens Barrichello trägt es. Der Basketballer LeBron James bindet es sich ebenso um wie der zu jeder Stilentgleisung bereite David Beckham. Unter Profis wie Hobbysportlern greift die neue Sucht nach dem Kunststoff um sich. Sie wickeln sich ein hässliches Plastikband um das Handgelenk, das von Ferne an eine Mädchenuhr für Astronauten erinnert. Als "die neueste Entwicklung der Hologrammforschung" wird es in Sportgeschäften angepriesen, wobei wir die Hologrammforschung bisher wohl unterschätzt haben und jene Kollegen dahinter vermuteten, die lustige Zerrbilder für Zeitschriften wie Geolino oder YPS mit Gimmick entwarfen.

Das Armband hört auf den Namen "Power Balance" und wurde entwickelt, "um mit dem Energiefeld des menschlichen Körpers zu harmonieren". Früher ging man in den Wald oder wenigstens um den Block, um sein Gleichgewicht zu finden. Heute gibt es Slacklines für den Garten und eben "Power Balance". Die Internet-Auskunftei Wikipedia versteht darunter das von der britischen Außenpolitik jahrelang angestrebte Ziel eines Mächtegleichgewichts in Europa. Das trifft es nur ungenau, denn das Power-Balance-Band, das ein Hologramm statt einem Zifferblatt ziert, ist für "Menschen, die auch im Alltag von einem natürlichen Energiefluss profitieren wollen".

Hier in der Redaktion gibt es energiegeladene Kollegen, die sich nicht nur nach durchzechten Nächten Gedanken über lukrative Geschäftsideen machen. Sie sollten sich ein Beispiel an den Erfindern von Power Balance nehmen, die Esoquatsch mit einer Prise Fernost und geheimnisvollen Energien und Strahlen angereichert haben: "Die in fernöstlichen Kulturen jahrtausendealte Erkenntnis, dass das Wohlbefinden vom natürlichen Energiefluss abhängt, findet auch im Westen zunehmend Akzeptanz. Ziel ist, das Energiefeld von schädlichen Störungen zu befreien", heißt es über Power Balance. "Kern der Produkte sind Hologramme aus einer Mylar-Folie, die im Rahmen eines speziellen Verfahrens mit Energiewellen in einem natürlichen Frequenzbereich behandelt wurden."

Wer es nicht spürt, ist selbst schuld

Nach diesem Geraune ist die Begründung dafür, warum eine Wirkung des Plastikschmucks wissenschaftlich nie nachgewiesen werden kann, besonders hübsch: "Es wird von zahlreichen, positiven Reaktionen beim Tragen von Power Balance berichtet", schreiben die Vertreiber. "Doch erklären oder gar objektiv messen lassen sie sich nicht. Ausprobieren muss es jeder selbst."

Tja, so ist das mit moderner Lebenshilfe. Wer es nicht spürt, ist selbst schuld. Und wenn es wirkt, ist das ja wohl Begründung genug. Und überhaupt: Würden erfolgreiche Sportler die Energie-Handschellen tragen, wenn sie nicht wirken würden? Eben. Wer die Dinger nicht um Hals oder Hand binden will, kann sie übrigens auch als Aufkleber an jeder Stelle der Haut anbringen.

Eine solche Entwicklung hat natürlich ihren Preis. Armbänder kosten 39,90 Euro, Halsketten sind für 49,90 Euro zu haben. Die geschätzten Produktionskosten haben wir harmonisch auf 50 Cent aufgerundet, so dass noch eine kleine Gewinnspanne übrigbleibt. Gelungen ist auch die Strategie, bei den Käufern ein Bewusstsein für den Preis und die Wertigkeit zu wecken. Sie sollen schließlich davon überzeugt werden, nur das Original zu kaufen: Unübersehbar prangt auf der Homepage der Warnhinweis, dass es sich bei womöglich billigeren Balance-Armbändern und -ketten nur um Fälschungen und Plagiate handeln kann. Bleibt allerdings die Frage, was ist, wenn auch die preiswerte Nachahmung wirkt - messen lässt sich das ja nicht, und ausprobieren muss es schließlich jeder selbst.

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Quelle:
SZ vom 25.12.2010/jado/vs
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