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Medizin und Wahnsinn (92):Wenn Äskulap dichtet

Wenn Ärzte ihre Leidenschaft für das literarische Schreiben entdecken, kommt selten etwas Gutes dabei heraus. Das beweist ein neues Buch.

Manchmal tut schon die Beschreibung weh. Aber wer aufklären will, darf die dunklen Kapitel der Medizin nicht ausblenden. Die Rede ist von schreibenden und dichtenden Chefärzten. Mit schreibenden Ärzten sind nicht jene Mediziner gemeint, die sich der Forschung verpflichtet fühlen. Die sprachliche Schnittmenge von Fachchinesisch und Pidgin-Englisch ihres Grundwortschatzes umfasst etwa 120 Begriffe, aber damit verfassen sie immerhin zukunftsweisende Artikel. Zukunftsweisend, weil diese Texte immer mit dem Satz enden: "Further studies are necessary."

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Leider sind schreibende Ärzte selten große Dichter.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Während weitere Studien für den Fortschritt manchmal tatsächlich notwendig sind, braucht es Kunst und Literatur von Ärzten nur selten. Klar, auf Ausnahmen wie Alfred Döblin, Gottfried Benn, Friedrich Schiller, Arthur Schnitzler und François Rabelais will niemand verzichten. Vorsicht ist aber geboten, wenn der Arzt seinem schwer erträglichen Buch auch noch Faltblätter mit den Abbildungen seiner Kunstwerke beilegt.

Der Arzt, der hier gemeint ist, malt einäugige Skelette und tanzende Synapsen. Man möchte nicht hinschauen. Hätten sich diese Doktores doch mit der ärztlichen Kunst begnügt, Goethe zitiert und ihren Platz im Theater vorhersehbar entrüstet verlassen, wenn die Aufführung zu körperlich war. Aber nein, sie müssen selbst schöpferisch tätig werden. Leider haben sie dazu beste Voraussetzungen: Chefärzte waren im Beruf zumeist wenig Kritik ausgesetzt und sind daher leichte Opfer für Geschmacklosigkeiten und Fehler. Ihre Erfahrungen teilen sie ungerührt mit, seien sie auch noch so banal. Unglücklicherweise verfügen sie im Ruhestand über genug Zeit und Geld, um Bücher im Selbstverlag unter das Volk zu bringen.

Wer will so etwas lesen?

Ein trostloses Beispiel ist gerade von Johannes Jörg erschienen. Sein Buch heißt "Sind Sie korrupt, Herr Doktor?". Statt um Pharma-Betrug geht es hier aber eher um persönliche Dinge des Autors: "Ich mache die Vorhänge auf, da ich mit Genuss - das bedeutet mit allen sensorischen Eindrücken - bumsen möchte", erfahren wir von dem emeritierten Professor. Da es sich im weitesten Sinne um ein Medizin-Buch handelt, werden Symptombeschreibung und mögliche Diagnose gleich nachgeliefert: "Der Samenerguss ist wieder gleich null, wohl Folge einer retrograden Ejakulation dank der Sphinkter-blockierenden Wirkung der Tamsulosin-Tabletten."

Tamsulosin und Tandaradei, wer will so etwas lesen? Nach dem Samenerguss kommt der Autor umstandslos zur Seifenbürstenmassage im Friedrichsbad in Baden-Baden, zu den niederrheinischen Sinfonikern in Rheydt und verrät, dass er "das Herunterlaufen des sehr kalten und heißen Wassers in meiner vorderen und hinteren Schweißrinne" genießt. Manchmal hat er "viel Wertvolles zur Klimafrage und zur Entwicklung des Parteiengefüges in der Zeit" gelesen, bevor er wieder zu Betrachtungen über seine Restharnmenge ansetzt.

"Wir essen gemeinsam Tafelspitz und alle sind von der Qualität dieses Fleisches begeistert", heißt es an anderer Stelle. Auch für Tierstudien bleibt Platz: "Die Entenmutter fliegt zusammen mit dem Enterich zur Fütterung ein, von den 5 oder 6 Küken fehlt aber jede Spur." Dann kommt der Autor wieder zu seinem Anliegen: "Nümmerchen und Frühstück gehen nahtlos ineinander über", was man sich lieber nicht konkret vorstellt.

Man fragt sich, wie dieser Mann in seiner aktiven Zeit als Arzt Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden konnte. Außerdem möchte man ihm die Bamberger Gespräche empfehlen. Am 5. September findet dort eine Veranstaltung zum Thema "Harninkontinenz und Sexualität" statt. Der Autor wird allerdings wohl kaum kommen können, denn der 5. September ist ein Samstag. Und samstags hat der ehemalige Chefarzt seine Prinzipien: "Morgens lieben wir uns - es ist ja Samstag - in voller Leidenschaft."

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