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Medizin und Wahnsinn (130):Der Tor und der kleine Tod

Wenn ein Mann eine Frau attraktiv findet, dann hat das nur sehr wenig mit Schmetterlingen und ähnlichem zu tun. Es bedeutet vor allem eines: Stress!

Werner Bartens

Der Mann an sich ruht in sich, wenn man ihn in Ruhe lässt. Dann gluckst der Darm zufrieden vor sich hin, der Brustkorb weitet sich gemächlich im Takt der tiefen Atemzüge, das Herz schlägt ebenso eintönig wie selbstzufrieden, und die Leber sezerniert ab und an ein paar Verdauungssäfte dazu.

Werner Bartens, Stress, Hormone, rtr

Die weibliche Attraktivität kann für den Mann nicht länger als schön befunden werden: Das Blut wird zähflüssiger, die Infektanfälligkeit steigt und Wunden heilen schlechter...

(Foto: Foto: reuters)

Doch diesem harmonischen Einklang von Körper und Seele droht jähe Unterbrechung: "Da kam uns in den Weg ein Weib", schreibt Hugo von Hofmannsthal in seinem kleinen Drama "Der Tor und der Tod", das leider schon im Titel andeutet, dass die Geschichte für den törichten Mann kaum gut ausgehen kann. Was der Dichter Hofmannsthal hier lyrisch anmoderiert, erhärten nun auch Neuroforscher aus Spanien und den Niederlanden.

Die Psychologen haben untersucht, wie es sich auf den Hormonhaushalt und den Stresspegel gefestigter Männer auswirkt, wenn sie mit anderen Menschen in Kontakt treten. 84 Freiwillige waren zu dem Versuch bereit, neben vielen anderen Werten wurde auch ihr Cortisol-Spiegel gemessen. Das Hormon Cortisol wird in der Nebennierenrinde gebildet, und eine plötzliche Erhöhung zeigt recht zuverlässig eine Stressreaktion an, es ist eine Art biochemisches Krawallsignal.

Die Männer in dem Versuch waren recht ausgeruhte Kerle, deshalb zeigte ihre Cortisol-Konzentration auch die tagesübliche Absenkung, wenn sie auf andere Männer trafen. Hatten sie hingegen Kontakt mit einer Frau, senkte sich ihr Cortisol-Spiegel nur ein wenig. Der Körper ahnte schon, dass es bald Stress geben würde.

Gänzlich aus dem Häuschen gerieten die männlichen Cortisol-Konzentrationen jedoch, wenn die Männer die Frauen attraktiv fanden. Man muss künftig weiche Knie und Schmetterlinge im Bauch nicht mehr als romantische Begleiterscheinung akuter Verliebtheit fehldeuten. Vielmehr handelt es sich hierbei um die ersten Anzeichen einer akuten Belastungsreaktion, die für den Körper puren Stress bedeutet. Das Blut wird zähflüssiger, die Infektanfälligkeit steigt und Wunden heilen schlechter, wenn der Cortisol-Spiegel in die Höhe schießt - der Tor ist dem Tod im Zweifel dann näher als der großen Liebe. "Du machst mich schwach", hat auch eine ausgesprochen körperliche Bedeutung.

Die melancholische Liebesdichterei hat das schon früh erkannt. "Erst da ich sterbe, spür ich, dass ich bin", sagt der Edelmann Claudio in Hofmannsthals bereits erwähntem letalen Drama, was schade ist, denn erst an seinem persönlichen Ende erfährt der törichte Protagonist, was Leben heißen kann und dass es mit Stresserfahrungen für Körper und Geist verbunden ist.

Es ist daher kein Zufall, dass die innigste mental-physische Zusammenkunft von Mann und Frau beim Liebesspiel auch als "kleiner Tod" - oder in der Sprache der Amourösen und Morbiden als "La petite mort" bezeichnet wird. Hier kommen Stress und Attraktion final zusammen - auch hormonelle Gegensätze ziehen sich an.

Für Frauen scheint das Balzverhalten weniger gefährlich zu sein als für Männer. Sind sie Stress ausgesetzt und stehen vor einer schwierigen Aufgabe oder einer belastenden Situation, kann ihnen männliche Begleitung sogar helfen. Im Idealfall schüttet der Hypothalamus der Frau Kuschelhormone aus, sie beruhigt sich und kann schwierige Situationen besser meistern.

Damit dies gelingt, muss sich der Mann an ein paar Spielregeln halten. Nackenkraulen und Rückenmassagen reichen völlig aus, um den Stresspegel der Frau zu senken, mehr Zärtlichkeit muss nicht sein. Falsch ist es, wenn der Mann der Frau gute Ratschläge geben will oder beruhigend auf sie einzureden versucht. Für sie ist es am besten, wenn er sie massiert und ansonsten die Klappe hält.

© SZ vom 25.12.2010/che

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